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Der Widerstand gegen den Umbau der Kastanienallee zerfasert

09.02.2011 | Redaktion der Prenzlauer Berg Nachrichten | 7 Kommentare

Die Zeichen stehen auf eher auf Konfrontation statt Kompromiss. Doch die Gegner des Umbaus treten weniger geschlossen auf als bisher - und die Bezirkspolitik könnte beweglicher sein als es scheint.

„Kastanienallee: Kompromiss oder Konfrontation?", hatte die SPD des südlichen Prenzlauer Bergs ihr Bürgerforum in der GLS-Sprachenschule überschrieben. Am Ende des Abends ließ sich die Frage recht klar beantworten: Die Zeichen stehen auf Konfrontation. Den Kompromiss, mit dem sämtliche Beteiligte leben können, wird es nicht geben. Auch Schlichtungsrunden, Ortsbegehungen und Termine im Bezirksparlament haben nicht zur Beruhigung der Gemüter beigetragen.

Im Gegenteil: Die Stimmung in der Aula der Sprachenschule war gereizt, es wurde laut dazwischengerufen, mit dem Kopf geschüttelt, polemisiert. Moderator Severin Höhmann musste Teilnehmer mehrmals an Diskussionsregeln erinnern. Wenn sich die Bezirkspolitik streckenweise Ignoranz vorwerfen lassen muss, dann war dieser Abend genauso wenig eine gelungene Werbung in Sachen bürgerschaftlicher Diskussionskultur. Und er zeigte, dass der Streit längst nicht mehr nur entlang der alten Konfliktlinie Bezirksamt gegen Bürger verläuft.

 

Kirchner: Umbau nur im Einklang mit den Anwohnern

 

Denn begonnen hatte der Abend mit einer bemerkenswerten Äußerung von Bezirksstadtrat Jens-Holger Kirchner (Grüne): „Es sollte nie zu spät sein, nach Lösungen zu suchen. Der Umbau kann nur zusammen mit der Straße passieren und nicht gegen den Willen der Anwohner", sagte er. Zu einem solchen Statement hatte sich Kirchner selbst in den von seiner eigenen Partei organisierten vier Schlichtungsrunden um die Jahreswende nicht hinreißen lassen.

Martina Schneider, stellvertretende Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC), sollte dann die Interessen der Radfahrer repräsentieren. Sie argumentierte gegen die bisher zwischen den Straßenbahngleisen angebrachten Fahrradmarkierungen: Die Kastanienallee sei gerade für Familien, die auf Fahrrädern unterwegs seien, schwer passierbar. Wer einen Kinder-Fahrradanhänger mit einem Meter Breite hinter sein Rad hänge, könne nicht zwischen den Gleisen fahren, ohne sich selbst zu gefährden. „Berlin soll Fahrradstadt sein. Was hier passiert, hat Vorbildcharakter für die ganze Stadt", sagte sie.

 

Harter: Kastanienallee ist Sinnbild für Berlin

 

Auch Till Harter von der Initiative „Stoppt K21!" betonte den Vorbildcharakter der Straße, allerdings in anderer Hinsicht. Sie sei zu einem Sinnbild für Berlin geworden, nicht nur für Prenzlauer Berg, und außerdem die einzige Flaniermeile im Bezirk Pankow. Er warb dafür, die Radfahrer stärker über die Choriner Straße zu lenken, um sie aus der Kastanienallee herauszuhalten.

Matthias Aberle von der Bürgerinitiative Wasserturm brachte  das Kostenargument ins Spiel. Eine alleinige Reparatur der Gehwege würde nur 165.000 Euro kosten, im Gegensatz zu 1,5 Millionen Euro bei der größeren Bezirksamtsvariante. Stadtrat Kirchner hielt ihm entgegen, dass in den 165.000 Euro die Baukosten für Haltestellenkaps und Gehwegvorstreckungen, die auch von den Umbaugegnern befürwortet werden, nicht enthalten sind.

 

Höhmann will für eigenen Vorschlag in BVV werben

 

Schließlich stellte Moderator Severin Höhmann, der auch für einen Sitz im Abgeordnetenhaus kandidiert, seinen eigenen Kompromissvorschlag vor, über den die Prenzlauer Berg Nachrichten im Vorfeld berichtet hatten. Höhmann möchte noch einmal bis zu zehn Stellplätze streichen und den Radstreifen von 1,50 auf 1,25 Meter verkleinern. Laut Straßenverkehrsordnung müsse ein Angebotsstreifen zwischen 1,25 und zwei Meter breit sein, sagte er. Damit erreiche man 150 Quadratmeter zusätzliche Gehwegfläche. Höhmann möchte auch die Parkbuchten verkleinern: „Dann reichen sie nicht mehr über die Baumreihe hinaus. Das ist ein entscheidender Punkt, um das Flair der Kastanienallee zu erhalten." Für seinen Vorschlag werde er nun in den Fraktionen der BVV werben, kündigte Höhmann an.

Als das Publikum in die Diskussion einbezogen wurde, glitt die Runde allerdings ins Grundsätzliche ab. Es wurde darüber gestritten, wann der Times Square in New York umgebaut wurde, ob er mit der Kastanienallee vergleichbar sei oder nicht. Ein anderer Anwohner gab Westdeutschen die Schuld für die Umbaupläne. Prenzlauer Berg sei ein Arbeiterbezirk, Westdeutsche würden sich Tiefgaragen bauen lassen, und Ostdeutsche würden nun ihre Parkplätze auf der Straße verlieren, sagte ein weiterer Bürger.

 

Alle fürchten den Vorwurf, Provinz zu sein


Immer wieder ging es zudem um Gentrifizierung, jene Aufwertung von Wohngebieten, bei der bisher nicht erforscht ist, ob sie zu einer steigenden Zahl von Radstreifen führt. „Wir leben hier in einer Metropole", argumentierte ein Anwohner gegen den Umbau der Straße. „Es ist äußerst provinziell, nichts zu tun", rief ein anderer Bürger. 

Beim Bürgerwiderstand gibt es ein neues Problem, das wurde an dem Abend offensichtlich: Er tritt nicht mehr so geschlossen auf wie noch im vergangenen Jahr. Dafür sprechen mehrere Indizien. Sebastian Mücke zum Beispiel, der in sämtlichen Schlichtungsgesprächen als Vertreter der Gewerbetreibenden zitiert worden war, deutete an, dass er sich einen Kompromiss aus Höhmann- und Möller-Plan vorstellen kann. Er sieht die Initiative nun vor allem bei den Fraktionen von SPD und Grünen.

 

Die Wege scheinen sich zu trennen

 

Frank Möller wiederum von der Bürgerinitiative Carambolagen plädierte vehement gegen einen Erhalt des Status quo - und stellte sich damit klar gegen die Initiatoren des Bürgerbegehrens. Zusätzlich hat der Widerstand gegen den Umbau auch die Interessenvertreter der Fahrradfahrer auf den Plan gerufen. Zwar wurde die stellvertretende ADFC-Vorsitzende Martina Schneider aus dem Publikum heraus als Lobbyistin und Vertreterin der „Betonfraktion" bezeichnet. Doch die Gegner des Umbaus taten sich schwerer damit, gegen den Radfahrerverband zu argumentieren als gegen vermeintlich machtvergessene Bezirkspolitiker.

Und so scheinen sich die Wege nun zu trennen: „Was die Politik anbietet, ist eine Diskussion um Details. Zu mehr ist die Politik aber nicht bereit", fasste Till Harter am Ende zusammen. Tatsächlich könnte es so sein, dass die Bezirkspolitik noch einmal über die Pläne geht. Stadtrat Kirchner deutete nach der Veranstaltung an, dass Dinge wie Größe und Anzahl der Parkbuchten auch nach Beginn der Bauarbeiten im März verändert werden könnten. Auf der anderen Seite wird das Bürgerbegehren wohl in Gang kommen. Es könnte aber sein, dass es kein Selbstläufer wird. Denn auch die Befürworter des Umbaus scheinen sich ihrer Argumente inzwischen recht sicher zu sein.





Kommentare

1 | Benutzername | 10. Feb. 2011 00:04

Ich wünsche denen viel Erfolg, die die Kastanienallee im wesentlich so lassen wollen, wie sie ist.

Die Straße ist nicht radfahrerfreundlich? Frau Schneider vom ADFC soll mal durch die Danziger Straße oder die Torstraße radeln (also am nördlichen bzw. südlichen Ende der Kastanienallee)! Dann weiß sie, wo das Radfahren WIRKLICH keinen Spaß macht und gefährlich ist.

Frank Möller will "aus Prinzip", dass an der Kastanienallee etwas verändert wird? Denn nichts zu tun, DAS sei provinziell und "nicht kreativ"? Vermutlich ist er dann auch dafür, dass der Fernsehturm mal wieder neu gestrichen und das Brandenburger Tor gekachelt wird (Höhmann: "Kompromiss: Wir kacheln nur die unteren 1,25 Meter!").

Die Straße mag für Durchreisende (Rad-, Auto-, Straßenbahnfahrer) zu kompliziert sein. Die Tram zu langsam, die Straßenbahnschienen zu bedrohlich, die restriktive Einbahnstraßenregelung am oberen und unteren Ende der Straße ärgerlich.

Ja, da könnten Kirchner und Konsorten Recht haben: Für Durchreisender ist es schwer zu verstehen, dass die Leute hier - ob Anwohner oder Gäste - DIESE Kastanienallee mögen. Bezirksamt und BVV wollen eine ungewöhnliche und merk-würdige Straße schleifen, natürlich zu unser aller Bestem ... "Über 5 cm mehr oder weniger kann man ja noch verhandeln!"

Vielen Dank an Till Harter, Matthias Aberle und Sebastian Mücke, dass sie diesen Quatsch so klar benennen. Ich finde es gut, dass und wie sie sich für die Kastanienallee einsetzen. Für ihre Argumente werden sie viele andere begeistern können. Der Widerstand zerfasert nicht, der hat noch gar nicht begonnen.



2 | zufuss | 10. Feb. 2011 18:46

Lieber "Benutzername", Sie haben voll ins Schwarze getroffen - danke! Ich will Ihre, unsere Meinung noch um einige Aspekte ergänzen und brauche hier kein Geheimnis daraus zu machen, dass ich an "Stoppt K21" beteiligt bin.

Wie Sie treffend bemerkt haben, will Möller die Kastanienallee "aus Prinzip" ändern. Eine höchst individuelle Motivation und der Grund, weshalb er mit uns auf keine gemeinsame Linie kam.

Alle anderen, die den großen Umbauwillen an den Tag legen - von Kirchners Totalumbau bis zu Höhmanns abgeschwächter Variante -, berufen sich nicht auf Änderung aus Prinzip; sie begründen ihre jeweiligen Vorhaben mit der ach so hohen Unfallgefahr, basierend auf entsprechenden Untersuchungen.

Diese Untersuchungen sind uns von Stoppt K21 bekannt (nebenbei sei angemerkt, dass uns das wichtigste Dokument durch reinen Zufall in die Hände fiel).

Um es klar zu sagen: die Untersuchungsergebnisse zur Unfallgefahr sind alles andere als eindeutig! Aber sie gehorchen einer Logik des Verfahrens, sie sind Teil einer Planungskultur, die Ergebnisse belohnt und die ohne "nächste Schritte" ihre Daseinsberechtigung verliert. Sehen wir uns einen Ausschnitt daraus an:

Am Ende der Voruntersuchung (2002-04) zum Unfallgeschehen der Kastanienallee schreibt die Unfallkommission:

"Anteil der Unfälle mit Radfahrerbeteiligung am gesamten Unfallgeschehen ist auffällig hoch."

Dabei wird schlichtweg übersehen, dass der Anteil des Radverkehrs am gesamten Verkehrsgeschehen auffällig hoch ist - ein Befund, mit dem sich diese Einschätzung vollkommen relativiert. Aber immerhin: es gibt ein Ergebnis. Der Analyst kann beruhigt in den Feierabend gehen, er hat seinen Teil getan und dafür gesorgt, dass der Auftrag weitergeht.

Teil 2 der Untersuchung (2004-06), die nähere Untersuchung, endet dann u.a. mit dem Fazit:

"Bei den Unfällen mit Radfahrerbeteiligung deuten die vielen Unfälle [mit den Ursachen Fahrfehler und Autotüren] auf eine für den Fahrradverkehr ungünstige Nutzungsaufteilung der Straße hin."

Mehr ist da nicht, muss da aber auch nicht sein. Diese zurückhaltende Schlussfolgerung reicht aus, die Forderung abzuleiten, das Verkehrskonzept müsse komplett geändert werden. Das Gespenst "extreme Unfallgefahr" wird aufgebaut und es entfaltet seine Dynamik. Die Dame vom ADFC posaunt heraus, die Kastanienallee sei verkehrsmäßig eine Katastrophe. Das zeigt Wirkung. Aber: Hat sie sich mit der Situation näher befasst? Hat sie verstanden, wie der Verkehr hier läuft? Kann sie jenseits ihres Fahrradstreifen-Dogmas denken? Ich bezweifle es.

In der Theorie sind diese Positionen absolut anfechtbar, in der Praxis stellt sich das jedoch als äußerst schwierig heraus: gegen Vorurteile und Bauchgefühle kommt man hier mit der nüchternen Betrachtungsweise kaum an. Die Befürworter des Umbaus haben ihre Annahmen zwar nie hinterfragt, es ist ihnen aber gelungen, hinsichtlich der Unfallgefahr die Deutungshoheit zu erlangen.

3 | BinBerlinerIn | 11. Feb. 2011 15:13

wir bei Bin-​Ber­lin fra­gen uns nun in die­sem ent­schei­den­den Mo­ment des Kas­ta­ni­en­al­lee-​Pro­zes­ses : nach drei Jah­ren Kampf und einem wich­ti­gen, weil er­hel­len­den, Schlich­tungs­pro­zess, kann nun die Ein­brin­gung des Pla­nes durch Se­ve­rin Höh­mann (Da­ni­el Rött­ger:”Er hat sich ein Maß­band ge­nom­men, wie er sagte, und hat die Si­tua­ti­on über­prüft.”) den gor­di­schen Kno­ten durch­schla­gen? Mo­men­tan gibt es Ge­sprä­che zwi­schen “NUr Zu” und Se­ve­rin Höh­mann zur Ab­stim­mung der bei­den Plan-​Va­ri­an­ten. Hier fällt den Grü­nen al­ler­dings eine zen­tra­le Rolle zu: Sie müs­sen die­sen Pro­zess schüt­zen, und zwar vor der Hy­bris “ihrer” ADFC-​Lob­by: Es kann nicht an­ge­hen, dass eine Grup­pe, die weit we­ni­ger als 1% der Ber­li­ner Rad­fah­rer ver­tritt, in der Kas­ta­ni­en­al­lee auf­tritt, und den hie­si­gen Rad­nut­zern vor­schreibt, was sie für rich­tig zu hal­ten haben, und was sie als ge­fähr­lich für ihre ei­ge­nen Kin­der zu er­ach­ten haben. Es kann auch nicht an­ge­he­hen, dass jene Lobby Ge­gen­ar­gu­men­te ein­fach igno­riert, die dar­auf hin­wei­sen, dass die vom ADFC ge­woll­te Pla­nung, die Ri­si­ken für die Rad­nut­zer sogar stei­gert. Alles dazu, wie auch die Vor­ge­schich­te, wird von Da­ni­el Rött­ger von der BI-​Was­ser­turm hier um­fas­send dar­ge­stellt: http://​www.​bi-​was­ser­turm.​de/​html/​Kastanienallee.​html Wir pro­tes­tie­ren aus­drück­lich gegen die hier er­wähn­te Ver­an­stal­tung (Jetzt fei­ert er [Stadt­rat Kirch­ner] sei­nen Ka­ta­stro­phen­plan wie­der und will ihn an­schei­nend sogar am 24.​2.​2011 bei einem in­ter­na­tio­na­len städ­te­bau­li­chen Hea­ring im Ame­ri­ka Haus in der Har­den­berg­stra­ße, vor­stel­len. Das wäre nicht nur lä­cher­lich son­dern ge­ra­de­zu obs­zön): http://​www.​stadtentwicklung.​berlin.​de/​planen/​stadtforum/​de/​strassenraum.​php Eine sol­che Ver­an­stal­tung, in der sogar Ephraim Gothe ge­mei­sam mit sei­nem Vi­vi­co Real Es­ta­te Part­ner zur Ver­wer­tung des Mau­er­parks Hen­rik Thom­sen mit­wirkt ist ab­so­lut un­er­träg­lich für alle,die die von jenen Leu­ten ge­woll­te Pseu­do-​Bür­ger­be­tei­li­gung (“Bür­ger­werk­statt”) seit Jah­ren be­kämp­fen. Dass die un­säg­li­che,hof­fent­lich schei­den­de Se­na­to­rin für Stadt­ent­wick­lung Jun­ge-​Rey­er, die Schluss­fol­ge­run­gen aus dem Po­di­um zieht: eine fiese Ne­ben-​Poin­te. BIN-​Ber­lin wird da sein und da­ge­gen ar­gu­men­tie­ren.
dieser Kommentar ist auch hier zu finden: http://bin-berlin.org/wp/?p=371 (Kastanie21 oder KreativKastanie? das BIN-Berlin-Portal zur Rettung der Kastanienallee in Prenzlauer Berg)

4 | Martin | 12. Feb. 2011 00:27

Interessantes Thema, das ich bisher zugegebenermaßen bestenfalls am Rande verfolgt habe. Da ich zweimal pro Woche mit dem Rad durch die Kastanienallee fahre (jeweils nach Mitte und zurück), frage ich mich allerdings seit Jahren, wann diese saugefährliche Straße wohl endlich entschärft wird. Ich arbeite in der Pappelallee und sehe von meinem Schreibtisch aus immer wieder mal Radfahrer, die in die Straßenbahngleise geraten und stürzen. Mit dementsprechend großer Angst fahre ich daher selbst jedes Mal durch Pappelallee und Kastanienallee (ja, ich bin kein wagemutiger Jugendlicher). Wird aus meiner Sicht also höchste Zeit, dass etwas geschieht. Argumente von der Sorte "unsere Straße ist aber so schön anders als andere Straßen" oder "sollen die Radfahrer doch durch die Coriner fahren, wenn's ihnen bei uns zu gefährlich ist", kann ich zwar irgendwie nachvollziehen (wenn ich mir die Sicht der Anwohner zu eigen mache), aber dass derartige Einstellungen nicht die Grundlage für die künftige Entwicklung sein werden, wissen diejenigen, die so argumentieren, vermutlich selbst.

5 | Christoph Kuchinke | 16. Feb. 2011 17:41

Es ist tatsächlich kein Vergnügen über die Allee zu radeln. Aber, was aus einem Fahrradweg wird der neben einer Fahrbahn verläuft, kann man jetzt wunderbar auf der Danziger (zwischen Schönhauser und Prenzlauer) beobachten: dort steht mindestens alle 50 Meter ein Auto in der zweiten Reihe, die Radfahrer müssen nun immer auf die Fahrbahn ausweichen.
Das ist wesentlich gefährlicher als es früher war. Auf der Kastanienallee würde auch in zweiter Reihe geparkt werden, Berlin ist die Hauptstadt der Zweite-Reihe-Parker.
Natürlich ist man gestresst wenn hinter einem die Straßenbahn Druck macht. Aber wo ist eigentlich das Problem für die Damen und Herren der BVG etwas mehr Abstand zu den Radfahrern zu halten? Wohl gemerkt dreht sich hier um rund 750 Meter!! Die Bahn braucht für diese Strecke laut Plan 3 Minuten, bei Tempo 30. Ein langsamer Radfahrer (Tempo 15 - 20Kmh) braucht nicht wesentlich länger, zumal die Bahn ja noch einmal anhält. Und außerdem kommt selbst zu Hauptverkehrszeiten nur alle paar Minuten eine. Wer sich also fürchtet, der lasse die Bahn vorbei, das kostet ihn 10 Sekunden und dann hat er freie Fahrt.
Die Kastanienallee gibt das eben nicht her, Fahrradweg, Schienen, Parkplätze, fließender Verkehr. Wird sie breiter, wird sie schneller und ganz bestimmt nicht sicherer. So wie sie ist, ist sie praktisch natürlich entschleunigt.
Eine Vernünftige Lösung an der Ecke zur Schwedter Straße, das wäre ein echter Beitrag zur Verkehrssicherheit.

Nette Sträßchen hat jede Stadt. Die Kastanienallee ist eine der wahrscheinlich weltweit interessantesten Straßen. Und interessant bedeutet eben auch anders zu sein. Nicht aufgehübscht und nett gemacht.
Die vielen tausend Touristen die nach Berlin kommen, die alle auch die Kastanienallee suchen und besuchen, kommen wegen der Echtheit, dem Charme. Weil hier nicht nur Menschen wohnen, sondern sogar hier leben. Weil jeder spürt, hier ist etwas entstanden und gewachsen.

Die Kastanienalle ist eine großartige urbane Straße! Macht sie bitte nicht zu einer 0815-Schöner-Wohnen-Straße. Jeder Städtebau Erstsemester würde es genau so planen wie es nun werden soll. Aber 2 Semester später würde er schon erkennen was das für ein Mist ist, diese pützige Gemütlichkeit.
Manches ist gut so wie es ist. Es ist nicht perfekt, aber das geht eben auch nicht immer. Bitte keine Reissbrett-Planung. Hier ein Bäumchen, da eine Parkbucht, da ein Bänkchen. Wie nett. Ich habe keine Angst vor der Gentrifizierung, auch das ist manchmal der Lauf der Dinge. Aber wo schon Marthas Höfe und Schwedter Höfe und Fehrbelliner Höfe und Choriner Höfe und Luxuslofts und "Don´t Compromise" und der ganze Chichi entstehen, da lasst doch wenigstens etwas so wie es war. Saniert was nötig ist, aber ändert nicht den Charakter! Bewahrt die Castingallee, den Latte-Macchiato-Strich.
Denkmalschutz bedeutet ein Denkmal zu schützen!


6 | pb | 19. Feb. 2011 05:41

die kastanienallee war für 7 jahre teil meines schulwegs und ich hätte mir tag ein tag aus einen fahrradweg gewünscht! das dieser in ausreichender form auf den tramgleisen bereits existiert, so wie es einige zugezogene selbsternannte K21 Aktivisten behaupten, ist ein witz. fast täglich stürzen fahhradfahrer aufgrund der gefährlichen, rutschigen gleise. wenn man bedenkt das sich unter ihnen eine vielzahl von kindern befindet zeigt das nur zu gut,
inwiefern sich die kämpferische szene-schickeria mit den bestehenden gefahren auseinandergesetzt hat.
wenn man beobachtet, wer die proteste organisiert, handelt es sich hauptsächlich um ursprünglich aus süddeutschland kommende laden- bzw. cafebesitzer (harter, mücke...) die natürlich kein interesse an der minimalen verkleinerung des flanier-bordsteins und der damit verbundenen höheren sicherheit haben, sondern in erster linie an ihre potenzielle kunden denken.

eine für mich zudem denkbare alternative wäre eine gänzlich autofreie zone, mit der aber widerrum die anwohner und gewerbetreibenden probleme haben würden, spätestens wenn sie einen parkplatz suchen bzw. an die belieferung ihrer bio shops denken.

und ja es würde 2.reihe parker geben und die fahradfahrer müssten gelegentlich den sichereren fahrradweg wegen dieser verlassen.
deutlich besser als immer auf der gefährlicheren strasse zu fahren.
gruß ein prenzlberger

7 | Daniel | 31. Mär. 2011 21:21

... noch mal ein nachtrag zum märchen, dass der amts-umbau die kastanienallee sicherer machen würde:

der grüne "verkehrsexperte", adfc-funktionär und bvv-abgeordnete cornelius bechtler ist immer noch den nachweis schuldig, dass die kastanienallee überhaupt eine empirisch nachweisbar gefährliche straße ist. auch das bezirksamt hat bisher diesen nachweis nicht erbracht - im gegenteil gab herr lexen, tiefbauamtsleiter von pankow, mehrfach in aller öffentlichkeit ein statement über die relative ungefährlichkeit der kastanienallee zum besten.

wer also glaubt, dass eine um 30% breitere und schnellere straße mit einem eingebauten fahrradhindernisparcours sicherer ist als der heutige zustand ... der ist wahrscheinlich grüner oder glaubt sonstwie an wunder.

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