Wie Prenzlauer Berger den Mauerfall erlebt haben

von Constanze Nauhaus 9. November 2017

Vor 28 Jahren fiel die Mauer. Wir wollten von Euch wissen, wie Ihr diese aufregende Nacht erlebt habt. Gleich zur Bornholmer gerannt? Am nächsten Morgen in einer anderen Welt aufgewacht? Hier kommen Eure vier schönsten Geschichten.


 

Susanne, 40 Jahre:

„Westberlin war die totale Reizüberflutung“

Ich war damals 12 Jahre alt und meine Schwester zehn, wir wohnten am Kollwitzplatz. Wir haben selbst herzlich wenig mitbekommen, sondern schliefen – am nächsten Tage war ja Schule. Meine Eltern erfuhren in den Spätnachrichten von Schabowskis kryptischer Rede, aber konnten sich auch keinen richtigen Reim darauf machen. Kurzentschlossen zogen sie zum nächsten Grenzübergang – ich weiß nicht genau, welcher das war – um zu schauen, was da eigentlich los war. Uns haben sie natürlich selig schlafen lassen. Das war damals ja nicht so unüblich, die Kinder abends allein zu lassen. Meine Mutter war am nächsten Morgen ganz aufgekratzt und wir waren natürlich wenig begeistert, von dieser historischen Nacht nichts mitbekommen zu haben. Sie erzählte uns von der überwältigenden Stimmung, von dem Riesentumult. Und wie sie, nachdem die Grenze endlich auf war, von wildfremden Leuten mit Sekt empfangen wurden, sich in den Armen lagen. An diesem Tag konnten wir die Schule schwänzen, meine Mutter schnappte uns und ging mit uns rüber. Dieser erste Tag ist mir noch ganz deutlich in Erinnerung: Westberlin auschecken, zum Ku’damm fahren, alles war bunt, völlig andere Gerüche prasselten auf uns ein – die totale Reizüberflutung. Alles erschien so intakt und schick: die Autos, die Häuserfassaden. Am Ku’damm gab es fliegende Händler und meine Mutter kaufte uns so kleine marionettenartige Tierchen, dann waren wir in einem Supermarkt und schier überwältigt und auch überfordert von diesem krassen Angebot, der überquellenden Obst- und Gemüsetheke. Der absolute Traum waren aber neongelbe und neonpinke Clips-Ohrringe, die wir uns im Europa-Center aussuchen durften. Wir wussten schon, wie „in“ wir am nächsten Tag in der Schule sein würden. Das war der Himmel auf Erden.

 

Elisabeth, 64 Jahre:

„40 Westmark für eine Flasche Sekt war uns zu teuer“

Unsere Nachbarn kamen an jenem Abend zu uns mit der Frage, ob wir gehört hätten, dass die Grenze geöffnet sei oder werden soll. Da sind wir sofort los zum Grenzübergang Bornholmer Straße, gemeinsam mit einer weiteren Nachbarin aus dem Hinterhaus. Ich stand direkt am Absperrgitter und der Druck der Menschenmassen wurde immer stärker. Mein Mann stemmte sich gegen das Gitter und schaffte mir so Luft. Es wurden einzeln Besucher durch den Übergang gelassen, die einen Stempel im Ausweis erhielten. Es war ja offensichtlich geplant, diese nicht wieder in den Ostteil zu lassen. Da gruselt es mich jetzt noch, hatten wir an diesem Abend doch wirklich ausnahmsweise die Kinder allein schlafen gelassen. Sonst hatten wir immer die Absprache, mindestens einer bleibt zu Hause, falls etwas passiert. Na, aber glücklicherweise wurde dann die Bornholmer Straße geöffnet und wir sind mit der Menschenmasse in den Westen geströmt. Ich erinnere mich noch sehr an das immer wieder gerufene Wort „Wahnsinn!!!“. Dann wollten wir uns in einer Kneipe eine Flasche Sekt leisten, aber 40 (West-)Mark waren uns zu teuer. Nach einem ausgiebigen Spaziergang sind wir dann zurück nach Hause und haben mit der Nachbarin mit Sekt auf die Maueröffnung angestoßen.

Sarah, 37 Jahre:

„Plötzlich waren alle Erwachsenen weg“

Wenige Tage vor Mauerfall bin ich neun Jahre alt geworden. An dem Abend selbst habe ich mit meiner kleinen Schwester bei unserer Freundin Anna – beide anderthalb Jahre jünger als ich – in der Wörther Straße geschlafen. Denn deren Mutter hatte am 9. November Geburtstag, und während unsere Eltern in Küche und Wohnzimmer feierten, übernachteten wir zu dritt im Schlafzimmer auf dem Matratzenlager. Irgendwann in der Nacht wachten wir auf und stellten fest, dass keine Erwachsenen mehr in der Wohnung waren. Die hatten sich alle mit Nachricht des Mauerfalls sozusagen in den Westen verdrückt. Irgendwann, wir waren schon eine Weile wach, kam endlich der Stiefvater unserer Freundin zurück und erzählte uns, was passiert war. Wir waren erleichtert von seiner Nachricht, dass alle wohlauf waren, denn vor allem ich hatte Angst, unsere Eltern seien vielleicht im Gefängnis gelandet. Was man als Prenzlauer-Berg-Kind regimekritischer Eltern damals eben so für Gedanken hatte, wenn die Eltern mal nicht zu Hause waren. Mein Vater ist gleich drei Tage drüben geblieben und hat lauter alte Freunde besucht, während meine Mutter pflichtbewusst zurück zu uns kam. Ich war dann am nächsten oder übernächsten Tag zum ersten Mal im Westen, die Erinnerung verschwimmt da ein bisschen.

 

Kirstin, 45 Jahre:

„Meine Landsleute deckten sich mit Klopapier und Büchsenbier ein“

Ick hab’s verpennt. Am nächsten Morgen saß ich bei meiner Familie und wir beratschlagten, ob wir uns beeilen oder erstmal ganz langsam ein Visum besorgen sollten. Keiner wusste ja, wie lange die Mauer auf bleiben würde. Wir hatten das Visum ganz schnell und sind dann zur Bösebrücke rüber. Alle waren total aufgeregt und jut druff. Mein erster Gedanke im Westen war dann: „Wo iss’n hier Jold?“ Mit meinen 100 D-Mark in der Tasche bin ich zu Karstadt am Leopoldplatz und war gleich wieder enttäuscht vom joldenen Westen, weil die nicht das im Angebot hatten, was ich wollte. Am Abend hab ich mich dann an die Bornholmer gesetzt und geguckt, was meine Landsleute so im Westen einkauften … Klopapier und stiegenweise Büchsenbier. Hab ick nich vastanden.

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