Prenzlauer Berg

Kiezgeschichten: Romane über Prenzlauer Berg

von Julia Schmitz 6. August 2018

SOMMERPAUSENSONDERSENDUNG: Ob am See, am Meer oder in den Bergen: Ihr könnt Prenzlauer Berg einfach mit in den Urlaub nehmen! Wir haben euch aktuelle Romane zusammengestellt, in denen der Stadtteil die Hauptrolle spielt.


ARTIKEL vom 18. Juni 2018:

Prenzlauer Berg hat eine reichhaltige Geschichte, die in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten immer wieder als literarische Inspiration diente. Seien es Themen aus der Kriegs- und Nachkriegszeit, den vier Jahrzehnten DDR oder den bahnbrechenden Umbrüchen der Gegegnwart: Über Prenzlauer Berg schreibt es sich gut – mal mit den üblichen Klischees, mal erfrischend anders.

Vor einer Weile hatten wir für euch bereits eine kleine Prenzlauer Berg-Bibliothek zusammengestellt; aufgrund vieler Neuerscheinungen ist es nun an der Zeit, diese zu ergänzen. Fehlt etwas? Dann freuen wir uns sehr über eure Ergänzungen!

Prenzlauer BergMaik Siegel: Hinterhofleben
Ein Roman mit Konfliktpotential: Bisher ging es im Mietshaus der Nummer 68 auf einer Hauptstraße in Prenzlauer Berg recht beschaulich zu. Doch die Hinterhofidylle hat ein jähes Ende: Zwei der Bewohner entscheiden sich, einen syrischen Flüchtling aufzunehmen und ihm bei der Gewöhnung an sein neues Zuhause zur Seite zu stehen. Doch kann man einen traumatisierten Menschen einfach aufnehmen wie ein Haustier? Und was passiert, wenn dieser eigentlich gar nicht dem Bild eines Kriegsflüchtlings entspricht? In der Nummer 68 geht es fortan drunter und drüber, Klischees und Vorurteile kommen ans Licht, es bilden sich Allianzen unter den Bewohnern und am Ende gibt es einen großen Knall… Maik Siegel nimmt sich Themen wie Flüchtlingskrise, Vorurteile, Mitmenschlichkeit und Zusammenhalt an und entlarvt dabei das ein oder andere Verhaltensmuster im Leser. // Divan Verlag, 15,90,- Euro

Prenzlauer BergEva Sichelschmidt: Die Ruhe weg
Hinter der pastellfarben gestrichenen Altbaufassade brodelt es: Marlies und Till, seit vielen Jahren verheiratet und Eltern zweier Kinder, haben sich nichts mehr zu sagen. Während Till, ein leicht lethargischer und unentschlossener Mann, seine Nächte immer häufiger auf dem Sofa verbringt, genießt Marlies erotische Eskapaden mit ihrem durchtrainierten Yogalehrer. Mag die Ehe auch noch so zerrüttet sein: Es gilt, dass Bild der Hochglanzfamilie aufrechtzuerhalten. Doch wie lange kann so etwas gutgehen? Eva Sichelschmidt legt durch die Augen ihrer teilweise nervtötend selbstgerechten Hauptfigur Marlies eine Wunde von Prenzlauer Berg offen – dem Stadtteil mit einer der höchsten Scheidungsraten der Stadt – und zeigt, dass in den teuer sanierten Dachgeschosswohnungen nicht immer Friede, Freude und Eierkuchen angesagt ist und schon gar keiner „die Ruhe weg“ hat. Bitterböse und absolut lesenswert! // Knaus Verlag, 19,99,- Euro

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Prenzlauer BergTorsten Schulz: Skandinavisches Viertel
Matthias Weber wuchs in der Nähe des Skandinavischen Viertels im Norden von Prenzlauer Berg auf, zwischen ranzigen Kneipen, unsanierten Altbauten und patrouillierenden Grenzbeamten. Wo Ost-Berlin an seine Grenzen stößt, streunt er durch die Straßen, die er in seiner Phantasie einheitlich umbenennt. Etliche Jahre nach dem Fall der Mauer kommt er zurück in den Kiez seiner Kindheit: Diesmal als Makler, der sich vehement gegen die voranschreitende Gentrifizierung wehrt und mit großer Sorgfalt seine Mieter auswählt. Aber macht ihn das glücklich? Torsten Schulz, der mit seinem ersten Roman Boxhagener Platz eine urige Kiezgeschichte entworfen hatte, wendet sich in seine neuen Buch deutlich kritischeren Tönen zu. // Klett-Cotta Verlag, 20,-Euro

Prenzlauer BergKarin Kalisa: Sungs Laden
Eine harmlose und dennoch liebevoll beschriebene Sozialromanze hat Karin Kalisa mit Sungs Laden zu Papier gebracht: Zu DDR-Zeiten kamen zahlreiche Vietnamesen als Vertragsarbeiter nach Berlin, viele gründeten Familien und siedelten sich u.a. in Prenzlauer Berg an. Sie leben bis heute hier – doch gibt es selten bis gar keine Zusammenkünfte mit der deutschen Bevölkerung. Was wäre, wenn sich diese beiden Sphären vermischen würden? Kurzerhand ergreift Sung, der einen typischen Obst- und Gemüseladen an einer Straßenecke unterhält, die Initiative – plötzlich ziehen sich Bambusbrücken zwischen den Häusern entlang, werden vietnamesische Kegelhüte zum Sommertrend und wird ein kleiner Teich im Park zur Bühne für ein asiatisches Wasserballett. Völkerverständigung mit Witz und Charme! // Droemer Knaur, 9,99,- Euro

Prenzlauer BergAnke Stelling: Bodentiefe Fenster
Als der Debütroman Bodentiefe Fenster von Anke Stelling vor ein paar Jahren erschien, war das Gerede groß: Brauchen wir wirklich einen Roman über gut situierte Mittelschichtsfamilien in architektonisch reizvollen Neubauten mit bodentiefen Fenstern im Herzen von Prenzlauer Berg? Bedient die Geschichte um Sandra, gestresste Mutter zweier Kinder und in einer kriselnden Beziehung, schon wieder alle Klischees rund um den Stadtteil? Einerseits ist das richtig, andererseits entwirft Anke Stelling das Porträt einer nicht mehr ganz jungen Frau, die die Ideale ihrer 68er-Eltern zwischen Reiswaffeln, selbstverwalteter Hausgemeinschaft und Spielplatzhierarchien den Bach runtergehen sieht. Wofür lohnt es sich heutzutage überhaupt noch zu kämpfen? Und ist es in Ordnung, wenn man irgendwann einfach damit aufhört? Ein Roman mit Sprengpotential und einer gehörigen Prise Wahrheit. // Verbrecher Verlag, 19,- Euro

Prenzlauer BergHolger Siemann: Weiszeithaus
Wer in Prenzlauer Berg lebt, kennt mit ziemlicher Sicherheit auch die „Kohlenquelle“ in der Kopenhagener Straße – doch wie schaut es aus mit der Geschichte des Hauses? Holger Siemann hat vor einigen Jahren mit der Recherche über das „Weiszeithaus“ begonnen und daraus – teilweise historisch verbrieft, teilweise fiktiv – den gleichnamigen „Jahrhundertroman“ gemacht: Sven Gebbert erbt 2011 recht überraschend das Mehrfamilienhaus an der Bahntrasse und findet im Dachgeschoss ein akribisch gepflegtes Archiv mit umfassenden Unterlagen zur Vergangenheit des Gebäudes. Er macht sich daran, die Fundstücke zu sichten und stößt dabei auf einige Ungereimtheiten – was ist Wahrheit, was Fiktion? Ein Schmöker für lange Tage am See. // Dörlemann Verlag, 736 Seiten, 28,-Euro

Prenzlauer BergAndreas H. Apelt: Pappelallee
1989 ist der Untergang der DDR nicht mehr aufzuhalten: Die Demonstrationen werden lauter, die illegalen Ausreisen nehmen zu. Im Schatten der Gethsemanekirche, die zu einem Zentrum der Proteste wird, bilden die Bewohner eines Mietshauses einen Mikrokosmos, der die Gesellschaft der DDR im Kleinen widerspiegelt: Vom akribischen Hausbuchführer, dessen Augen und Ohren überall sind, über ein regimetreues Ehepaar und einen verbitterten Kriegsveteranen bis hin zu drei jungen Männern, die den scheinbaren Frieden des Kiezes mit ihrer Aufsässigkeit gehörig aufmischen. Denn gibt es noch etwas zu verlieren? Andreas H. Apelt hat, ohne dabei moralisierend oder gar wertend zu werden, ein Schlaglicht auf die Ereignisse rund um die Pappelallee geworfen und eine Kiezgeschichte voller kauziger und kurioser Charaktere entstehen lassen. Mitteldeutscher Verlag, 17,95,- Euro

In unserer Schwerpunktwoche beschäftigen wir uns mit dem Thema Literatur in Prenzlauer Berg. Das hier ist Teil 1.

Teil 2: Die Angst wirft mit Konfetti um sich – Autorin Franziska Seyboldt im Gespräch
Teil 3: Podcast: Was hat es mit Literatur über Prenzlauer Berg auf sich?
Teil 4: Übersichtskarte – Literaturorte in Prenzlauer Berg

 

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2 Kommentare

Ilanit 21. Juli 2018 at 9:52

Und wer es authentisch mag, wie es sich hier früher direkt am Kollwitzplatz gelebt hat, empfehle ich: Kollwitz 66 – Berliner Kindheit in den fünfziger Jahren, Autor: Dieter Krause, Verlag Schöffling &Co.
Dieter Krause ist Jahrgang 1947 und schildert sein eigenes Leben. Hier stimmt alles: von den damaligen Geschäften im Kiez, der Bewohner der Nr. 66 und sogar die Namen der Lehrer der ehemalign Schule am Wasserturm. Da ich nur wenige Jahre jünger bin als der Autor, hier geboren wurde und noch immer lebe, wurden beim Lesen viele eigene Erinnerungen wach. Hier wird das damalige Lebensgefühl absolut echt und in unterhaltsamer Form geschildert.

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Julia Schmitz 21. Juli 2018 at 10:01

Ja, das habe ich auch gelesen und fand es sehr schön erzählt! Für den Text habe ich nur Romane ausgewählt, sonst wäre es definitiv mit dabei gewesen.

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