Humboldt

Die Wilhelm-von-Humboldt-Schule wird von Bewerbern überrannt. Viele Eltern wollen ihren Kindern hier ein sanftes Abitur bescheren. Und auf einmal gibt’s – Berufsberatung.


Ein hübsches Wettrennen ist es, was sich Lea und Leon* (im folgenden sind die Namen aller Kinder geändert) da liefern. „Nein, Du darfst mich nicht überholen“, ruft die Siebenjährige ihrem Mitschüler über die Schulter zu. Der guckt gar nicht auf, sondern schreibt weiter und ziemlich elegant Wörter mit „Y“ in sein Konfetti-Schreiblernheft. Die beiden Zweitklässler tun etwas, von dem Grundschullehrer*innen träumen: sie machen ein Schönschreib-Rennen – sie üben die Schreibschrift anmutig, schnell und eigenständig. Lea und Leon erfüllen damit das erklärte Ziel der Wilhelm von Humboldt-Gemeinschaftsschule in Pankow: Kinder sollen hier zu eigenständigem Arbeiten erzogen werden.

Den Eltern rund um die Erich-Weinert-Straße 70, wo die Humboldt-Schule ihren Standort hat, scheint das zu gefallen. Die hoch anspruchsvollen Mütter und Väter des Prenzlauer Bergs – im Land als linksliberale Bionade-Spießer verschrieen –, melden ihre Kinder wie verrückt an der Schule an. Obwohl es rings rum exzellente Gymnasien wie etwa das Rosa Luxemburg-Gymnasium gibt, muss die Humboldt-Gemeinschaftsschule stets Dutzende Bewerber abweisen. Warum?


Von der Ersten bis zum Abi
Das Geheimnis könnte darin liegen, dass die Humboldt-Schule zu jenen neuen Schulen gehört, die die deutsche Schulgeschichte auf den Kopf stellen. Dort kann man so lernen, wie es früher ausdrücklich verboten war: ab der ersten Klasse und bis zum Abitur in ein und dieselbe Schule gehen – und dabei auch noch frei arbeiten. Slow Food gibt es im Prenzlauer Berg schon, nun gibt es auch: Slow Abi.

Die Wilhelm-von-Humboldt-Gemeinschaftsschule ist die erste Schule aus Pankow, die wir in einer Bildungs-Reihe portraitieren. 

Wer in der Lerngruppe der Füchse hospitiert, bekommt eine Ahnung davon, warum die Schule so nachgefragt ist. Bei den Füchsen sind Schüler der ersten, zweiten und dritten Jahrgangsstufe, in der Humboldtschule wird nämlich jahrgangsübergreifend gelernt. Lehrerin Rebecca Amslinger und ihre Kollegin, eine Sonderpädagogin, beginnen die Stunde, indem sie die Kinder vor die Wahl stellen: Wer hat Lust, weiter am Ährenprojekt zu knobeln? Und wer will lieber Rechnen oder Schreiben üben?

Für einen Augenblick ist so etwas wie Unsicherheit zu verspüren. Verstehen die Sechs- bis Achtjährigen wirklich, was sie machen sollen? Sie wirken unschlüssig, Gemurmel entsteht. Die Lehrerin und ihre Assistentin müssen nochmal erklären, was die Alternative ist: im Klassenraum Projekt machen – oder im Teilungsraum Schreiben und Rechnen. Jetzt teilen die Kinder sich auf. Lea und Leon zum Beispiel gehen in den zweiten Lernraum, um – wie gesehen – ihr Schreibrennen aufzunehmen. Die Hälfte der Füchse tippelt hinüber.

Die Kinder entscheiden 

Die junge Lehrerin Rebecca Amslinger muss den beiden Schnellschreibern Lea und Leon nicht helfen. Dafür hat sie jetzt mehr Zeit für die ABC-Schützen, die noch Fragen haben. Manche sind noch im ersten Konfetti-Schreibheft. Amslinger unterstützt jene Kinder, die noch nicht mal in die Nähe des Y gekommen sind. Die Kinder können aber auch rechnen – sie entscheiden das selbst.

Lisa ist drüben im Hauptklassenzimmer geblieben, ein zartes blondes Mädchen. Sie möchte nicht rechnen, sondern ihr Naturprojekt voranbringen. Dafür muss sie nachdenken. Ist das jetzt die Ähre vom Roggen oder von der Gerste, fragt sie sich. Sie hat eine Skizze der Ähre vor sich, ein Foto, in einer Kiste sind die Ähren sogar im Original zu greifen. Lisa soll in „Station 2“ dieses Projekts die verschiedenen Getreidesorten definieren. Was ihr gerade ein bisschen Kopfzerbrechen bereitet: sie hat letzte Stunde offenbar eine Überschrift falsch auf ihr Arbeitsblatt geklebt. Das ist gar nicht Gerste, das ist Roggen! Mit ihrer Lernbegleiterin findet sie es heraus. Das Projekt hat Stationen: vom „Aufbau der Pflanze“ bis zu „Ernte früher und heute“ gehen diese. Auf einem Bauernhof hätte es vielleicht noch mehr Spaß gemacht.

Auf den Kapitalismus vorbereiten

Stephen Bölsche* (Name geändert) ist einer der Väter, der es gern gesehen hätte, wenn seine Tochter hier hätte lernen können. „Mich hat dieses Konzept absolut überzeugt“, sagt er. „Ich finde es faszinierend, wie die Kinder sich in der Jahrgangsmischung gegenseitig helfen“. Das Lernmodell fördert zugleich die Selbständigkeit und den Teamgeist. Die Drittklässler etwa sind ganz stolz, wenn sie den Kleinen zeigen können, wie hier der Hase läuft. Bölsche hat als Publizist ständig damit zu tun, einerseits originell und unverwechselbar zu sein – und gleichzeitig im Team von Redaktionen zu funktionieren.

„Es ist doch unsinnig, wenn man einerseits ein sehr spezielles und gutes Konzept für eine Schule entwirft – aber die Leute, die es gut finden, oft nicht reinlässt, weil am Ende die Entfernung zu Fuß entscheidend ist.“

Bölsche ist aber zugleich ein Beispiel für den Wahnsinn …

Das könnte Dich auch interessieren

Hinterlasse einen Kommentar