Die Kamele aus der Czarnikauer Straße

written by Kristina Auer 8. März 2017

Nein, das ist keine Fata Morgana: Dieses Kamel steht wirklich in einer Altbauwohnung im Nordischen Viertel. Die etwas verrückte Geschichte, wie jede Menge echtes Kamelhaar aus der Mongolei nach Prenzlauer Berg kam.

„Ich glaub, ich seh‘ nicht richtig“ – so in etwa lässt sich der Eindruck beim Betreten von Ursula Linkes Atelier in der Czarnikauer Straße dieser Tage beschreiben. Auf den ersten Blick scheinen hier nämlich zwei riesige Kamele untergebracht zu sein. Zum Glück handelt es sich dann doch nicht um einen groben Verstoß gegen das Tierschutzgesetz: Die beiden behöckerten Freunde sind originalgetreue, lebensgroße Figuren.

Gebaut hat sie Ursula Linke. Sie ist eine von wenigen Bühnenplastikerinnen in Deutschland. Der Auftrag für die Kamele kommt von der Dresdner Semperoper. Dort sollen die Tiere demnächst während der „Entführung aus dem Serail“ von Wolfgang Amadeus Mozart über die Bühne trotten und kutschenähnliche Gefährte hinter sich herziehen.

 

Converse-Turnschuhe im Kamelfuß-Design

 

So realistisch wie möglich wünschte sich der Dresdner Regisseur die Plastiken, die eine Mischung aus Skulptur und Puppe sind, und von jeweils zwei Menschen pro Kamel bedient werden. Sie tragen die Figuren mithilfe von Rucksäcken, die Ursula Linke im Kamelinneren eingebaut hat. Über eine Hebelfunktion kann der vordere Träger Augen, Ohren und Mund der rund 20 bis 25 Kilo schweren Tiere bedienen. Die Darsteller tragen außerdem Fellleggings und Kamelfüße. Die hat Ursula Linke um echte Converse „Chucks“ herumgebaut.

Innen Converse, außen Kamel: Die Füße müssen bequem und robust sein. (Foto: ka)

 

„Die beiden Kamele sind schon ein sehr außergewöhnliches Projekt“, sagt Linke. Seit vier Monaten arbeitet sie an den riesigen Plastiken. Es habe viel Zeit und Nerven gekostet. „Ich musste unglaublich viel tüfteln und ausprobieren, um herauszufinden, wie es funktionieren kann“, sagt die 38-Jährige. „Wenn ich sie jetzt nochmal bauen müsste, würde alles natürlich viel schneller gehen.“ Linke hat unterschiedlichste Materialien wie Papier, Schaumstoff, Peddigrohr und besagte Rucksäcke verbaut. „Am Schwierigsten war es, den beweglichen Hals zu formen“, sagt die Plastikerin.

 

„Möglichst echt und räudig“

 

Die äußere Erscheinung wurde dann aber zum größten Problem. „Die Kamele sollten nicht besonders schön, sondern eben möglichst echt, zottelig und räudig aussehen“, sagt Linke. Anfangs hatte sie lange kein geeignetes Fell gefunden, alle künstlichen Felle hätten billig und nach Plastik ausgesehen. Aus der verzweifelten Materialssuche entstand die Odyssee der Wolle eines echten Kamels von der Mongolei bis nach Prenzlauer Berg in Linkes Atelier.

Ein befreundeter Requisiteur hatte im Dezember einen Kontakt zu einer Gruppe mongolischer Film-Hilfsarbeiter in Babelsberg hergestellt und sich nach echten Kamelfellen erkundigt. In der Mongolei sind Kamele nämlich gewöhnliche Nutztiere, die wie hierzulande Kühe oder Schweine gezüchtet und gegessen werden. Nur am Kamelfell haben die Mongolen kein großes Gefallen, es wird meist weggeworfen und nicht weiter verarbeitet, erzählt Ursula Linke.

Das Kamel kann Ohren, Augen und Maul bewegen. (Foto: ka)

 

Ein hilfsbereiter mongolischer Kollege beauftragte trotzdem einen Bekannten in der Heimat, sich nach einem Fell umzusehen. „Was wir nicht wussten war, dass die Schlachtsaison für die Kamele gerade vorüber war, so wurde die Suche noch schwieriger“, sagt Linke. Sie bat also darum, man möge sich doch vielleicht noch einmal nach einem Fell umsehen, vielleicht habe sie Glück. Offenbar war der Kamelscout vor Ort etwas übereifrig, denn nur wenige Tage darauf bekam Linke einen Anruf: Man habe jetzt 1000 km von der Hauptstadt Ulan Bator entfernt ein Kamel gefunden und auch schon geschlachtet. „Das war eigentlich nicht die Idee“, sagt Linke mit spürbarem Bedauern. „Ich habe schon ein schlechtes Gewissen, dass jetzt wegen mir so ein Kamel sterben musste.“ Immerhin: „Der Kollege hat mir garantiert, dass alles Fleisch komplett an Menschen aus dem Ort verschenkt wurde.“

 

Splatterfilmreife Bilder per Whatsapp

 

In den folgenden Tagen erreichten Ursula Linke splatterfilmreife Fotos per Whatsapp: „Das waren schockierende Bilder von unidentifizierbaren Kamelteilen“, sagt Linke. Und sogleich folgte auch schon das nächste Problem: Die mongolischen Helfer hatten nicht bedacht, dass ein Fell gegerbt werden muss. Da Kamelfell dort nicht genutzt wird, fand sich auch niemand, der es gerben konnte. „Spaßeshalber“ habe Linke einen Gerber in Berlin gefragt: „Da hieß es nur ganz barsch ‚Wir gerben keine Kamele'“, sagt Linke. Auf den Vorschlag, das ungegerbte Fell auf den Weg nach Berlin zu schicken, verzichtete die Plastikerin also dankend. Stattdessen bat sie darum, die Wolle zu scheren und ohne Kamelhaut nach Berlin zu schicken. Im Januar hatte Ursula Linke dann unzählige Tüten voller Kamelhaar in ihrem Atelier.

Am Ende schmückt den meisten Teil der Kameloberfläche nun doch Schaffell. „Quasi im letzten Moment habe ich die braunen Schaffelle gefunden“, sagt Linke. Damit es zottelig und wie gewünscht „räudig“ aussieht, hat Linke es noch unregelmäßig mit der Maschine geschoren und an den Höckern und am Hals längere Fellteile eingearbeitet. Demnächst kommt aber doch noch ein wenig Kamelhaar mit hinzu. „Ich habe es dem Kamel innerlich fest versprochen, dass ich zumindest einen Teil von der Wolle verarbeiten werde“, sagt Linke. Sie will jetzt noch einige Dreadlocks und Zotteln anbringen. Noch in diesem Monat werden die ersten Proben mit den fertigen Figuren in Dresden stattfinden, bevor Linkes Kamele im April mit der Entführung aus dem Serail an der Semperoper Premiere feiert.

 

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