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Wie wir arbeiten

29.04.2015 | Thomas Trappe

Wie, wir arbeiten? Doch, durchaus, hinter all dem, was Sie hier lesen können, steckt viel Mühe. Das klappt nur mit viel Engagement. Wir zeigen Ihnen mal, was das heißt.

Lokaljournalismus, wie das schon klingt. Anbetungswürdig nun schon mal gar nicht. Ein bisschen müffelig, ein bisschen anbiedernd. Und nach Bier. Mit Klischees verhält es sich im Lokaljournalismus wie so oft im Leben – sie kommen nicht von ungefähr. Das ist uns PBN-Machern, die wir alle eine lokaljournalistische Vergangenheit haben, sehr bewusst. Nun wissen wir nicht, wie Sie sich unsere Arbeit vorstellen, haben da aber so unsere Befürchtung, siehe oben. Vielleicht bedarf es also mal einer kleinen Klarstellung, um unsere Rolle irgendwo zwischen Horst Schlämmer und hyperlokalem Überjournalismus zu spezifizieren. Wie also sieht die Arbeit derer aus, die dafür sorgen, dass Sie fast jeden Morgen ihre druckfrische Prenzlette in ihr Internet geliefert bekommen? Schauen Sie doch bitte mal kurz mit rein.

Angefangen haben wir hinter Gittern. In einem Hinterhof der Marienburger Straße. Gut lichtgeschützt, mit dicken Eisenstangen an den Fenstern. Zwei kleine Zimmer und in Hörweite ständig spanische Touristen und einer der größten Spielplätze der Milchstraße. Der perfekte Ort also, eine Prenzlauer Berger Lokalzeitung zu produzieren, trotzdem zogen wir irgendwann aus. Für lange Zeit arbeiteten wir dann in unseren heimischen Büros (auch Schlafzimmer genannt), inzwischen haben wir einen Platz in der Kulturbrauerei. Einen kleinen Platz. Aber immerhin.

 

Die Prenzlette kann auch nerven

 

Lokaljournalismus, zumal des selbstgegründeten, bedeutet also erst einmal Ressourcenmangel. Es mangelt an Geld, und damit auch fast an allem anderen, einem perfekt ausgestattetem Büro zum Beispiel. Und zu Beginn fehlte es uns auch daran: Wissen. Von einem Tag auf den anderen über einen Stadtteil berichten, von dem man bis dahin noch dachte, dass es ein Kiez sei; zu verstehen, wer sich mit wem warum den Kopf einschlägt im Mauerpark; das Bezirksparlament begreifen und verstehen, dass man es besser nicht Bezirksparlament nennen sollte; im Schlaf die sieben Merkmale der Gentrifizierung murmeln zu können – das alles läuft nicht ohne Schweißausbrüche, peinliche Fehler am Anfang und teils heftige Reaktionen ab. Das hat nicht viel mit Prenzlauer Berg zu tun, sondern ist ein Wesensmerkmal des Lokaljournalismus: Wer neu ist, der hat meist Schmerzen, und lokalkundige Leser bei den ersten Texten gelegentlich nicht minder. Wir mussten da durch. Sie auch.

Bei all dem waren wir immer alleine. Wenn wir sagen, wir sind eine Ein-Personen-Redaktion, dann ist das nun keine umgekehrte Form der Schizophrenie, sondern der Tatsache geschuldet, dass fünf Tagessätze pro Woche in den ersten Jahren auf zwei Redakteure aufgeteilt waren, sprich, wir beide (seit Januar sind wir ein Dreierteam), die redaktionelle Tätigkeiten zeitlich teilten. Dass trotzdem nahezu jeden Tag Kontakt bestand und die Arbeit faktisch im Stil eines Zweierteams erledigt wurde, zeigt, dass wir es mit der Stundenbegrenzung nach oben hin nicht allzu genau genommen haben. Das hat sicher mit Idealismus zu tun, aber es ist auch schlicht Voraussetzung dafür, dass der Laden nicht krachen geht. Das nervte mitunter, an solchen Tagen war die Prenzlette das quengelnde Kind, das partout nicht ins Bett wollte. Oder eben der Stadtrat, der ausgerechnet dann anruft, wenn die Nudeln gerade überkochen.

 

Hinter Gittern mit dem inneren Zuchtmeister

 

Als wir noch hinter Gittern saßen, arbeiteten wir auch meist entsprechend, nämlich mit einem inneren Zuchtmeister. Zwei Texte am Tag, das war damals das uns selbst auferlegte Pensum. Auch das nichts Ungewöhnliches im Lokaljournalismus, ich selbst kam aus einer Redaktion, in der ich jeden Tag eine Zeitungsseite produzierte, und das hat man der Seite dann auch häufig angemerkt. Die Zielmarke, die wir uns damals bei der Prenzlette setzten, erschien mir daher nicht abartig ambitioniert. Die Recherche begann dann meist in den Tagen davor und wurde am Vorabend des Schreibens abgeschlossen. Morgens verfasste man dann die große Geschichte für den nächsten Tag, mittags folgte die Recherche für die kleine Story, die am Nachmittag erschien. Dann konnte wieder recherchiert werden. Abends dann musste meist noch schnell ein Foto geschossen werden, so ein Text braucht ja auch Farbe. Nach Feierabend konnte man sich dann gelegentlich einer schönen Verspannung hingeben, oder alternativ nochmal der Prenzlette. Wir hielten das erstaunlich lange durch, finde ich. Irgendwann haben wir die Zwei-Text-Doktrin zum Tode verurteilt, mit der Begründung, dass ein halbgarer Text ärgerlicher ist als ein fehlender. Die Texte sind jetzt besser, auch wenn die alte Regel, derzufolge noch keine Zeitung ohne Fehler erschienen ist, auch von uns nicht falsifiziert werden kann. Wir arbeiten weiter dran.

Wie kommen wir an unsere Themen? In den guten Zeiten drängen sie sich auf. In schlechten Zeiten – wenn der halbe Stadtteil in den Urlaub fährt, und das tut er oft – passiert im offiziellen Prenzlauer Berg wenig bis nichts bis gar nichts. Keine Sitzungen der Bezirksverordnetenversammlung (das Bezirksparlament!). Keine Ausschüsse. Das Abgeordnetenhaus schweigt. Die Stadträte beschließen und die Bezirksverordneten fragen nichts. Man kann dann auf Hinweise der daheim gebliebenen Leser hoffen, aber eben nicht darauf setzen. Ich gehe dann meist spazieren, und nicht selten wurde ich dabei in den vergangenen Jahren fündig. Oft genug, und das ist eine viel zu selten beleuchtete Journalistenkompetenz, hilft aber nur noch das kraftvolle an die Wand starren und das Warten auf eine Idee. Im besten Fall hat sie nichts mit Gentrifizierung zu tun – denn davon haben wir schon im Regelbetrieb genug zu berichten. 

 

Leitmedium für Leitjournalisten

 

Nicht immer sind wir die ersten, die ein Thema ausgraben. Schließlich befinden wir uns hier noch in Prenzlauer Berg, einem Stadtteil, bei dem bei Menschenansammlungen von mehr als fünf Personen davon auszugehen ist, dass einer davon die anderen interviewt, wahrscheinlich zum Thema Latte Macchiatto, Mütter oder Schwaben. Doch oft sind wir es, die eine Geschichte entdecken, bevor diese dann berlin-, gelegentlich auch bundesweit, abgehandelt wird. Sei es ein verdorrter Spielplatz im Thälmannpark, ein Kinderwagenfeindliches Café oder ein „Luxusverbot“, ein von uns kreierter Begriff, der später Talkshows zierte. Klar macht uns so etwas ein bisschen stolz, und selbstverständlich ärgern wir uns, wenn andere uns ein lokales Thema vor der Nase wegschnappen. Allzu oft kommt das nicht vor, und so bezeichnen wir uns in euphorischen Momenten redaktionsintern auch gerne mal als Leitmedium für Leitjournalisten. Das war jetzt der Protz-Absatz.

Und schnell werden wir wieder bescheiden, das gebietet der Allgemeinzustand. Denn bei allen Erfolgen, die wir in den vergangenen Jahren hatten und die wir nur selten gefeiert haben, steht der größte noch bevor. Oder eben nicht. Dass wir weitermachen können. Dass wir weiter Fehler machen können, und dass wir weiter besser werden können. Das Pathos-Rad könnten wir jetzt an dieser Stelle noch weiter drehen, aber so richtig liegt uns das nicht. Machen wir Ihnen also ein klares Angebot. Wir bieten Ihnen an, dass alles so bleibt, wie es ist. Den Lokaljournalismus werden wir nicht revolutionieren – wir können nur dafür sorgen, dass er in Prenzlauer Berg weiter existiert. Es liegt in Ihrer Hand.

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