Behutsam statt brutal

von Kristina Auer 3. Januar 2017

JAHRESRÜCKBLICK 2016: 1.500 Wohnungen sollen an der Michelangelostraße gebaut werden. Die Anwohner haben sich organisiert und eigene Ideen eingereicht. Den PBN haben sie erklärt, was sie am geplanten Bauvorhaben stört.

WIEDERHOLUNG vom 29 Juni 2016:

NACHTRAG NACH DER BVV-SITZUNG:

Der Bürgerantrag der Michelangelostraßen-Initiative (über die Linken) wurde von den Bezirksverordneten angenommen. Damit ist jetzt das Bezirksamt am Zug: Stadträte und Bürgermeister müssen entscheiden, ob sie den Planungsprozess für eine Neubebauung an der Michelangelostraße neu aufrollen – unter Mitwirkung der Anwohner.

Die fordern konkret: „eine behutsame Nachverdichtung in einer Größenordnung von 700 bis maximal 1000 Wohneinheiten“. Statt mindestens 1500 neuen Wohnungen. Außerdem wollen sie einen gleichbleibenden Grünflächenanteil je Anwohner (1,52 m²) und Mieten für die Neubau-Wohnungen, die aktuell im Mühlenkiez üblich sind.

 

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„Wir sind keine Bürger zweiter Klasse, nur weil wir schon etwas älter sind und seit 40 Jahren in Plattenbauten wohnen,“ sagt Hans-Jürgen Freund. Er ist Anwohner an der Michelangelostraße im Osten von Prenzlauer Berg und Vorstandsmitglied im unlängst gegründeten Verein für Lebensqualität an der Michelangelostraße. Genau die sehen die Anwohner nämlich in Gefahr, und zwar durch ein Neubauprojekt, das hier die Entstehung von 1.500 neuen Wohnungen bis zum Jahr 2026 vorsieht. „Das jetzige Bauvorhaben würde die Situation von uns bisherigen Anwohnern dramatisch verschlechtern“, sagt Gabriele Ahnis, stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Vereins. Bei den Planungen für die Neubebauung fühlen sich die Bewohner übergangen.

 

Auf diesem Areal soll gebaut werden. (Foto: openstreetmap.de/Bearbeitung: jw)

 

Zu groß, zu viel, zu rücksichtslos

 

Momentan gibt es an der Michelangelostraße eine große Freifläche, die früher einmal für den Ausbau der Stadtautobahn freigehalten wurde und seither als Parkplatz genutzt wird. Vor allem dort sollen die neuen Wohnungen gebaut werden. Damit fielen die Parkplätze ersatzlos weg, die bisher freistehenden Platten südlich der Michelangelostraße bekämen einen breiten Gebäudestreifen vor die Nase gebaut. Nördlich der Michelangelostraße, wo zwischen den Plattenbauten aus den 50er- und 60er-Jahren großflächige Freiräume angelegt wurden, sollen einige weitere Gebäude entstehen.

Gegen dieses Vorhaben, konkret gegen den Entwurf des Hamburger Architekten Frank Görge, der 2014 als Sieger aus dem städtebaulichen Wettbewerb für das Gebiet gekürt wurde,  wendet sich der Verein. Der Entwurf widerspreche einem Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) aus dem Vorjahr, nach dem die Bestandssiedlungen ausdrücklich behutsam und in Absprache mit den Anwohnern nachverdichtet werden sollten. Zu groß, zu viel, zu rücksichtslos, lauten die Vorwürfe der Anwohner. Außerdem seien viele Gesichtspunkte wie etwa ökologische Folgen unbedacht. Ein weiterer großer Kritikpunkt lautet, dass in dem Entwurf mit einem Gebiet von 30 Hektar kalkuliert werde, weil dabei die komplette Straßenfläche miteingerechnet sei. Die tatsächlich zu bebauende Fläche belaufe sich stattdessen auf kaum mehr als vier Hektar, so die Vorstandsmitglieder.

 

Unstimmigkeiten zwischen Senat und Bezirk

 

Verunsichert fühlen sich die Bewohner auch durch die schwankenden Zahlen, die von Seiten der Politik zum Bauvorhaben genannt werden. Während der Bezirk mit der Entstehung von 1.400-1.500 neuen Wohnungen und mit etwa 2.800 neuen Anwohnern plant, sprach Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) laut Medienberichten kürzlich von 2.500 Wohnungen für bis zu 6.000 Menschen. Das wäre eine Verdichtung um mehr als die Hälfte, denn in dem Gebiet zwischen Greifswalder und Storkower, Gürtel- und Kniprodestraße gibt es laut Verein derzeit etwa 5.600 Wohnungen mit knapp über 10.000 Bewohnern, von denen mehr als die Hälfte über 60 Jahre alt sind. Mit Behutsamkeit hätte das nicht mehr viel zu tun.

Dieser Unterschied ergibt sich laut Stadtentwicklungsstadtrat Jens-Holger Kirchner (Grüne) aus unterschiedlichen Auffassungen von Senat und Bezirk. „Da gibt es eine Varianz zwischen den Forderungen der Senatsverwaltung und dem, was wir für sinnvoll halten“, sagte Kirchner. „Wir werden das Bauvorhaben aber mit 1.500 Wohneinheiten weiterplanen.“ Ab Anfang nächsten Jahres soll laut Kirchner damit begonnen werden, einen Bebauungsplan für das Gebiet an der Michelangelostraße aufzustellen. Das Verfahren kann bis zu zwei Jahre dauern. Derzeit liegt die Entscheidungsgewalt über das Bauprojekt beim Bezirk. Gabriele Ahnis gibt aber zu bedenken, dass der Senat diese im Falle weiterer Unstimmigkeiten auch an sich ziehen könnte.

 

So sieht der umstrittene Bauplatz der Zukunft von oben aus. (Foto: Kristina Auer)

 

Klar für die Bebauung, aber mit mehr Rücksicht

 

Deswegen hoffen Ahnis und ihre Mitstreiter, dass der vom Bezirksverordneten Michail Nelken (Linke) im Namen der Anwohner gestellte Antrag in der heutigen BVV-Sitzung angenommen und damit die Planung für das Bauprojekt möglichst schnell neu beginnt. Die Vereinsmitglieder wünschen sich, dass ihre Vorschläge zur Bebauung dabei mehr Gehör finden. Wichtig ist den Anwohnern die klare Bekenntnis für neue Wohnungen in ihrem Viertel. „Wir sind nicht gegen eine Bebauung, sondern es geht um die Art und Weise“, sagt Freund.

Angesichts des Wachstums des Bezirks und ganz Berlins werden Wohnungen dringend gebraucht. Gerade in urbanen Stadtteilen wie Prenzlauer Berg ist das kein einfaches Vorhaben, weil die nötigen Freiflächen dafür fehlen. Das zeigt auch das aktuelle Wohnbaukonzept für Pankow. Dort heißt es wörtlich im Behördensprech: „Mit Ausnahme der Bezirksregion Prenzlauer Berg Süd und Ost, bestehen in den übrigen Bezirksregionen des Prenzlauer Bergs keine nennenswerten Wohnbaupotenziale auf Konsensflächen.“ Ähnlich sieht das auch Bezirksstadtrat Kirchner: „Abgesehen von der Michelangelostraße und dem Gebiet am alten Güterbahnhof Greifswalder Straße ist Prenzlauer Berg quasi verdichtet.“

 

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