Die Marke Prenzlauer Berg

von Kristina Auer 5. April 2017

Das Pankower Tourismusmarketing will sich verändern und braucht dafür mehr Geld. Aber wollen gerade die Prenzlauer Berger auch mehr Tourismus?

Gleich vorneweg: Der Tourismus ist für Pankow ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, so sehen es unsere  Bezirkspolitiker. Industrie gibt es bekanntlich wenig in unseren Breitengraden, und damit der Bezirk trotzdem florieren kann, braucht es in unserem Bezirk kauf-, besuchs- und übernachtungsfreudige Gäste, die die ansässigen Kultureinrichtugen, Läden und Unternehmen am Laufen halten. Denn allein durch die Einwohnernutzung könnten sie alle nicht überleben, erklärte gerade Nadia Holbe auf der Sitzung des Pankower Wirtschaftsausschusses im tic. Und so kommt es, dass Pankow neben Treptow-Köpenick der einzige Berliner Bezirk mit eigenem Tourismuskonzept ist.

 

Ein Kanu als Flaggschiff

 

Der Tourismus in Prenzlauer Berg und den angrenzenden Pankower Ortsteilen richtet sich an Besucher, die bereits zum zweiten oder dritten Mal nach Berlin kommen und von Mitte, Denkmälern und Museumsinsel genug gesehen haben. Die kleine Tourismusinformation tic in der Kulturbrauerei ist das Flaggschiff – oder eher Kanu des Pankower Tourismusmarketing. Dort gibt es Informationen für Touristen in fünf Sprachen, aber auch Postkarten, Stadtpläne, Bücher, Souvenirs und anderes für Touristen nützliches Zubehör. Neben dem tic existiert außerdem ein Back Office im Bezirksamt in der Fröbelstraße. Von dort aus werden Presse- und Öffentlichkeitsarbeit gemacht und Publikationen, wie beispielsweise die Broschüre „Pankow erleben“ erstellt: eine Art Minireiseführer für Prenzlauer Berg, Pankow und Weißensee, der gerade in der 7. Auflage neu erschienen ist.

Dass die Pankower Tourismusförderung nicht gerade im Geld schwimmt, ist kein Geheimnis. Seitdem die anfängliche EU-Förderung auslief, krebst das tic samt Back Office mit 40 000 Euro bezirklicher Finanzierung im Jahr vor sich hin und hat es bisher geschafft nicht unterzugehen, und zwar so: den Raum in der Kulturbrauerei bekommt das tic gratis vom Eigentümer zur Verfügung gestellt, die einzige Festangestellte des tic, Leiterin Stefanie Gronau, wird von Praktikantinnen und sogenannten 1-Euro-Jobbern unterstützt. Genauer gesagt haben in der bisherigen Geschichte ganze 140 Lanzeitarbeitslose das tic durchlaufen. Ein Pluspunkt: Viele von ihnen sollen über die im tic erlernten Fähigkeiten wieder eine Arbeitsstelle gefunden haben.

 

Urzeitliche Webseite muss dringend überarbeitet werden

 

Aber die Pankower Tourismusförderung will mehr. Konkret gesagt: sie will Ihre urzeitliche Webseite aus dem Jahr 2006 überarbeiten. Denn die ist inzwischen so alt, dass Inhalte wie Veranstaltungen nicht mehr mit der Webseite der großen Schwester des tic, visit Berlin, verknüpft werden können – weil die technischen Schnittstellen fehlen. Außerdem soll im nächsten Jahr das Marketingkonzept von 2005 überarbeitet werden. Neue Ziele: Die Fahrradrouten ausbauen, mehr Augenmerk auf Barrierefreiheit und den Tourismus jenseits von Prenzlauer Berg in den anderen Ortsteilen von Pankow ausweiten.

Dafür braucht es natürlich: Geld. Ein Finanzierungskonzept wird schon länger gesucht, 2015 bekam das tic erstmals Mittel aus der sogenannten City Tax, der Übernachtungssteuer, die Hotels seit 2014 erheben müssen. Jetzt gibt es eine neue Idee: Die „Gemeinschaftsaufgabe Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“, kurz GRW. Mit diesem Fonds unterstützt die Investitionsbank Berlin Unternehmen im Auftrag der Senatsverwaltung für Wirtschaft. Der GRW-Fonds hat der Pankower Tourismusförderung sogar schon eine Finanzierung von rund 100 000 Euro bewilligt. Der Haken: Den Zuschuss bekommt das tic nur dann, wenn der Bezirk die Förderung ko-finanziert – mit mindestens 10 000 bis 12 000 Euro zusätzlich zu den im Leistungsvertrag festgeschriebenen 40 000 Euro. Ob die Summe gewährt werden kann, darüber soll jetzt der Wirtschaftsausschuss beraten. Wie Ausschussmitglied Christiane Heydenreich anmerkte: „Um das Geld dem Tourismus in Pankow zukommen zu lassen, müssen wir es jemand anderem wegnehmen.“

 

Interessenskonflikte zwischen Bewohnern und Besuchern

 

Bezirksstadtrat Torsten Kühne (CDU) sieht noch ein anderen dringenden Handlungsbedarf: Der Sinn und Zweck des Tourismus müsse gegenüber den Anwohnern vermittelt werden, sonst gebe es wachsenden Unmut in der Bevölkerung. Besonders was den Lärm angehe gebe es immer wieder heftige Interessenskonflikte zwischen Bewohnern und Besuchern. Der jüngste Fall des gefährdeten Theater o.N. sei nur eines von vielen Beispielen. „Das Ordnungsamt erreichen Beschwerden am 31. Dezember um 23 Uhr, es sei zu laut auf der Straße“, sagte Kühne in der Auschussitzung im tic. Die Bevölkerung müsse gezielt für die Wichtigkeit des Tourismus und das Kiezleben sensibilisiert werden. Denn wenn immer Anwohner klagten, gälten die bundesweiten Lärmschutzgesetze, die oft den Klägern Rech gäben, so der Stadtrat. „Wenn das so weitergeht, werden in Prenzlauer Berg bald überall um 22 Uhr die Bordsteine hochgeklappt“, sagte Kühne. „Das ist doch für eine Großstadt undenkbar!“

Falls die Pankower Tourismusförderung die erhoffen Gelder erhalten sollte, könnte sie sich also vielleicht erstmal daran machen, die Wohnbevölkerung zu beruhigen, bevor sie antritt, noch mehr Touristen nach Prenzlauer Berg zu locken. Das wäre bisweilen vielleicht das beste für Touristen, Gewerbe und Anwohner – sprich, die Allgemeinheit. Schließlich soll es auch so manchen Prenzlauer Berger geben, der sich am abendlichen Kneipen- und Kulturtreiben erfreut.

 

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