Wiedersehen mit Ammar

von Kristina Auer 8. Juni 2017

Im März 2016 hat uns Ammar vom harten Weg von Damaskus bis nach Prenzlauer Berg erzählt. Nach über einem Jahr haben wir uns wiedergetroffen. Von vielen kleinen Schritten bis zum Ankommen.


„Hi, wie geht’s Dir? Wie läuft die Arbeit?“ Dass Ammar inzwischen fließend deutsch spricht, überrascht mich nicht die Bohne. Schließlich hatte er auch letztes Frühjahr schon keine Zeit für halbe Sachen. „Naja, weißt Du, der Kurs dauert sechs Stunden pro Tag“, sagt Ammar. Trotzdem, Anerkennung ist geboten. Unsereins sähe wahrscheinlich eher alt aus bei dem Versuch, im gleichen Zeitraum in Arabisch das B2-Niveau zu erreichen.

Das mit der Sprache ist die erste Veränderung, die ich seit unserem letzten Treffen bemerke. Die Zweite ist noch weniger zu übersehen: Sie sitzt auf der Schaukel am Helmholtzplatz in der Sonne und ruft im 30-Sekunden-Takt laut: „Paaapaaaaa!“ Seit einer Woche ist die Familie Alhamdan wieder vereint, da landeten Ammars Frau Nassma und ihre kleine Tochter Leila, genannt Luli, endlich in Schönefeld. Ein Jahr und acht Monate lang haben sich die drei nicht gesehen: Als Ammar fortging, war Luli vier Monate alt, vor kurzem ist sie zwei Jahre alt geworden.

 

Familiennachzug nicht gestattet

 

Eine Sache, die sich nicht verändert hat: Reinhild Otten steht Ammar auch jetzt noch zur Seite und muss mit ihrem Optimismus und ihrer Tatkraft eine große Stütze sein. Gut so, denn Nassma und Luli nach Deutschland zu holen war ziemlich kompliziert. Die erste Hürde: Ammar hat kein volles Asyl zugesprochen bekommen, sondern wie die meisten seiner Landsleute nur den sogenannten „subsidiären Schutz Was für Ammar vor allem bedeutete: er kann seine Familie nicht nachholen. Also musste ein anderer Plan her: Nassma und Leila über eine Verpflichtungserklärung nach Berlin zu holen. Das bedeutet, dass eine hier lebende Person mit entsprechendem Einkommen sich für fünf Jahre verpflichtet, für den Lebensunterhalt der zuziehenden Person aufzukommen. Diese Person bekommt dann ein Visum, hat aber keinen Anspruch auf Sozialleistungen.

Zwei Anläufe dauerte es, bis sich eine hilfsbereite Prenzlauer Bergerin fand, die tatsächlich bereit war, die Verpflichtungserklärung zu unterschreiben. „Das war für uns wie ein Wunder“, sagt Reinhild. Danach ging alles ganz schnell. Ende April bekam Nassma ihr Visum von der deutschen Botschaft in Beirut, gut einen Monat später sitzt sie schon mit uns zusammen auf dem Helmholtzplatz und schaut Luli beim Schaukeln zu.

Jetzt wohnt die junge Familie in einer Einzimmerwohnung unweit der Prenzlauer Allee. Zur Verfügung gestellt hat sie die Frau, die für Nassma die Verpflichtungserklärung unterschrieben hat.  Als nächstes braucht Luli einen Kitaplatz, dann kann Nassma einen Deutschkurs beginnen. Außerdem suchen die drei dringend eine etwas größere Wohnung. Ein bisschen mehr als ein Zimmer muss es sein, damit Nassma lernen kann. Wenn sie genauso wie Ammar das B2-Niveau in Deutsch geschafft hat, will sie ihren Facharzt in Gynäkologie machen. In Damaskus hat die 30-Jährige als Assistenzärztin gearbeitet, bis der Weg zur Arbeit zu gefährlich wurde. Ammar macht bald die B2-Prüfung und wartet darauf, dass er eine Berufserlaubnis bekommt, um wieder als Gefäßchirurg arbeiten zu können.

 

Geduld ist das Wichtigste

 

Ein Ausdruck, den Nassma in ihrer ersten Woche in Deutschland schon gelernt hat ist „so lala“. Genauso findet sie es bisher hier in Prenzlauer Berg. Es ist alles so, wie sie es sich vorgestellt hat, aber am liebsten würde sie wieder zurück nach Syrien gehen. „Ich bin hier, weil Ammar hier ist, aber weißt Du, meine Familie ist in Syrien. Hier kenne ich sonst niemanden“, sagt Nassma. „Jetzt warte mal ab, Du bist erst seit einer Woche hier“, antwortet Reinhild. „Sobald Luli in der Kita ist, werdet Ihr viele andere Eltern kennenlernen.“

Geduld, das ist eigentlich das Wichtigste, sagt Reinhild. Sie habe auch Ammar immer gesagt, er muss in kleinen Schritten denken, es gehe eben alles nur langsam voran. Das letzte Jahr fand Reinhild sehr anstrengend: „Ein langes Auf und Ab“, sagt sie und lacht dabei, wie immer sprudelnd und ansteckend. Bestimmt hat auch ihr unerschütterlicher Optimismus dazu beigetragen, dass sie im letzten Jahr so vieles erreicht haben. „Ich war mir eigentlich gleich sehr sicher, dass wir uns hier bald zu viert treffen“, sagt Reinhild. Ammar sei ja sehr zielstrebig, und auch die Eltern von beiden zu Hause in Syrien seien sehr gut vernetzt und hätten viel geholfen.

Den Kontakt mit den Behörden hat sie trotz allen Optimismus‘ als wahren Spießrutenlauf wahrgenommen. Neun Monate habe es gedauert, einen Wohnberechtigungsschein (WBS) für Ammar zu bekommen, irgendwann sei er nicht mal mehr beim Amt in der Liste gewesen. Am Schlimmsten bleibt für sie, dass so viele Geflüchtete nur den subsidiären Schutz bekommen. „Also, dass man Familien auseinanderreißt und die Menschen in die Depression stürzt, das geht überhaupt nicht.“

Für Ammar, Nassma und Leila ist bisher alles gut gegangen, auch wenn es noch viel zu tun gibt. Aber: „Schritt für Schritt, Eins nach dem Anderen“, sagt Reinhild nochmal und lacht. Gut, dass sie da ist.  Die vier scheinen auf dem besten Weg zu sein.

Wer eine Wohnung zu vermieten (ab 1,5 Zimmer, Lage egal) oder Hinweise für Ammar, Nassma, Reinhild und Leila hat, schreibt uns bitte an redaktion@prenzlauerberg-nachrichten.de!

 

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