"Streetwein" - im Mai zum ersten Mal am Hackeschen Markt (Foto: Jens Henke)

Wein auf Wein, lass es sein

von Constanze Nauhaus 11. Mai 2018

Der Marktleiter vom Kollwitzmarkt kündigt dem Weinhändler, weil seine Kunden zu besoffen sind. Dann treffen beide unerwartet bei Wein und Kippe aufeinander. Ein emotionaler Kieztermin.

Anfangs wirkte es wie eine weitere Willkommen-im-Prenzlauer-Berg-von-2018-Geschichte: Spießige Spaßbremsen klagen Weinstand vom samstäglichen Kollwitzmarkt weg, weil Kunden ihrer Weinseligkeit räumlich und akustisch Ausdruck verleihen. Eigentlich also alle Zutaten für einen schönen Lokalaufreger. Ist vielleicht auch einer. Nur anders.

Was ist passiert? „Liebe Freunde des gepflegten Streetwein, wir haben eine unerfreuliche Nachricht für euch“, postete der Weinstand auf Facebook am vergangenen Freitag – keine 16 Stunden vor Marktbeginn. „Der Kollwitzplatz mag uns nicht mehr. Beschwerden von Anwohnern und Mitbewerbern über ein Zuviel an Menschen, Flaschen und Gläsern auf Spielplatz und Bürgersteig haben die Marktleitung veranlasst, uns, nach nunmehr vier glücklichen Jahren, zu kündigen. Das ist bitter.“ Die Kommentare folgen auf dem Fuß: Von der „durchgentrifizierten Wohlstandsoase“ ist die Rede, von „spießigen Kleinbürgern“.

 

„Schenkt immer über dem Strich ein!“

Einige Tage später: Eigentlich war hier, auf Höhe der Tischtennisplatten, direkt am Ort des Geschehens, ein Interview mit Weinhändler Thilo Scholz verabredet. Dem ging ein Telefonat mit Marktleiter Philipp Strube voraus, wie auch der Plan, mal beim Bezirksamt nachzufragen, vielleicht noch Anwohnerstimmen – lokaljournalistischer Dienst nach Vorschrift eben.

Dann: Zum Termin erscheint zunächst Gerald Angerer – Scholz steckt noch im Stau. Angerer ist Scholz‘ rechte Social-Media-Hand und fragt auch gleich, ob es ok sei, nachher ein Bild bei Instagram zu posten? Während des Wartens fängt er schonmal an zu erzählen. „Das ist ein Mentalitätsding“, ist er überzeugt. Seit vier Jahren verkaufe Scholz pfälzischen Wein auf dem Kollwitzmarkt – robust, hochwertig, trotzdem preiswert. Die eigentlichen Drahtzieher vermutet Angerer in der Konkurrenz, andere Händler seien „neidisch auf Thilos Erfolg“, seine vielen Kunden, aber er sei eben auch offen, freundlich, großzügig – „Schenkt immer über dem Strich ein!“ -, Düsseldorfer eben. Und vermutlich sei genau DAS das Problem. „Andere sind muffig. So… naja, irgendwie urberlinerisch.“

 

Es gibt Anwohnerbeschwerden

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Wie offen, freundlich und auch naiv Thilo Scholz wirklich ist, wird Augenblicke später klar. Gerade als Angerer sagt: „Also, über den Marktleiter will ich gerade gar nicht reden, da fallen mir nur Worte ein, die sollte man …“, da bremst keinen Meter entfernt ein Klapprad. Drauf sitzt: Marktleiter Philipp Strube, lässig in Slippern, leicht getönter Brille, engem T-Shirt. Langzeit-Prenzlauerbergern ist Strube kein Unbekannter: Ein zunächst steif wirkender, aber sympathischer Typ mit Geschäftssinn, eröffnete er in den Neunzigern, als der Prenzlauer Berg in kulinarischer Hinsicht noch von Baum zu Baum sprang, einen Feinkostladen auf der Kollwitzstraße. Um die Jahrtausendwende dann kam der Kollwitzmarkt – eine Idee, an der sich Strube dem Kiez-Vernehmen nach mit den Jahren „dumm und dämlich“ verdiente.

Strube blickt in zwei erstaunte Gesichter, Angerers Gedanken sind zu spüren – ob man das vielleicht so eingefädelt habe? Kurz darauf hält ein abgewrackter roter Bus, heraus springt Thilo Scholz mit ebenso rotem T-Shirt und im buchstäblichen wie übertragenen Sinne offenen Armen, im Schlepptau seine Tochter. „Gerald, ich dachte, ich lade Philipp einfach auch gleich ein!“ Achso. Angerer scheint das nicht zu passen – war er hier nicht irgendwie für die ganze Öffentlichkeitsarbeit zuständig? Trotzdem, man setzt sich in ein Café, Riesling, danke, Kippen ausgepackt, also. “ Thilo“, lässt Strube gar nicht erst betretenes Schweigen aufkommen. „Ich mag dich. Ich mag deinen Job, ich trinke gerne bei dir ’nen Wein, aber – mir sind die Hände gebunden, im Moment.“ Es gebe Anwohnerbeschwerden. Und, so viel Erfahrung habe er ja schließlich, nachdem er wegen einer einzigen Anwohnerin vor Jahren den gesamten Markt von Knaack- und Wörther auf die Kollwitzstraße verlegen musste, inklusive drei Jahre Rechtsstreit, jetzt heiße es „Füße still halten“. Pause machen.

 

Von „Corner Drinkern“ heimgesucht

Mit jedem Schluck wird klarer, dass Scholz‘  Stand ungewollt die „falschen“ Leute angezogen hat. Denn: „Kultivierte Weintrinker jenseits der 45“, wie Scholz und Angerer ihre Ur-Stammkundschaft beschreiben, sollten doch eigentlich keine Gläser mitgehen lassen, besoffen Leute anpöbeln, auf den Spielplatz kotzen? Das vertraute Samstags-Bild: Die Prenzlauer Berger Crème de la Creme aus politischer, juristischer, medizinischer, publizistischer, A- bis C-Prominenz einvernehmlich beim Picheln, gehobene Eckkneipe der Entscheider. Doch sie blieben nicht unter sich.

„Das war vielleicht so vor einem halben Jahr“, überlegt Scholz. „Und euer Social-Media ist dran schuld“, ruft Strube. „Ach, das ist doch Quatsch“, empört sich Angerer. Kurzum: Plötzlich kamen „Hipster“, sagt Scholz, „übers Internet organisiert“. Der „Wespenschwarm“, sagt Angerer. „Corner Drinker“, sagt Strube. Leute jedenfalls, die sich zum Saufen treffen und Ärger machen. Verstopfen den Gehweg, pöbeln Leute an, verstopfen den Bürgersteig hinter dem Stand, kennen kein Ende, holen sich nach Marktschluss im Edeka lauwarmes Bier, feiern weiter, mit entsprechenden Rückständen auf Spielplatz und Straße, da ist Scholz längst zuhause. Ihm also nicht anlastbar, aber gefühlt im Zusammenhang mit ihm stehend. „Thilo, das musst du dir auch selber an den Hut schmieren!„, schimpft Strube. „Mann, du kannst doch die Leute auch nicht abfüllen!“ Einmal lief einer hackedicht gegen ein im Schritttempo fahrendes Auto und musste vom Blumenhändler nach Hause ins Bett gebracht werden. Zwar hat er sich den Löwenanteil vermutlich nicht an Scholz‘ Weinstand reingezwitschert, und verboten ist das alles ja auch nicht, schließlich handelt es sich um erwachsene Menschen. Aber trotzdem, wenn was passiert, ist er dran, weiß Strube.

 

Drei gegen tausend

Am vergangenen Sonnabend durfte Scholz nicht kommen. Stattdessen ging er auf den Hackeschen Markt mit seinem Stand. Dort war es auch ok, aber eben nicht wie am Kolle. Zwar zogen einige Stammgäste mit, andere aber zogen innerhalb des Kollwitzmarktes um. Ob sich da der ein oder andere Konkurrent die Hände gerieben hat? „Warum darf *** noch Wein verkaufen und ich nicht mehr?“ Kurz wirkt Scholz wie ein Kind, dessen Kita-Kommilitone ein Spielzeug bekommen hat, das ihm vorher weggenommen wurde – man kann es ihm nicht verdenken. „Da gab es dieses Mal auch schon Beschwerden, und wenn die anhalten, dann ist da auch Schluss mit Wein“, beruhigt ihn Strube. Scholz macht verzweifelt-fantasievolle Vorschläge: Eine Kinderwagen-Spur auf dem Bürgersteig abstecken, so mit Bändern und Hütchen. Oder: Eine Umleitung, man kann doch auch hinten rum auf den Spielplatz. „Ein Umweg von 40 Metern, wen stört das denn?“, fragt der sanftmütige Rheinländer.

„Alle!“ Seine Hoffnung erstirbt unter dem abwinkenden Blick des Kiezkenners. Noch ein Weinchen, noch eine Kippe. Kollektive Ratlosigkeit. Wie werden wir den Wespenschwarm los? Paar Monate Ruhe, sagt Strube. „Weil drei Leute sich beschweren, können tausend Leute ihren Samstag nicht mehr genießen“, trotzt Scholz. „Richtig“, bestätigt Strube. „Aber das geht doch nicht!“, haut Scholz auf den Tisch. Irgendwie ergänzen die beiden Männer sich gut, eigentlich sollten sie zusammen etwas starten: Hier der umtriebige, aber trotzdem korrekte Geschäftsmann mit dem Lokalbonus, dort der kommunikative Genussmensch, der eigentlich nur will, dass sich alle lieb haben. Dass Strube nun irgendwie seine Existenz bedroht, und auch, wenn er ihn verstehen kann – Scholz nimmt es ein bisschen persönlich. Strube aber auch. „Ich bin doch hier, Thilo, und red‘ mit dir.“ – „Ich weiß, Philipp, das rechne ich dir ja auch hoch an. Aber drei gegen tausend, das gibt’s doch nicht.“ – „Oh doch, das gibt’s. Ich mach‘ das seit 17 Jahren.“ – „Das darf’s aber nicht geben!“ – „Ich überlege mir was, Thilo, versprochen.“ Aber jetzt erstmal noch ein Weinchen. Prost.

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