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SPD-Kandidat bringt neuen Vorschlag zur Kastanienallee ins Spiel

03.02.2011 | Redaktion der Prenzlauer Berg Nachrichten | 9 Kommentare

Bisher haben sich die Grünen am Umbau der Kastanienallee die Zähne ausgebissen. Jetzt will der SPD-Kandidat Severin Höhmann einen Kompromiss ausloten. Die eigene Partei bleibt zurückhaltend.

Dass die Kastanienallee kein Gewinnerthema ist, haben zuletzt die Grünen erfahren müssen. Sechs Wochen lang diskutierten sie im Dezember und Januar mit den Kritikern des Straßenumbaus - um am Ende festzustellen, dass die eigenen Reihen zwar geschlossener, der Graben zu den engagierten Bürgern aber tiefer geworden ist. Vielleicht hatten die Grünen darauf spekuliert, sie könnten wie früher einmal Vermittler zwischen Verwaltung und Protestierenden sein. Doch diese Hoffnung zerbrach zwischen den Jahren am Streit um Fahrradangebotsstreifen, Haltestellencaps und Parktaschen.

Inzwischen ist von den Grünen zu diesem Thema nur noch wenig zu hören. Der Gesprächsfaden sei erstmal abgerissen, heißt es aus dem Umfeld von Anwohnern und Gewerbetreibenden. Man habe sich nach dem Platzen der Schlichtung am Telefon gegenseitig beschimpft, wird kolportiert. Ominös bleibt, was sich nach dem öffentlichen Scheitern der Gespräche am 13. Januar abgespielt hat. Den Vorschlag der Gewerbetreibenden, zwei alternative Planungen in einer Anwohnerbefragung zur Wahl zu stellen, hatten die Grünen an dem Abend abgelehnt.

 

Ominöses Ende der Schlichtungsgespräche

 

„Stunden später hatten sich die Positionen vertauscht", sagt inzwischen Heiner Funken, der von beiden Seiten als Schlichter bestimmt worden war, dazu. „Von der Seite der Anwohner hieß es: Wir möchten nur noch unsere eigene Variante abgefragt haben. Das war für mich irritierend", resümiert Funken. Auf Seiten der Gewerbetreibenden sieht man das anders: An dem fraglichen Abend hätten sich beide Seiten in dem Bewusstsein getrennt, eigene Wege zu gehen. Man werbe deshalb nun für eine Befragung, in der über den Vorschlag der Anwohner, keinen Radstreifen zu bauen, abgestimmt werden soll.

Wie dem auch sei - es ist ein gordischer Knoten, an dessen Entflechtung sich nun ein anderer versuchen will: Severin Höhmann, SPD-Kandidat für die Abgeordnetenhauswahl im südlichen Prenzlauer Berg. Für kommenden Dienstag (8. Februar) lädt er zu einer Podiumsdiskussion in die GLS-Sprachenschule in der Kastanienallee. Ein weiteres Mal werden dann jene Protagonisten des Streits aufeinander treffen, die bisher keinen Konsens erzielen konnten. Neben Höhmann sind dies unter anderem Anwohnervertreter Sebastian Mücke, Matthias Aberle von der Bürgerinitiative Wasserturm und Bezirksstadtrat Jens-Holger Kirchner (Grüne).

 

Bürgersteig soll 25 Zentimeter breiter werden

 

Höhmann selbst hat den Bürgervertretern bereits einen eigenen Kompromissvorschlag präsentiert. „Die einzigen, die im Moment von dem Umbau profitieren würden, wären die Radfahrer", sagt Höhmann. Das sei zu wenig. Auch die Fußgänger müssten zu den Gewinnern zählen. Er persönlich halte den umstrittenen Fahrradstreifen (im offiziellen Jargon meist als „Angebotsstreifen" bezeichnet) für verzichtbar, sehe aber keine politische Mehrheit, mit der dieser noch verhindert werden könne.

Im Kern läuft Höhmanns Vorschlag auf zaghafte Korrekturen des Bordsteinverlaufs hinaus. Der Gehweg soll gegenüber der Bezirksamtsplanung um 25 Zentimeter breiter werden. Unter anderem soll dazu der Radstreifen zumindest im Bereich der Parkbuchten von 1,50 Meter auf 1,25 verkleinert werden. Der Sicherheitsabstand von 50 Zentimetern zwischen parkenden Autos und fahrenden Radlern können damit eingehalten werden, meint Höhmann.

 

SPD-Fraktion dämpft Erwartungen

 

Der SPD-Kandidat schränkt gleichzeitig aber ein, man solle jetzt im Vorfeld keine allzu großen Hoffnungen auf umfassende Planungsänderungen wecken. Tatsächlich sind auch die Signale aus Höhmanns eigener Partei eher verhalten. In einer aktuellen Presseerklärung geht die SPD-Fraktionsvorsitzende Sabine Röhrbein zwar in mehreren Absätzen auf die Rolle ihrer Fraktion in der Vergangenheit ein. Die Frage, ob die Bezirksamtspläne zur Disposition stehen, wird aber elegant umschifft: „Nur wenn es grundsätzlich andere Erfordernisse geben sollte, kann das Paket überhaupt noch einmal aufgeschnürt werden." 

Am Ende bleiben damit wieder die selben Fragen offen, an denen sich schon die Kontrahenten in der Schlichtung die Zähne ausgebissen hatten: Braucht man eine Anwohnerbefragung? Und wenn ja, was soll gefragt werden? Braucht es dazu einen Bürgerantrag? Und reicht nicht sowieso ein Änderungsbeschluss der BVV, ganz ohne Befragung? "Ohne eine Anwohnerbefragung wird der BVV wohl kaum bereit sein, die Pläne nochmal zu verändern", vermutet Grünen-Fraktionschefin Stefanie Remlinger. Sie schlägt ein Treffen aller Fraktionen zu dem Thema vor. Das letzte Wort in Sachen Kastanienallee scheint immer noch nicht gesprochen.

Kommentare

1 | Ingolf Berger | 04. Feb. 2011 04:55

Ein kleiner Rechtschreibhinweis:
Der Haltestellentyp nennt sich Kaphaltestelle - und nicht Caphaltestelle (oder eben eine Haltestellenkap statt Haltestellencap). Der Begriff hat nichts mit dem englischen cap (Deckel, Hut etc.) zu tun, sondern mit dem deutschsprachigen Begriff Kap. Es handelt sich hierbei um eine bis an die Gleise in den Straßenraum vorgestreckte Bürgersteigkante - so ähnlich wie eine Landzunge bei einem "echten Kap" ins Meer hineinragt. Nicht jeder neue Begriff hierzulande ist ein Anglizismus. manchmal gelingt es auch neue Worte ohne Zuhilfenahme des Englischen zu kreieren... ;-)

Ansonsten wird es bei der Kastanienallee nie einen Entwurf geben können, der alle zufriedenstellt. So haben die jeweiligen Anliegerinitiativen ja schon ganz unterschiedliche Vorstellungen: den einen werden zu viele Parkplätze weggenommen - für die anderen bleiben noch viel zu viele übrig. Die einen sehen in einem ungehinderten Autoverkehr den Inbegriff einer urbanen Straße - für die anderen findet sich die Lösung in einer weitgehend vollständigen Abstinenz des Autos.

Und zudem ist die Kastanienallee nicht das Eigentum der Anlieger, die allein zu bestimmen haben, wie ihre Straße gestaltet sein soll. Wer hier durchfährt, hat durchaus auch ein Recht, mitzureden.
So ist es beispielsweise ein permanentes Ärgernis für die Fahrgäste, wenn die Straßenbahn gerade mal mit Tempo 10 hinter Fahrradfahrern herschleichen muss und so noch kräftige Verspätungen einfährt. Vielleicht sollte man auch eine "Initiative der frustrierten M1&12-Nutzer" gründen, die sich auch lautstark in den ganzen Prozess einmischt? Ich bin mir sicher, dass diese Initiative schnell Zulauf finden würde, denn die Straßenbahnfahrgäste sind die zahlenmäßig stärkste Gruppe, die die Kastanienallee nutzen - vor dem Auto- und Radverkehr.
Und ebenso macht das Fahrradfahren zwischen den Tramschienen nicht wirklich Spaß - erst recht nicht, wenn hinter einem eine Straßenbahn mehr oder weniger bedrohlich herschleicht oder frustrierte Autofahrer einen zur Seite drängeln wollen...

Oder anders formuliert: Eine wie auch immer geartete Straßenraumaufteilung der Kastanienallee wird immer ein Kompromiss sein. Um alle Interessen zufriedenzustellen, müsste die Straßen wohl fünfmal so breit sein. Aber dann wäre das nur noch eine hässliche autobahnähnliche Vorstadtstraße - und eben nicht mehr die Kastanienallee im Prenzlauer Berg...

Ingolf

2 | BinBerlinerIn | 04. Feb. 2011 12:05

Wir, die wir hier leben und arbeiten, nutzen alle auch die M1 und M12 und niemand ist frustriert ein paar Sekunden später am Kupfergraben zu sein - zumal man es ja selten so einrichten kann just-in-time an der Haltestelle zu sein (oder demnächst am Kap); weil wir eben auch das Fahrrad benutzen, wissen wir worum es geht.
Wenn aber ein Tramlenker "mehr oder weniger bedrohlich herschleicht", oder gar den Radfahrer kriminell nötigt und somit desen Gesundheit/Leben bedroht, sollte dieser Mensch zu ermitteln und zur Rechenschaft zu ziehen sein - und sicher werden das auch die überwiegend geduldigen KollegInnen von der BVG befürworten, ihren guten Ruf so zu schützen.

3 | Ingolf Berger | 04. Feb. 2011 15:15

"Wir, die wir hier leben und arbeiten…" - Pluralis Majestatis? ;-)

Auch wenn ich das vielleicht etwas lapidar formuliert haben mag: Es geht hier eben nicht nur darum "ein paar Sekunden später am Kupfergraben" zu sein, sondern um einige ganz gravierende Interessen, die mit einer Konservierung des Status Quo der Kastanienallee nicht bedient werden können:

(1) Verkehrssicherheit
Die Unfallzahlen im Radverkehr sind in dieser Straße nun einmal überdurchschnittlich, da gibt es auch nichts schönzureden. Daran ändert auch nichts eine Forderung an das Zur-Rechenschaft-Ziehen von rabiaten Straßenbahn- oder Fahrradfahrern, sondern die Ursache liegt nicht zuletzt in der gegenwärtigen Aufteilung des Straßenraums und eben starken Nutzung der Kastanienallee durch Fahrrad, Auto und Straßenbahn. Die Führung starker Fahrradverkehrsströme auf straßenbündigen Tramstrecken bei gleichzeitigem Autoverkehr ist und bleibt eine Unfallquelle ersten Ranges. Und zwar vor allem mit Radfahrern als Geschädigte. Eine wie auch immer geartete Forderung, die Straßenbahn hier auf eine Geschwindigkeit des Fahrradverkehrs (hier ca. 10-15 km/h Höchstgeschwindigkeit) zu verlangsamen wäre nicht wirklich zielführend - siehe dazu Punkt (2) im nächsten Kommentarbeitrag

Ingolf

4 | Ingolf Berger | 04. Feb. 2011 15:17

Fortsetzung des letzten Kommentarbeitrags:

(2) Förderung von Alternativen zum Auto
Wie schon dargestellt, ist die gegenseitige Verträglichkeit von Straßenbahn und Fahrradverkehr auf längeren Abschnitten nicht wirklich gegeben und sorgt nun einmal auf beiden Seiten für Konflikte und Frustration. Und jeder schiebt gerne die Schuld auf den Anderen.

Doch gerade diese beiden Verkehrsmittel haben für die Kastanienallee eine grundsätzliche Bedeutung (neben dem Zu-Fuß-Gehen). Und zwar sowohl für den Durchgangsverkehr als auch zu Erreichbarkeit der Straße selbst.
Würden all die Nutzer von Fahrrad und Straßenbahn auch mit dem Auto fahren, dann hätten wir jede Minute einige dutzend zusätzliche Autos in der Kastanienallee und jegliche stadträumliche Qualität wäre völlig dahin – insofern ist ein hochwertiger Öffentlicher Verkehr und gute Bedingungen für Fahrradfahrer ein zwingendes Element zur Sicherung der Qualität der Kastanienallee.

Die Wahl des Verkehrsmittels durch jeden Einzelnen hängt sehr stark von ihrer Attraktivität bezüglich Angebot (einschließlich der Infrastruktur ) ab. Daher ist die Förderung des Öffentlichen- und Fahrradverkehrs gerade in engen Stadtquartieren sehr zu begrüßen, da dies vor einer zu starken Ausweitung des Autoverkehrs schützt. Und dies betrifft im ganzen Bezirk Pankow nicht nur die Kastanienallee selbst, sondern vor allem auch die benachbarten Quartiere, die von den hier fahrenden Straßenbahnlinien bedient werden und die vom Gros der Fahrradfahrer in der Kastanienallee angefahren werden. Und da gibt es auch heute sehr wohl Probleme mit der Belastung durch viel Autoverkehr (Lärm, Abgase, Parkplatzsituation, Verkehrssicherheit, Barrierewirkung etc.)

Und ein sehr guter Beitrag zur Attraktivitätssteigerung von Bahn und Rad ist nun einmal die Trennung der Konfliktbereiche zwischen beiden. Das sorgt übrigens nicht unbedingt dafür, dass jetzt plötzlich alle Straßenbahnen als Schnellbahn durch die Kastanienallee rasen werden und das alle Radfahrer hier einen Etappenendspurt der Tour de France nachträglich gewinnen werden, sondern vor allem dafür, dass beide Verkehrsarten endlich zuverlässig, störungsarm und verkehrssicher vorankommen werden.
Daher begrüße ich auch die Forderung nach grundsätzlichem Tempo-30 in der Kastanienallee. Der Nachteil für die Straßenbahn und rasende Kurierfahrer liegt im Sekundenbereich – der Gewinn an Zuverlässigkeit und Stetigkeit des Verkehrs von Tram und Rad wiegt das aber mehr als auf.

Ingolf

5 | Hans Bogi | 09. Feb. 2011 15:59

Ick wohne seit 1943 in BERLIN PRENZLAUER BERG ,und nich wie dit neuerdings heißt Prenzelberg , dit dazu , uffjedenfalls muß inne Kastanienallee wat jeschehen dit sieht da ja aus wie 45 / da sahet ja zu Ostzeiten bessa aus , so dit is meine Meinung !

6 | Artur Frenzel | 09. Feb. 2011 23:48

Stimme Ingolf zu: Radfahrer neben die Bahn ist für beide sicherer und schneller. Gerade bei knappem Platz muß der Umweltverbund Tram, Rad und zu Fuß gefördert werden statt einen Gegensatz zwischen diesen dreien herbeizuführen!

7 | Daniel | 10. Feb. 2011 12:29

In der Theorie mag ja ein Angebotsstreifen AUCH zum Fahrradfahren nutzbar sein. Aber dafür müsste er eben FREI von parkenden und haltenden Autos sein.
Das ist auf der Kastanienallee nicht zu erwarten - deshalb ist der Angebotsstreifen absehbar ein Fahrrad-Hindernisparcours.
Und da die Autos und die Tram bei der um 2 Meter verbreiterten Straße (heute 7 - dann 9 Meter) im Schnitt etwa 15 km/h schneller fahren werden als jetzt, wird das Fahrradfahren auf der Kastanienallee nach dem Umbau zu einer lebensgefährlichen Angelegenheit.
Gut gemeint und schlecht gemacht - ... wie schon auf so vielen anderen schlecht umgebauten Straßen, die danach zu wahren Verkehrsfallen mutierten.

8 | AR | 03. Mär. 2011 17:01

Die Straße ist 11,50 m breit und nicht 7 m, wie jeder vor Ort oder über Google Maps nachmessen kann. Sie wird nicht verbreitert, aber so eine kleine Lüge macht sich ja in der Argumentation gut, nicht wahr?

9 | Daniel | 09. Mär. 2011 16:23

Lieber AR, nehmen auch Sie einen Zollstock und messen den Abstand zwischen den parkenden Autos auf der rechten wie auf der linken Straßenseite. Sie werden auf 7 Meter kommen.
Und das ist bei der in Frage stehenden "Fahrbahnbreite" (der "lichten" Breite, wenn Sie wollen) auch die entscheidende Größe.
Sie argumentieren hier übrigens genauso weltfremd und begrifflichkeitshuberisch wie der von Ihnen so tapfer verteidigte Stadtrat.

Die Straße bleibt übrigens immer gleich breit, wenn Sie einfach den Abstand von Haus zu Haus messen - so als Tipp. (Außer, Sie verkanten.)

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