Humboldt

Slow Abi

von Christian Füller 8. August 2018

SOMMERPAUSENSONDERSENDUNG: Die Wilhelm-von-Humboldt-Schule wird von Bewerbern überrannt. Viele Eltern wollen ihren Kindern hier ein sanftes Abitur bescheren. Und auf einmal gibt’s – Berufsberatung.


ARTIKEL vom 4. Juli 2018:

Ein hübsches Wettrennen ist es, was sich Lea und Leon* (im folgenden sind die Namen aller Kinder geändert) da liefern. „Nein, Du darfst mich nicht überholen“, ruft die Siebenjährige ihrem Mitschüler über die Schulter zu. Der guckt gar nicht auf, sondern schreibt weiter und ziemlich elegant Wörter mit „Y“ in sein Konfetti-Schreiblernheft. Die beiden Zweitklässler tun etwas, von dem Grundschullehrer*innen träumen: sie machen ein Schönschreib-Rennen – sie üben die Schreibschrift anmutig, schnell und eigenständig. Lea und Leon erfüllen damit das erklärte Ziel der Wilhelm von Humboldt-Gemeinschaftsschule in Pankow: Kinder sollen hier zu eigenständigem Arbeiten erzogen werden.

Den Eltern rund um die Erich-Weinert-Straße 70, wo die Humboldt-Schule ihren Standort hat, scheint das zu gefallen. Die hoch anspruchsvollen Mütter und Väter des Prenzlauer Bergs – im Land als linksliberale Bionade-Spießer verschrieen –, melden ihre Kinder wie verrückt an der Schule an. Obwohl es rings rum exzellente Gymnasien wie etwa das Rosa Luxemburg-Gymnasium gibt, muss die Humboldt-Gemeinschaftsschule stets Dutzende Bewerber abweisen. Warum?


Von der Ersten bis zum Abi
Das Geheimnis könnte darin liegen, dass die Humboldt-Schule zu jenen neuen Schulen gehört, die die deutsche Schulgeschichte auf den Kopf stellen. Dort kann man so lernen, wie es früher ausdrücklich verboten war: ab der ersten Klasse und bis zum Abitur in ein und dieselbe Schule gehen – und dabei auch noch frei arbeiten. Slow Food gibt es im Prenzlauer Berg schon, nun gibt es auch: Slow Abi.

Die Wilhelm-von-Humboldt-Gemeinschaftsschule ist die erste Schule aus Pankow, die wir in einer Bildungs-Reihe portraitieren. 

Wer in der Lerngruppe der Füchse hospitiert, bekommt eine Ahnung davon, warum die Schule so nachgefragt ist. Bei den Füchsen sind Schüler der ersten, zweiten und dritten Jahrgangsstufe, in der Humboldtschule wird nämlich jahrgangsübergreifend gelernt. Lehrerin Rebecca Amslinger und ihre Kollegin, eine Sonderpädagogin, beginnen die Stunde, indem sie die Kinder vor die Wahl stellen: Wer hat Lust, weiter am Ährenprojekt zu knobeln? Und wer will lieber Rechnen oder Schreiben üben?

Für einen Augenblick ist so etwas wie Unsicherheit zu verspüren. Verstehen die Sechs- bis Achtjährigen wirklich, was sie machen sollen? Sie wirken unschlüssig, Gemurmel entsteht. Die Lehrerin und ihre Assistentin müssen nochmal erklären, was die Alternative ist: im Klassenraum Projekt machen – oder im Teilungsraum Schreiben und Rechnen. Jetzt teilen die Kinder sich auf. Lea und Leon zum Beispiel gehen in den zweiten Lernraum, um – wie gesehen – ihr Schreibrennen aufzunehmen. Die Hälfte der Füchse tippelt hinüber.

Die Kinder entscheiden 

Die junge Lehrerin Rebecca Amslinger muss den beiden Schnellschreibern Lea und Leon nicht helfen. Dafür hat sie jetzt mehr Zeit für die ABC-Schützen, die noch Fragen haben. Manche sind noch im ersten Konfetti-Schreibheft. Amslinger unterstützt jene Kinder, die noch nicht mal in die Nähe des Y gekommen sind. Die Kinder können aber auch rechnen – sie entscheiden das selbst.

Lisa ist drüben im Hauptklassenzimmer geblieben, ein zartes blondes Mädchen. Sie möchte nicht rechnen, sondern ihr Naturprojekt voranbringen. Dafür muss sie nachdenken. Ist das jetzt die Ähre vom Roggen oder von der Gerste, fragt sie sich. Sie hat eine Skizze der Ähre vor sich, ein Foto, in einer Kiste sind die Ähren sogar im Original zu greifen. Lisa soll in „Station 2“ dieses Projekts die verschiedenen Getreidesorten definieren. Was ihr gerade ein bisschen Kopfzerbrechen bereitet: sie hat letzte Stunde offenbar eine Überschrift falsch auf ihr Arbeitsblatt geklebt. Das ist gar nicht Gerste, das ist Roggen! Mit ihrer Lernbegleiterin findet sie es heraus. Das Projekt hat Stationen: vom „Aufbau der Pflanze“ bis zu „Ernte früher und heute“ gehen diese. Auf einem Bauernhof hätte es vielleicht noch mehr Spaß gemacht.

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Auf den Kapitalismus vorbereiten

Stephen Bölsche* (Name geändert) ist einer der Väter, der es gern gesehen hätte, wenn seine Tochter hier hätte lernen können. „Mich hat dieses Konzept absolut überzeugt“, sagt er. „Ich finde es faszinierend, wie die Kinder sich in der Jahrgangsmischung gegenseitig helfen“. Das Lernmodell fördert zugleich die Selbständigkeit und den Teamgeist. Die Drittklässler etwa sind ganz stolz, wenn sie den Kleinen zeigen können, wie hier der Hase läuft. Bölsche hat als Publizist ständig damit zu tun, einerseits originell und unverwechselbar zu sein – und gleichzeitig im Team von Redaktionen zu funktionieren.

„Es ist doch unsinnig, wenn man einerseits ein sehr spezielles und gutes Konzept für eine Schule entwirft – aber die Leute, die es gut finden, oft nicht reinlässt, weil am Ende die Entfernung zu Fuß entscheidend ist.“

Bölsche ist aber zugleich ein Beispiel für den Wahnsinn von Abiturboom, Schulwahl und Zukunftsangst. Er mochte nicht akzeptieren, dass die Humboldt-Schule seine Tochter ablehnte. Daher zog er vor Gericht, und er hat einen wichtigen Punkt vorzubringen. „Es ist doch unsinnig, wenn man einerseits ein sehr spezielles und gutes Konzept für eine Schule entwirft“, sagt er, „und die Leute, die es gut finden, oft nicht reinlässt, weil am Ende die Entfernung zu Fuß entscheidend ist.“

„Das können nicht alle Lehrer!“

Freilich gibt es nicht nur Eltern, die ihre Kinder unbedingt hier her bringen wollen, andere wollen sie rausholen. In der Onlineausgabe der Wochenzeitung DIE ZEIT klagte eine Mutter, dass ihr Sohn Bauchmerzen bekommen habe – wegen der Art des Lernens in der Humboldt-Gemeinschaftsschule. „Er wollte nicht mehr zur Schule gehen“, schrieb die Autorin, weil „er als Erstklässler komplett damit überfordert war, sich selbstständig zu strukturieren.“ Der Text war starker Tobak: Die Humboldt-Schule behandle Erstklässler schon wie Erwachsene. Ein bisschen schwang mit, die Schüler würden zu Einzelkämpfern für den globalen Kapitalismus trainiert. In den Leserkommentaren prügelten sich über 200 Einsender praktisch nur um eine Frage: Kann man verschiedene Talente in einem Klassenzimmer fördern?

Ein Vater, der ein Kind an der Schule hat, findet die Neoliberalismus-These aus der ZEIT vollkommenen Blödsinn. Sein Nachwuchs hatte weder Kopfweh noch Konkurrenzprobleme, sondern schlicht eine Lücke. Während der Vater dachte, alles bestens, das Kind fühlt sich wohl, fand er in der vierten Klasse plötzlich heraus, woher ihr Wohlsein kam: da wurde seine Tochter für bestimmte Einheiten wieder in die Lerngruppe 1 bis 3 zurück geschickt. Um Stoff aufzuholen. Sie hatte in einem Fach eine gehörige Portion Rückstand aufgebaut. „Ich stehe vollkommen hinter dem Konzept des individuellen Lernens“, sagt er, aber, er flüstert jetzt in seinen Stoppelbart hinein: „Im Ernst, das können nicht alle Lehrer hier!“

Entwicklungsgespräche mit den Eltern

Die Lehrer wiegen mit dem Kopf, wenn man sie nach der Situation fragt. Sie sagen: Nicht jeder Kollege ist gleich gewitzt beim individuellen Lernen. Und die Lehrer sagen auch: so richtig gut aufgepasst hat der Vater wohl nicht – denn alle halbe Jahre treffen sich Eltern, Kind und Lehrer zur Evaluation. Das ist dann so eine Art Personalentwicklungsgespräch, in dem das Kind berichtet, was es gelernt hat, wie es sich dabei fühlt – und was seine nächsten Ziele sind. Sollte ein Kind in einem Fach einen Rückstand entwickeln, dann kommt es in diesem Gespräch raus. Und das ist ja noch das Logbuch. Da steht drin, was im Unterricht gemacht wird. Jeden Tag. Immer wieder müssen die Eltern per Unterschrift bestätigen, dass sie ins Logbuch geguckt haben.

Irgendwie hat die Humboldt-Schule schon immer Wohl und Wehe auf sich gezogen. Als sie 2008 gegründet wurde, gab´s gleich schlechte Laune. Denn ihre Gründungs-Rektorin Gabriele Anders-Neufang kam von der nahe gelegenen Thomas-Mann-Grundschule. Freilich nahm die Schulleiterin – die ein Star unter den Berliner Rektoren war – einige der Lehrpersonen mit. Die Zurückgelassenen ärgerten sich darüber. Inzwischen hat Judith Bauch die Schulleitung in der Erich-Weinert-Straße übernommen. Sie kam von der berühmten Rütli-Schule in Neukölln. Als Schüler sie im Schülermagazin Transparent fragten, welche Schule sie besser findet, Humboldt oder Rütli, antwortete sie diplomatisch: „Ich habe ausgesprochen gern mit den Jugendlichen gearbeitet, die aus vielen verschiedenen Nationen kamen.“

Projekt Dracula

Die Humboldt-Schule ist ein bisschen wie die aus der WM ausgeschiedene Fußball-Nationalmannschaft: Manches ist Weltklasse, anderes fühlt sich wie Kreisklasse an. In der Lerngruppe der Gingkos sieht man, wie sehr die Schüler an dieser Art des Lernens Gefallen finden. Als der Reporter kurz vor dem Pausengong nach den Themen der Projekte fragt, die die Schüler für sich gewählt haben, schnellen die Finger hoch – und fast alle erzählen begeistert, dass sie Graf Dracula bearbeiten, ägyptische Mythologie oder die Fortbewegungsmittel im alten Ägypten. Und und und. Die Schüler denken gar nicht dran, in die Pause zu gehen. Das ist das Geheimnis der Schulen individuellen Lernens – die großen Projekte. (Siehe Video) Das spannendste: die Herausforderung. Da müssen sich Schüler als Gruppe ein Ziel suchen und dann drei Wochen auf Exkursion gehen. Ein Abenteuer.

Für den Reporter war die Stunde bei den Gingkos nicht so leicht zu kapieren. Aber die Schüler wussten genau, was sie wollten. Viele arbeiteten an einem Brief, den sie an ihre Lehrerin zum Schuljahresende schrieben: was hat mir dieses Schuljahr gefallen, was war nicht so doll? Immer wieder verschwand eine Gruppe in den Teilungsraum, um dort in Minigruppen mit der Lehrerin an bestimmten Themen zu arbeiten. Im Klassenzimmer waren noch zwei weitere Lehrpersonen: eine Erzieherin und eine zweite Lehrerin, Valérie Vauzanges. Sie betreut eigentlich die Panther, das ist eine Lerngruppe aus Siebt- bis Neuntklässlern, die aber waren drei Wochen auf Herausforderung. Also guckte sich Vauzanges in dieser Phase ihre künftigen Schüler an. Die Sechstklässler der Füchse kommen im September zu ihr.

Lehrer muss man können

Kann man mit 26 Schüler in einem Klassenraum jedem Kind gerecht werden, wenn deren Talent irgendwo zwischen Förderbedarf und Gymnasialempfohlung liegt? Vauzanges, die einen kurzgeschorenen Schädel präsentiert, auf dem oben ein Irokesenkranz mit Dreadlocks platziert ist, guckt fast ein bisschen empört: „Na klar, geht das.“

„Ich weiß als Lehrerin sehr genau, welche Kinder sofort von sich aus zu arbeiten beginnen, weil sie das einfach können. Als nächstes muss ich zu meinen Spezialisten: denn wer nicht startet, der stört.“

Reporter: „Es gibt Lehrer, die sagen, das geht nicht.“

Vauzanges: „Es gibt immer Leute, bei denen irgendwas nicht geht: zu viele Kinder, die falschen Kinder, irgendwas in China ist umgefallen. Aber, hey, eins ist klar: Lehrer – das muss man auch können. Ich habe eine Zeit lang in der Wirtschaft gearbeitet. Wenn ich 50 Kollegen zum Arbeiten bringen kann, dann werde ich das wohl auch mit 26 Kindern schaffen!“

Und dann erklärt diese patente, im Unterricht sanfte und zugleich strenge Lehrerin, wie das geht: Die Lehrkraft müsse wissen, wer ihre Kinder sind, wo sie stehen, das sei klar. Es gebe massenweise Lehrmaterial, das ein und das selbe Thema in verschiedenen Niveaus bereit stelle.

Wer nicht startet, der stört

Vauzanges kann am besten selbst erklären, wie sie individuelles Lernen anstiftet: „Ich weiß als Lehrerin sehr genau, welche Kinder sofort von sich aus zu arbeiten beginnen, weil sie das einfach können. Als nächstes muss ich zu meinen Spezialisten: denn wer nicht startet, der stört. Die Kinder, bei denen ich weiß, dass sich nicht so gut aufpassen oder ein bisschen mehr Zeit brauchen, zu denen muss ich als erstes gehen, um ihnen auf die Spur zu helfen. Und so gehe ich dann durch die Klasse durch und widme mich jeder Gruppe. Irgendwann komme ich dann bei den Schnellstartern an – und kann ihnen gegebenenfalls weitere Übungen oder Extraaufgaben geben.“

Tatsächlich kann man bei den Gingkos sehen, was Vauzanges beschrieben hat. Wie von Geisterhand geführt, machen die Schüler ihre Arbeiten.

Montessori-Mütter

Die Montessori-Mütter aus Prenzlauer Berg wollen freilich nicht nur sanftes Lernen, sondern auch das Abitur. Das ist ja die Besonderheit der jungen Schulform Gemeinschaftsschule, die es bislang nur in Schleswig-Holstein, Berlin, Saarland, Sachsen-Anhalt und nun auch in Baden-Württemberg gibt. Nach dem Gründer dieser Schule, dem Schulentwicklungsforscher Ernst Rösner, ist der Vorteil dieser Schule, „dass sie den Eltern eine Schulform bietet, die ihren Kindern den Weg zum Abitur offen hält – und zwar möglichst ohne Schulwechsel.“

Die Humboldt-Gemeinschaftsschule hat aber keine eigene Oberstufe bekommen. Sie kooperiert vielmehr mit einer – Überraschung! – beruflichen Schule, der Elinor-Ostrom-Schule. Die gemeinsame OHO, die Ostrom-Humboldt-Oberstufe, bietet Gymnasialprofile an, die sich ziemlich ausgefallen anhören: „Weltenbummler“ zum Beispiel oder „Die Welt designen“ oder „Start up“ – in diesem Profil, so steht es im Konzept, „können Sie ihr eigenes fiktives Unternehmen gründen und lernen dabei die wichtigsten Aspekte einer Existenzgründung kennen.“ Dafür müssen alle Schüler der Humboldt-Schule in der elften Klasse Wirtschaft belegen. Es soll Eltern des Bionade-Milieus gegeben haben, die deswegen die Nase gerümpft haben. Aber die Ostrom-Schule weiß, was sie kann. 2014 war sie für den Schulpreis nominiert, nicht viele Schulen schaffen das.

Die Humboldt-Schule hat noch eine Überraschung für ihr Prenzlberger Klientel parat: Berufsberatung. Das ist für die Schüler in diesem Kiez noch vollkommen fremd. In ihrer Lebenswelt kommen Berufe der dualen Ausbildung quasi nicht vor. Valérie Vauzanges findet es aber wichtig, jungen Menschen alle Optionen offen zu halten. „Es wäre nicht sehr verantwortlich, wenn Gemeinschaftsschulen Schüler nach zehn Jahren entlassen, ohne dass die eine Vorstellung davon haben, dass es außer Studium noch andere Sachen gibt“, sagt sie.

In den Berufeworkshops passiert dann etwas ziemlich Interessantes. Die Schüler interessiert meist irgendwie nicht, welche Berufe es gibt und wie ausgefeilt sie sind – insgesamt existieren 330 definierte Berufe. Die Schüler spielen sich dann in verteilten Rollen gegenseitig Jobs vor. Es entsteht ein Berufsraten a la „Was bin ich?“ – und plötzlich werden die Kinder des Prenzlauer Bergs neugierig. Vauzanges hat erlebt, dass Schüler ihren Namen in die Berufsbroschüren des Arbeitsamtes geschrieben haben. Sie blätterten lange darin – obwohl längst Pause war. Begeisterung scheint ein Markenzeichen dieser Schule zu sein.

Weitere Informationen zur Wilhelm von Humboldt-Gemeinschaftsschule und zur Oberstufe mit der Ostrom-Schule

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