Vertreibung aus dem Paradies?

von Kristina Auer 27. Dezember 2017

JAHRESRÜCKBLICK 2017 – Januar/Februar: An der Bornholmer Grundschule soll ein hundertjähriger Ökogarten neuen Schulplätzen weichen. Lehrerkollegium und Eltern protestieren.


(Artikel ist ursprünglich erscheinen am 7. Februar 2017)

Wenn ein Garten sogar im Berliner Winter noch Idylle versprühen kann, muss er etwas besonderes sein: der Ökogarten der Bornholmer Grundschule ist so ein Ort. Hier herrscht am frühen Nachmittag eine lebhafte und zugleich entspannte Stimmung. Vorne zur Ibsenstraße hin bauen ein paar Kinder kleine Hütten aus Ästen und Tannenzweigen. Hinten im Schuppen wird Tee gekocht und es werden Äpfel und Karotten auf einem Holzfeuerofen gebraten – selbstgepflückt, versteht sich. An manchen Tagen wird hier auch süßes Brot in der Butter geschwenkt: „Das heißt dann Brutzelbrot und das finden alle lecker“, erzählen Josephine und Aimée aus der sechsten Klasse, die nach der Mittagspause auf der Bank im Schuppen sitzen. Aus allen Richtungen blicken zufriedene Gesichter. Der Garten ist ein Zufluchtsort für alle Anwesenden, soviel ist klar. Und genau der soll jetzt weg, wenn es nach dem Bezirk geht: Hier sollen neue Klassenzimmer entstehen.

 

„Die Kinder finden hier Ruhe und Frieden“

 

„Die Kinder finden hier ihre Ruhe und ihren Frieden“, sagt Thomas Timm. Er ist Hortleiter in der Bornholmer Grundschule und hat den Ökogarten in den letzten acht Jahren zusammen mit den Schülern zu dem gemacht, was er ist: ein artenreiches Biotop mitten in Prenzlauer Berg. Von Apfel bis Zwiebel wächst hier so ziemlich alles, was sich in unseren Breitengraden pflanzen und ernten lässt: Birnen, Mirabellen, Kirschen, Kartoffeln, Knoblauch und Topinambur. An den schönen, alten Bäumen hängen Nistkästen, in denen die Meisen im Frühjahr ihren Nachwuchs ausbrüten, im Teich leben Molche und Kröten. In einem eigens dafür gebauten Verschlag halten gerade fünf Bienenvölker Winterschlaf, im letzten Sommer haben sie 120 Kilogramm Honig produziert. „Der Garten gibt den Kindern die Möglichkeit, sich in ihrer natürlichen Lebensumwelt zu betätigen, obwohl sie in der Stadt aufwachsen“, sagt Timm. Dieser Betätigung verdankt die Bornholmer Schule ihre ökologische Ausrichtung, die sie laut Bericht der Schulinspektion so beliebt macht.

Den Garten gibt es – wenn auch nicht in seiner heutigen Pracht – schon genauso lange wie die Schule selbst, nämlich seit dem Jahr 1912. Entworfen und gebaut hat sie der Architekt und Stadtbaurat Ludwig Hoffmann, aus dessen planerischer Feder auch das Stadtbad Oderberger Straße und 24 weitere Schulen in Prenzlauer Berg stammen. Ungewöhnlich für die damalige Zeit: Hoffmann plante jede Schule mit einem Garten und einem Brunnen. „Einige der Obstbäume gehören noch zum ursprünglichen Bestand und sind mindestens 90 Jahre alt“, sagt Timm.

Sogar im Winter noch idyllisch: der kleine Hügel mit Sitzgelegenheit und Girlande

 

Bezirk plant Schulanbau auf dem Ökogarten

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Doch die alten Obstbäume könnten schon bald nicht mehr da sein, genauso wie fast der gesamte Ökogarten. Der Bezirk plant dort einen 30 Meter langen, vierstöckigen Anbau an das Schulgebäude. Denn Pankow braucht dringend mehr Grundschulplätze, genau genommen sind es 1.600 bis zum Jahr 2020. Die Bornholmer Grundschule soll künftig 144 davon bereitstellen. Das wäre ein zusätzlicher Zug von der ersten bis zur sechsten Klasse. Laut bezirklichem Infrastrukturkonzept soll die Schule von derzeit 3,6 auf insgesamt 5 Züge wachsen.

„Uns war natürlich schon länger klar, dass das Thema Erweiterung früher oder später auf uns zukommen wird“, sagt Timm. Die Schulleitung habe sich deswgen auch schon frühzeitig Gedanken über Alternativen gemacht. Letztes Jahr habe die Schule beim Bezirk einen Umnutzungsantrag für leerstehende Kellerräume gestellt und sogar angeboten, die nötige Sanierung und den Umbau zu Veranstaltungsräumen mithilfe von Elterninitiativen und des eigenen Fördervereins zu finanzieren. „Der Antrag scheint aber irgendwo in der Schublade verschwunden zu sein“, sagt Timm. Auch den Ausbau des Schuldachs zieht die Schulleitung als Erweiterungsmöglichkeit in Betracht. So könnte sogar noch mehr Unterrichtsraum entstehen als durch einen Anbau, heißt es. Den hundertjährigen Garten zu opfern, kommt nach Ansicht von Schulleitung, Lehrern, Eltern und Kindern unmöglich infrage. Dass dies nun tatsächlich geplant ist, wissen Timm und seine Kollegen erst seit Januar. Quasi aus heiterem Himmel machte der Bezirk Probebohrungen im Garten, um die Kosten für die Entsorgung der Erde zu planen.

 

„Noch nichts in Stein gemeißelt“

 

„Es ist noch nichts in Stein gemeißelt“, sagt Bezirksstadtrat Torsten Kühne (CDU). Bisher gebe es lediglich eine Machbarkeitsstudie. Laut dieser sei ein Anbau an das Schulgebäude aber die realistischste Lösung, so der Stadtrat. Laut Machbarkeitsstudie solle der Anbau bis 2021 entstehen und rund neun Millionen Euro kosten. „Es kann aber möglicherweise bis 2021 dauern, bis die Bau- und Finanzierungsplanung vollständig abgeschlossen ist und mit dem Bau begonnen werden kann“, sagt Kühne. Der Stadtrat hält es aber auch für möglich, dass der Bezirk bis dahin die Zuständigkeit für den Anbau verliert: Der Senat hat im letzten Jahr ein Modellvorhaben zur Beschleunigung von Schulneubauten beschlossen und könnte die Erweiterung der Bornholmer Grundschule an sich ziehen. Und auch von dort heißt es: „Es muss gebaut werden, alles andere wäre verantwortungslos. Wir brauchen dort Schulplätze“, sagt ein Sprecher der Senatsverwaltung für Bildung. Welche Flächen dafür benötigt würden, sei von Senatsseite aber noch offen.

Was Alternativen angehe, sei ein Dachausbau zwar theoretisch denkbar, allerdings habe das Denkmalamt Einwände angemeldet, so Kühne. Dank seines berühmten Erbauers ist das Gebäude nämlich denkmalgeschützt. Es sei auch fraglich, ob so ein Dachausbau überhaupt während des laufenden Schulbetriebs gemacht werden könne, so Kühne. „Letzten Endes müssen die Baufachleute entscheiden“, sagt der Stadtrat. „Wir schauen uns das Ganze jetzt aber nochmal genau an.“

 

Freies Grundstück gehört Bulgarien

 

Natürlich habe man in der Machbarkeitsstudie auch alternative Flächen gesucht, aber wenig gefunden, so der Stadtrat. Den Sportplatz hinter der Schule wolle man auch nicht bebauen. An anderer Stelle verlaufe eine Versorgungsleitung der Berliner Wasserbetriebe, wie ein anderes Stück gehöre einer Kita. Das kurioseste Problem: Östlich des Schulgebäudes gibt es ein freies, verwildertes Grundstück. „Das gehört der Republik Bulgarien“, sagt Kühne. „Wir haben bei der bulgarischen Botschaft angefragt, aber keine Rückmeldung erhalten.“ Die Bornholmer Grundschule grenzt unmittelbar an das Pankower DDR-Botschaftsviertel.

(Quelle:mapz.com, Bearbeitung: ka)

 

Eltern und Schule stellen sich gegen Bebauungspläne

Schulleitung, Lehrer und Eltern wollen sich den Anbauplänen geschlossen entgegenstellen und gegen die Zerstörung ihres Ökogartens kämpfen. Denn wenn der Garten wegfällt, verliert die Schule auch ihr ökologisches Profil. „So schnell geben wir nicht auf. Ich bin zuversichtlich, dass wir eine bessere Lösung finden können“, sagt Timm. Bisher haben die Kinder schon unzählige Bilder vom Ökogarten gemalt, die von ihren schönsten Erfahrungen dort erzählen. So wollen sie zeigen, wie wichtig der Garten für die Schule ist.

Mitte Februar wird Kühne in der Bornholmer Grundschule vor Ort sein, sich den Ökogarten einmal selbst ansehen und mit Eltern, Lehrern und Schülern sprechen. „Natürlich fließen die Einwände mit in die Planung ein und wir werden andere Möglichkeiten in Erwägung ziehen“, sagt Kühne. Vielleicht wird er nach seinem Besuch die Bebauung des Gartens nochmal genauer überdenken. Mehr Schulplätze braucht Prenzlauer Berg aber auch dann noch.

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Wie es mit dem Ökogarten weiterging:

Im Mai protestierten Schüler, Eltern und Lehrer in der Pankower Bezirksverordnetenversammlung (BVV) musikalisch und lautstark gegen die geplante Bebauung des Ökogartens. Das Ökogartenlied geht so.

Seit November gibt es Hoffnung für den Ökogarten: Der Senat will die Planung in einem Modellprojekt neu beginnen und die betroffenen Eltern sowie das Lehrerkollegium an der Planung beteiligen.

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