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Politik

Demonstration auf der Kastanienallee.

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Prenzlauer Bürger

02.05.2011 | Redaktion der Prenzlauer Berg Nachrichten | 9 Kommentare

Wer in Prenzlauer Berg lebt, muss sich ständig von außen sagen lassen, wie er zu leben hat. Nur Protest - wie der gegen den Umbau der Kastanienallee - kann aus der Klischeefalle befreien.

 

Das „103“ an der Ecke Zionskirchstraße/Kastanienallee liegt in Mitte. Es gibt aber kaum einen anderen Ort, an dem Prenzlauer Berg, wie es geliebt und gehasst wird, noch so stilecht bei sich ist: Orange beleuchtete Designerbänke, dicke Hornbrillen, gepflegte iPhones und teures Strick-Secondhand im Übermaß. Eigentlich ist der Laden viel zu cool, um dort ein graswurzelhaftes „Pressefrühstück“ anzusetzen, wie es die Gegner der Gehwegumbauten in der Kastanienallee vor ein paar Wochen taten.

Die Initiative „Stoppt K21“, die gegen das Umpflügen der Kastanienallee, gegen Parkbuchten und Radstreifen kämpft, entschied sich trotzdem für diesen Ort. Vordergründig, weil Till Harter, Besitzer des „103“, einer der Sprecher der Initiative ist. Auf den zweiten Blick führt die Wahl der Location aber zu einer ganz anderen Frage: Was ist eigentlich mit Prenzlauer Berg los, wenn das Basiscamp der Latte-Macchiato-Liebhaber zum Austragungsort bezirkspolitischer Pressekonferenzen verkommt? 

Denn politisch ist der Streit um die Kastanienallee auf jeden Fall. Das ist ihm in den vergangenen Monaten immer wieder abgesprochen worden - von Bezirkspolitikern, Fahrradprotagonisten, Anti-Schwaben-Aktivisten, Senatsbürokraten und Hauptstadtjournalisten. Genüsslich wird der Streit fehlinterpretiert, als bockiges Nostalgikertum in die Jahre gekommener Großstadtcowboys. Prominentestes Aushängeschild der Proteste ist der Gründer der Loveparade, „Herr Doktor Motte“, wie ihn der zuständige Bezirksstadtrat Jens-Holger Kirchner (Grüne) nennt. 

 

Keine Zone der Gleichförmigkeit

 

Selbst unter Lokalpolitikern ist es zur Mode geworden, Bürgeranliegen allein deshalb zu verunglimpfen, weil sie in Prenz-lauer Berg spielen. Den Kastanienallee-Kämpfern schallt es entgegen: Ihr denkt doch nur an euren Bio-Ego-Zentrismus! Dabei geht es gar nicht um Bordsteinkanten. Die Protestierer fürchten, dass die Kastanienallee eine „Straße unter vielen“ wird. Insofern ist dieser Streit um eine Straße nicht zu verstehen ohne die lange Vorgeschichte an Ressentiments und Vorurteilen, die sich über Prenzlauer Berg ergießen. Die urbanen Legenden von Bionade-Biedermeier, Mutti-Spießertum und Kindern, die mit drei zum Yoga geschickt werden, bieten zwar keinen Neuigkeitswert. Sie bilden aber die Folie, vor der den Großstadtbewohnern Prenzlauer Bergs von außen gesagt wird, wie sie zu sein haben. Dagegen darf man sich wehren.

Das fällt mit einer Bezirkspolitik aus Pankow zusammen, die im Bezug auf Prenzlauer Berg kulturell den Anschluss verloren hat. Paradigmatisch dafür stehen die Grünen, die sich selbst als Meisterdeuter der Bevölkerung von Prenzlauer Berg verstehen. Doch ihre Selbstinterpretation als Staatspartei bleibt auch auf dem grünen Hügel nicht unwidersprochen. Der Plan für die Kastanienallee sei alternativlos, es gebe Sachzwänge, heißt es aus der Partei. Das kam schlecht an. Es zeigt, dass auch die Grünen etwas falsch machen, wenn sie Prenzlauer Berg als Zone der Gleichförmigkeit begreifen, in der ihnen automatisch Gefolgschaft geleistet wird. 

Die Debatten um Prenzlauer Berg werden dominiert von verbissen vorgetragenen Klischees – und von einem verklärten Blick auf die Vergangenheit. Ost-Alternative  der 80er Jahre und BRD-Wohlstandskinder  der 90er Jahre eint die eine gemeinsame Klage: Immer geht irgendwas verloren. Und jeder scheint darüber lamentieren zu wollen. Früher war alles besser - verdammt wird die falsche Mischung, der mangelnde Zusammenhalt, die Tatsache, dass jeder anders sein will und doch so ähnlich ist. Dabei ist dieser Erkenntnisgewinn nicht neu. Dass bei der Stadterneuerung der 90er Jahre, die ein ganzes Viertel in durchsanierter Künstlichkeit erstrahlen ließ, soziale Fehler gemacht wurden, bestreiten inzwischen nicht einmal mehr deren Erfinder. Ändern lässt es sich im Nachhinein nicht mehr.

Wer trotz aller Klischees gerne in Prenzlauer Berg lebt, der sollte sich jetzt emanzipieren: von den ewig gleichen Vorurteilen und von einer Lokalbürokratie, die mit ihren Bürgern nichts anzufangen weiß. Denn die folgenden Fragen dulden keinen Aufschub: Muss auch noch die letzte Freifläche mit Beton zugepflastert werden? Wie wird das Versiegen kultureller Vielfalt gestoppt? Was muss getan werden, damit das Viertel sozial nicht vollständig kippt? Es ist an der Zeit, miteinander zu reden, nicht übereinander: Wird es auf dem Gehweg abends zu laut, hilft auch ein Gespräch – und nicht der Ruf nach dem Amt. 

Wenn in Prenzlauer Berg wirklich ein neues Bürgertum entstanden ist, wie man immer liest, dann ist die Kastanienallee nur der Anfang. Dann werden noch weitere Initiativen entstehen, die Klischees über Prenzlauer Berg entkräften und dem Stadtteil eine Identität geben, die die Vergangenheit nicht vergisst und trotzdem etwas Neues schafft. Vielleicht heißt es dann: Aus Biedersinn wurde Bürgersinn.         

 

Lesen Sie mehr dazu in unserem Dossier zur Kastanienallee

Kommentare

1 | Theo Koerner | 02. Mai. 2011 08:54

Die Kastanienallee ist nur der Anfang? Und daraus kommt mehr Bürgersinn? Wo ist dieser Bürgesrsinn denn hier
http://bit.ly/e7LDma
Da kann man nur hoffen, dass die Kastanienallee ein Ende sei, von so vielen Befindlichkeiten.

2 | Daniel | 02. Mai. 2011 16:51

hmm ... koernert oder orakelt es hier mal wieder ganz bittersüss und sinnfrei ... so vor sich hin?

3 | Hans-Otto Bredendiek | 02. Mai. 2011 18:35

Warum heißt denn die Überschrift: "Prenzlauer Bürger"? Prenzlau ist eine Stadt in der Uckermark, ca. 100 km von Berlin entfernt. Diese Leute dürften sich selber Prenzlauer (Bürger) nennen. Hier ist es aber etwas schwierig, etwa "Prenzlauer Berger Bürger", oder schlimmer "Prenzlberger Bürger"? Beides hört sich nicht gut an.

4 | Hans-Otto Bredendiek | 02. Mai. 2011 18:51

Ob diese elitäre Haltung des neuen Bürgertums im Prenzlauer Berg stimmt, das wird sich erst noch herausstellen. Bürgerinitiativen sind doch nicht gleichzusetzen mit einem "neuen Bürgertum".
Die große Zeit des Bürgertums war das 19. Jahrhundert, und alle großen Bewegungen, die damals entstanden und die zu uns Heutigen herüberreichen, sind aus bürgerlichen Ideen erwachsen: Liberalismus und Sozialismus, Pazifismus und Militarismus, Nationalismus und weltbürgerliches Denken. Goethe war bürgerlicher Herkunft ebenso wie Kant, Hegel und die Revolutionäre von 1848. Auch die Vorkämpfer des Kommunismus kamen größtenteils aus bürgerlichen Familien; das gilt für Marx und Engels ebenso wie für Liebknecht, zu dessen Vorfahren Martin Luther gehört. Das Bürgerliche ist eine Erscheinung, die viele gegensätzliche Möglichkeiten in sich birgt und die nicht mit ein paar oberflächlichen Formeln erklärt werden kann.
Aber, was sollen wir mit einem Bürgertum,das als soziologische Schicht durch Inzucht steril geworden und nicht mehr in der Lage ist, aus sich heraus ein verpflichtendes, überzeugendes Lebensideal zu prägen? Thomas Mann verwendet den Begriff des "Überbürgerlichen". Darauf ist das zu beziehen, was er immer für das Bürgertum forderte, die Transzendenz, in dem es sich selbst aufheben und verwandeln könnte. In diesem Sinne halte ich Bürgerinitiativen für gut und richtig, aber der ganzen Sache das Etikett eines neuen Bürgertum zu verpassen ist wohl eine Nummer zu groß.

5 | Theo Koerner | 03. Mai. 2011 02:41

@Daniel: Ich bin schon durch vielfache Beispiele daran gewöhnt, dass Sie ganz gewaltig mit dem Inbusschlüssel hantieren, wenn Sie eine Sechskantmutter lösen wollen. Darum meine dringliche Empfehlung: einfach einmal genau andersherum denken. Insofern bedanke ich mich für das Adjektiv "sinnfrei", weil das nach allgemeinen Standards als Lob zu sehen ist.

6 | Theo Koerner | 03. Mai. 2011 02:51

Hallo Herr Bredendiek,

der von Ihnen gewünschte Idealzustand in der Überschrift ist nicht unbedingt Usus bei PBN. Es besteht eher die Neigung, Straßen umzubenennen ("Senefeldstraße") oder in einer überirdisch verkehrenden U-Bahn ein einfaches "Viadukt" zu sehen. Irgendwelche Geschichte um Alois Senefelder oder dem Berliner Magistrat wird vielleicht nicht so gerne gesehen.

Ihre Anmerkungen über das Bürgertum sind sehr bedacht und die Skepsis teile ich auch ("ist wohl eine Nummer zu groß").

Freundliche Grüße,
Theo Koerner

7 | Hans-Otto Bredendiek | 03. Mai. 2011 20:36

Hallo Herr Koerner,

mir ist es auch aufgefallen, daß gerne, sich momentan irgendwo im Slang befindliche Verstümmelungen der Örtlichkeiten im Prenzlauer Berg, ungeprüft übernommen werden. Für den normalen Alltagsgebrauch verständlich, aber die PBN sind ja ein Journal mit Anspruch.
Schön, daß Ihnen meine Anmerkungen zum Bürgertum gefallen haben, sind wir doch da mal einer Meinung ;-)

Freundliche Grüße

Hans-Otto Bredendiek

8 | Thilo Kerner | 04. Mai. 2011 20:23

Also das verstehe ich nun gar nicht. Die Protestierer fürchten, dass die Kastanienallee eine „Straße unter vielen“ wird. Das ist eben der lauf der Dinge. Der LSD-Kiez war einst eine ganz eigeneSache. Genau wie das Knaack oder der bald geschlossene Dunckerclub. Prenzlauer berg war vielfältig. Wenn nun auch die letzten Straßen uniform werden, dann ist das nur die logische Konsequenz. Gegen Mietsteigerung und Verdrängung einkommensschwacher Mieter ist ja auch niemand auf die Straße gegangen. Jetzt frißt sich die Schlange selbst auf. Ich bin längst weg aus meinem Geburtsbezirk. Und obwohl es anfangs schmerzte, kann man nur noch kopfschüttelnd lachen, wenn man selten mal durch den Bezirk spaziert. Doppelmoralischer geht es wirklich nirgens in Berlin zu. Dashat leider auch nix mit unterschiedlichenMeinungen oder Lebensarten zu tun. Prenzlauer Berg ist faktisch gleichgeschaltet, was man nicht nur an der Bevölkerungsstruktur erkennt...

9 | frank naber | 30. Sep. 2011 15:40

@ thilo - ich bin strikt gegen den umbau der kastanienallee. natürlich auch, weil sie dadurch zerstört wird, aber in erster linie, weil sie schlicht gefährlicher wird.
aber im großen ganzen gebe ich dir recht - ich bin 1992 in die lychener gezogen und habe dort (im sommer auf den dächern ;-)))) wunderbare jahre erlebt (heute hängt dort nato-draht).
aber ich gebe dir recht - prenzlauer berg ist tot. das wilde, kunterbunte ist längst dem saturierten öko-kleinbügertum gewichen.
RIP Prenzlauer Berg

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