EntwederOder

Ach, diese Lücke: Das Ende des „EntwederOder“

von Julia Schmitz 2. August 2018

SOMMERPAUSENSONDERSENDUNG: Ist es Euch aufgefallen? Das Kiez-Café EntwederOder ist weg und durch eine Craft Beer Bar ersetzt worden! Wir haben versucht herauszufinden, was passiert ist.


ARTIKEL vom 7. Juni 2018:

„Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke…“ heißt ein Roman von Joachim Meyerhoff – der Titel passt gut zu dem gefühlt sehr plötzlichen Verschwinden des Café EntwederOder in der Oderberger Straße 15. Bereits im Herbst 2017 hatte der beliebte Treffpunkt für das obligatorische späte Sonntagsfrühstück die Türen geschlossen. Auf unbestimmte Zeit, hieß es zunächst auf einem Zettel an der Tür und steht es weiterhin auf der Internetseite; so mancher vermutete dahinter harmlose Umbauarbeiten. Schließlich hatte das EntwederOder seit Anfang der 90er das Kommen und Gehen gastronomischer Eintagsfliegen beobachtet, selbst dem Wandel aber getrotzt. Doch Mitte Mai kam – für die meisten – die bittere Überraschung:

Liebe Leute,
lange habt ihr nichts mehr von uns gehört. Dies wird nun ein letztes Mal passieren. Wie der ein oder andere schon mitbekommen hat, musste das EntwederOder den Umständen des heutigen Wandels weichen. Wir bedanken uns bei allen Leuten, die uns in der Zeit unterstützt haben und wünschen unseren Nachfolgern alles Gute für die Zukunft. Einen letzten Gruß von euerm E&O-Team!

heißt es in einem Eintrag auf Facebook vom 14. Mai.

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Kein Mietspiegel für Gewerbemieten

Die „Umstände des heutigen Wandels“, das heißt wohl vor allem: Der Kampf gegen die unzähligen Konkurrenten rund um die Kastanienallee – und rasant ansteigende Gewerbemieten. Während sich die Mietpreise privater Wohnungen an einem durch den Berliner Senat festgelegten Mietspiegel orientieren müssen, gibt es keinen für gewerblich genutzte Flächen. In dieser Sparte besteht laut IHK „Gestaltungsfreiheit“, was mitunter zu einer enormen Bandbreite führt: Zwischen 8 Euro und 50 Euro pro Quadratmeter liegt der derzeitige Spielraum für gastronomisch genutzt Räumlichkeiten in Prenzlauer Berg – Tendenz weiter steigend. Zum Vergleich: 1994 schlug die Miete in einer Gegend wie der Oderberger Straße mit umgerechnet nur 6-15 Euro pro Quadratmeter zu Buche, wie die IHK ermittelt hat.

Die immer größer werdenden Kosten mögen ein Grund für die Schließung gewesen sein: Im Kiez erzählt man sich, die Inhaber hätten sich Anfang 2018 entschieden, das Café zu verkaufen. Für eine Auskunft war keiner der EntwederOder-Inhaber zu erreichen. Jedenfalls bekam das aus den USA stammende Konzept des „Stone Brewing Tap Room“ den Zuschlag. Der schenkt nun auf 100 Quadratmetern frisch gezapftes „Craft Beer“ aus und serviert „internationales Streetfood“. Wie auf der durchgehend in Englisch gehaltenen Webseite zu lesen ist, handelt es sich dabei um die gängigen Gastronomie-Modetrends wie Pulled-Pork als Frühlingsrollen und Pastrami-Berge auf Brot. Außerdem wird ein kurioses Gericht angeboten, unter dem wir uns nicht wirklich etwas vorstellen können: „German InSideOut“.

 

Gastro-Trends statt Kiez-Tradition

Ob ein uriges Café mit einer zwanzigjährigen Geschichte wirklich durch ein importiertes Gastronomiekonzept ohne Bezug zum Kiez ersetzt werden kann, wie es vor zwei Jahren auch an der Kreuzung Eberswalder Straße passierte, ist fraglich –  für viele Prenzlauer Berger hinterlässt die Schließung des EntwederOder sicher eine Lücke, die unübersehbar zwischen den pastellfarbenen Altbauten klafft.

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1 Kommentar

Schlüter 8. Juni 2018 at 9:19

Ach, dieser Schmerz. Wie schön war es dort am ersten Mai, wenn sämtliche Anwohner ihre Blechmonster irgendwoanderes parken mussten, weil die schöne breite Straße als Aufmarschgebiet der Staatsgewalt zur Walpurgisnacht benötigt wurde. Und müsste ich wählen zwischen Verzicht auf Café oder Verzicht auf Autos, ich würde das Café wählen. Denn das Bier wird besser, oder sagen wir interessanter. Davon kann sich jeder cosmopolitische Altbewohner schon jetzt überzeugen, sofern er den weiten weg ins europäische Stammhaus des us-amerikanischen Konzerns ins weit entfernte Mariendorf begibt.

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