Wann man wirklich ankommt

von Kristina Auer 29. Dezember 2016

JAHRESRÜCKBLIK 2016: Sich ein neues Leben aufbauen, wie geht das eigentlich? Ammar aus Damaskus lebt seit einigen Monaten in Prenzlauer Berg. Er hat uns vom langen Weg bis zum wirklichen Ankommen erzählt.

WIEDERHOLUNG vom 15. März 2016:

Bei unserem Treffen sitzt Ammar im Café Elf am Arnimplatz und ist ziemlich verschnupft. Wie es die Jahreszeit mit sich bringt, hat er sich ganz schön erkältet. An die Kälte muss man sich erstmal gewöhnen, und von den Strapazen der letzten Monate ist sein Immunsystem wohl auch etwas geschwächt. In der Notunterkunft in der Malmöer Straße kämpfen gerade viele Bewohner gegen die bösartigen Viren des Berliner Winters, Ammar ist einer von ihnen. Da steckt man sich schnell gegenseitig an.

Ammar Alhamdan ist ein mittelgroßer Mann mit einem runden Gesicht und wachen Augen. Mit seinen 33 Jahren sieht er jung und gleichzeitig viel erwachsener aus als viele deutsche Männer in seinem Alter. Diese Stirnfalte zwischen seinen Augen geht einfach nicht mehr weg, die zieht er immer wie automatisch zusammen. Daran merkt man, dass er Schlimmes erlebt hat.

Ammar spricht fließend Englisch, aber immer wenn er ein deutsches Wort kennt, verwendet er es in seinen englischen Sätzen. „Gestern“, „zum Beispiel“ und „Turnhalle“ sagt er häufig. Und das Wort „Gefäßchirurgie“. Denn Ammar ist Arzt. Im letzten Herbst arbeitete er noch als Gefäßchirurg in einer Klinik in Damaskus. Dann kam der Moment, als er zum Militärdienst für die Assad-Regierung eingezogen werden sollte. Das war der Zeitpunkt, an dem es keinen anderen Ausweg mehr gab, nur die Flucht. Seine Frau – auch sie ist Ärztin – und seine neugeborene Tochter ließ er damals in Damaskus zurück. Für ein Baby ist die Reise zu gefährlich. Ammar fuhr zuerst nach Beirut, von dort aus nahm er ein Flugzeug nach Istanbul. Ende Oktober nahm er eins der klapprigen und völlig überfüllten Boote, die Flüchtlinge von der Türkei nach Griechenland bringen. Das Boot hielt und die Überfahrt gelang. Zum Glück. Ammar nahm die Balkanroute und kam kurze Zeit später nach Deutschland. Seit vier Monaten wohnt er jetzt in Berlin, zusammen mit 200 anderen in der Turnhalle in der Malmöer Straße.

 

Deutschkurs, Bürokratie und Abwarten

 

Jetzt sitzt er also am Arnimplatz, ist verschnupft, und trinkt schwarzen Kaffee. Er will lieber draußen sitzen, auch wenn es kalt ist, denn die Sonne scheint, und frische Luft kann nicht schaden. Wie die meisten Bewohner der Notunterkunft wartet Ammar darauf, dass sein Asylantrag bearbeitet wird. Das kann bis zu einem halben Jahr dauern. Solange lernt er Deutsch und macht einen Integrationskurs. Bevor nicht über seinen Antrag entschieden worden ist, darf er weder arbeiten noch aus der Notunterkunft ausziehen, wo er als Bewohner gemeldet ist.

Das Warten empfindet Ammar als die größte Belastung. In Damaskus hat er sechs Tage pro Woche gearbeitet, als Chirurg in einem Bürgerkriegsland hat er Tag und Nacht Verletzte operiert. Man kann sich nur ausmalen, wieviele Menschen er sterben gesehen hat. Dass er momentan außer einem Deutschkurs nichts machen kann als herumzusitzen und abzuwarten, ist für ihn unerträglich.

 

Viele verzweifeln und wollen zurück

 

Dazu kommt der bürokratische Prozess, der undurchsichtig und verwirrend ist. Das treibt viele seiner Bekannten in die Verzweiflung, sagt Ammar. Sie sehen sich mit riesigen Papierstapeln konfrontiert, von denen sie nicht abschätzen können, was sie bedeuten und müssen immer wieder zu Terminen im LaGeSo erscheinen, neue Fragen beantworten und Formulare ausfüllen. So wirkt es für viele schier unmöglich, dass sie am Ende in Deutschland tatsächlich ein neues Leben beginnen können. Viele der Menschen, die er hier kennengelernt hat, wollen inzwischen wieder zurück, sagt er. Die allermeisten Syrer, er selber auch, würden sowieso sofort wieder zurückfahren, wenn es in Syrien irgendwo einen sicheren Ort gäbe.

Auch Ammar ist fast an dem bürokratischen Aufwand verzweifelt. Zu kompliziert und unverständlich erschien ihm der Weg bis zu einer dauerhaften Aufenthaltserlaubnis und der Möglichkeit, als Arzt arbeiten zu können wie vorher in Damaskus. Auch seine Frau und sein Kind vermisst er sehr. Vor ungefähr einem Monat war er deshalb selbst drauf und dran, wieder nach Syrien zurückzufahren.

 

Eine moralische und tatkräftige Unterstützerin

 

Gut, dass Ammar genau in dieser Zeit, als es ihm am schlechtesten ging, Reinhild Otten getroffen hat. Die 47-jährige ist freiwillige Helferin in der NUK Malmöer Straße und hat Ammar während einer Schicht in der Essensausgabe kennengelernt. Reinhild, die selbständig als Online-Konzepterin arbeitet, erweckt den Eindruck einer tatkräftigen, kreativen Frau und hat ein sprudelndes, ansteckendes Lachen, das sie oft zum Besten gibt. Mit ihrer Lockenmähne und ihrer schelmischen, aufgekratzten Art erinnert sie mich ein bisschen an Janis Joplin. In ihrer Anwesenheit muss man sich eigentlich automatisch ein bisschen vergnügter fühlen.

Jetzt unterstützt Reinhild Ammar bei seinem Weg ins Berufsleben. Und obwohl Ammar ja erst so richtig loslegen kann, wenn sein Antrag bearbeitet wurde, hat sie schon eine Menge herausgefunden. Beispielsweise, dass er ein Deutschniveau von mindestens B2 oder besser C1 (fortgeschrittene Mittelstufe oder Oberstufe nach dem europäischen Referenzrahmen, Anm.) braucht, um in Deutschland als Arzt arbeiten zu können. Außerdem muss er die Facharztprüfung als Gefäßchirurg in Deutschland noch einmal neu ablegen.

Bevor Ammar ein Sprachzertifikat und einen genehmigten Asylantrag hat und anfangen kann, richtig zu arbeiten, vermittelt Reinhild ihm Kontakte zu deutschen Ärzten. So kann er vielleicht schon vorher eine Hospitation in einem Krankenhaus machen. Reinhild hat Mentoring-Programme wie das von Singa Deutschland ausfindig gemacht und Kontakt zur Charité aufgenommen, auch dort soll bald ein Programm für geflüchtete Ärzte entstehen. Auch sie findet, die Bürokratie ist oftmals das größere Problem, nicht die praktische Integration. „Neulich habe ich mit einem Arzt aus Hamburg telefoniert. Der hat gesagt, Ammar soll sich gleich melden, sobald er die Papiere hat. Und, dass er erst letzte Woche wieder einen syrischen Arzt eingestellt hat.“ Natürlich ist Ammar als Gefäßchirurg einer der privilegierteren Geflüchteten. Er wird es leichter haben als viele andere, hier Arbeit zu finden und ein Leben zu beginnen. Aber auch sonst gebe es sehr viele Projekte, die Geflüchtete bei der Arbeitssuche unterstützen, gerade in Berlin. Und viele Unternehmen möchten geflüchtete Menschen einstellen.

 

Die Behörden sind das größere Problem

 

Die Einschätzung, dass das amtliche Prozedere um den Asylantrag die Menschen zur Verzweiflung treibt, kann auch Reinhild bestätigen. Aus ihren Erfahrungen als Ehrenamtliche hat sie den Eindruck, dass das Verfahren „reine Glücksache“ ist. Manche Anträge würden schon nach wenigen Wochen bearbeitet, andere erst nach Monaten. Ebenso sei es bei den Entscheidungen über die Anträge und die Zeiträume, für die den Asylsuchenden Schutz gewährt wird. Einige bekämen gleich eine Aufenthaltserlaubnis für drei Jahre, andere müssten ihren Titel alle drei Monate neu beantragen. „Oft hängt es davon ab, welchen Sachbearbeiter man bekommt. Auf jeden Fall ist es aber immer besser, wenn ein Deutscher mit zum Termin kommt. Dann behandeln sie dich ganz anders“, sagt Reinhild.

Was die Papiere von Ammar angeht, gehen beide davon aus, dass Ammars Antrag angenommen wird und er den sogenannten „Blauen Flüchtlingspass“ bekommt. Den bekommen nach Reinhilds Erfahrung längst nicht alle Flüchtlinge, sondern in ihren Worten nur diejenigen, die „auf irgendeine Art akademisch verwertbar“ sind. Der blaue Pass beinhaltet vor allem drei wichtige Punkte: Bleiberecht für zunächst drei Jahre, Reisefreiheit in der ganzen EU und das Recht, seine Familie nach Deutschland nachzuholen.

Reinhild hat es geschafft, Ammar ein bisschen Hoffnung zurückzugeben. Er will erstmal nicht zurück nach Syrien, sondern es mit dem neuen Leben in Deutschland versuchen. Wenn alles gut läuft, dann könnte er schon im Sommer einen Job haben und seine Frau und sein Baby nach Deutschland holen. Ammar kann jetzt wieder ein bisschen optimistischer sein. Und in Deutschland hat er bisher nur positive Erfahrungen gemacht, sagt er. Er wisse zwar auch, dass es die anderen Leute gibt, die gegen die Flüchtlinge demonstrieren. Aber alle Menschen, die er bis jetzt kennengelernt habe, seien sehr nett gewesen. „Ich hab‘ doch gesagt, Ammar, ich stell‘ Dir nur nette Leute vor!“, sagt Reinhild am Ende unseres Gesprächs. Und dann lacht sie wieder ihr sprudelndes, mädchenhaftes Lachen.

 

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