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Michelangelostraße Parkplatz

Politik | Aktualisiert

Michelangelostraße: Wohnen statt Parken

10.02.2015 | Juliane Wiedemeier | 4 Kommentare

Ein Neubauviertel mit 1500 Wohnungen soll ab 2018 an der Michelangelostraße entstehen. Bebaut werden sollen unter anderem Parkplätze, sehr zum Ärger der Anwohner.

Eins muss man dem nicht durch besondere Schönheit auffallenden Parkplatz entlang der Michelangelostraße lassen: Er ist sogar an einem Dienstagmittag ausgelastet. Dicht an dicht stehen die Wagen in mehreren Reihen vor den Plattenbauten, die etwas zurückgesetzt in den 70er Jahren auf der südlichen Straßenseite errichtet wurden. Der Platz davor blieb frei, um später einmal für den Ausbau der Stadtautobahn zur Verfügung zu stehen. Zur Zwischennutzen gab man das vorwiegend in Landeseigentum befindliche Areal für parkende Autos frei. Doch das soll sich ändern.

Etwa 1500 neue Wohnungen sollen sowohl auf den Parkplätzen im Süden als auch durch Verdichtung der Wohnsiedlung im Norden der Straße entstehen. Das sieht der im Dezember gekürte Siegerentwurf des städtebaulichen Wettbewerbs vor, den Senat, Bezirk, Liegenschaftsfonds und Berliner Wohnungsbaugesellschaften zuvor ausgerufen hatten.

 

Neue Wohnungen, neue Sporthalle, neue Grundschule

 

Nach den Plänen der Hamburger Architekten Frank Görge und des Landschaftsarchitekturbüros Breimann & Bruun sollen im Süden langgestreckte, maximal sechsstöckige  Wohnbauten mit großen Innenhöfen entstehen – jeder Komplex ähnelt zwei einander zugewandten eckigen Klammern, deren längere Seite parallel zur Straße liegt. Richtung Kniprodestraße sollen zudem eine neue Grundschule sowie eine Sporthalle gebaut werden. Der bereits bestehende Sportplatz soll erhalten, unter ihm aber Parkmöglichkeiten geschaffen werden.

Auf diesem Areal soll gebaut werden (Foto: openstreetmap.de/Bearbeitung: jw)

Im Norden sind außerdem sowohl entlang der Michelangelo- als auch der Greifswalder Straße neue Wohnblöcke vorgesehen. Diese sollen direkt an der Straße liegen und damit quer zu den vorhandenen Wohnriegeln aus den 50er Jahren stehen. „Die bauliche Nachverdichtung soll Wohnraum für neu hinzukommende Bewohner bereitstellen, soll aber auch einen Gewinn für die derzeitigen Bewohner darstellen“, heißt es auf der Website des Architekten, wo sich die Planungen einsehen lassen. Berlins Senatsbaudirektorin Regula Lüscher lobt, „dass der Bestand in das Konzept gut integriert wird und eine Aufwertung erfährt."



 

Anwohner haben Angst um Parkplätze

 

Aufwertung? Dieser Begriff rangiert in der allgemeinen Berliner Beliebtheitsskala eigentlich noch vor Beulenpest und einer S-Bahnfahrt im Winter. Doch es ist nicht die Angst vor ihr und ihrer großen Schwester, der Gentrifizierung, die die Dame mit dem Einkaufstrolly umtreibt, die gerade über den Parkplatz kommt. „Man findet doch schon jetzt hier abends kaum einen Parkplatz“, meint sie. Die Idee, Wohnhäuser zu bauen, findet sie daher „schrecklich“.

So argumentiert auch Mario Palm, Vorsitzender der Wohnungsbaugenossenschaft Zentrum, zu der die umliegenden Häuser gehören und die auch an dem Wettbewerbsverfahren beteiligt war. „Unsere Genossenschaftler sind oft hochbetagt. Sie sind darauf angewiesen, mit dem Auto bis vor die Haustür zu fahren“, sagt er. Er baut darauf, dass sich an den jetzt vorgestellten Plänen im Laufe der Zeit noch etwas ändert. Die Genossenschaft selbst werde sich an den Neubauten nur beteiligen, „wo es für uns sinnvoll ist“. Die Entscheidung darüber stehe noch aus und liege bei den Genossenschaftsmitgliedern.

 

Parkplatz oder Wohnraum, das ist hier die Frage

 

Jens-Holger Kirchner (Grüne), Pankows Stadtrat für Stadtentwicklung, ist an solche Reaktionen gewöhnt. Derzeit hat er über 1000 Unterschriften auf dem Schreibtisch, die Anwohner des Thälmann-Parks gesammelt haben. Auch sie sind gegen den Neubau von Wohnungen auf einem bestehenden Parkplatz, in diesem Fall an der Ella-Kay-Straße. Eine parlamentarische Mehrheit wird dieses Ansinnen aber wohl nicht finden. „In Berlin kann sich keiner leisten, Flächen ausschließlich zum Abstellen privaten Blechs zu nutzen“, meint Kirchner.

Für ihn ist es keine Frage, wofür man sich zu entscheiden hat, wenn man die Wahl zwischen Erhalt von Parkplätzen oder Schaffen von Wohnraum hat, zumal schon jetzt eine gute Anbindung an Bus und Bahn gegeben sei und im Zuge der Neubauten sogar verbessert würde, weil der 200er-Bus dann bis zur Greifswalder Straße durchfahren soll. „Das existierende Wohngebiet an der Michelangelostraße ist aus Wohnungsknappheit entstanden“, sagt er. „Damals waren diejenigen noch froh über Neubauten, die heute dagegen sind.“

 

Kein Baubeginn vor 2018

 

Auch heute werden in Berlin angesichts steigender Einwohnerzahlen wieder mehr Wohnungen gebraucht. Allein im Bezirk Pankow sollen laut einer Prognose bis 2030 60.000 Menschen mehr leben. Doch schon jetzt ist Wohnraum Mangelware, wie man auch an den steigenden Mieten ablesen kann. Wo überhaupt noch Platz für Neubauten ist, hat der Senat im vergangenen Jahr in einem „Stadtentwicklungsplan Wohnen“ zusammengetragen. Ursprünglich wurden darin auch Areale im Norden Pankows genannt, die derzeit als Kleingärten genutzt werden. Um deren Bestand zu sichern, intervenierten Pankows Lokalpolitiker und schlugen als alternative Flächen unter anderem die an der Michelangelostraße vor. Worüber nun wiederum die Anwohner nicht glücklich sind.

Auf Seiten möglicher Bauherren ist das Interesse hingegen groß. Derzeit liefen die Verhandlungen, wer in dem neuen Baugebiet zum Zuge kommen solle, erzählt Stadtrat Kirchner. Vorgesehen ist eine Beteiligung von städtischen Wohnungsbaugesellschaften, Baugenossenschaften, Baugruppen sowie privaten Investoren . „Die Mischung ist wichtig; das hat Berlin immer ausgemacht“, sagt Kirchner. Mindestens ein Drittel der Wohnungen, die von städtischen Gesellschaften errichtet werden, sollen für 6,50 Euro Nettokaltmiete auf den Markt kommen.

Bis 2018 wird man auf dem Areal jedoch erst noch weiter parken können. Aktuell haben die Architekten des Siegerentwurfs erstmal den Auftrag bekommen, diesen zu konkretisieren. Im Bezirksamt laufen indes die Vorbereitungen, damit Ende des Jahres mit der Aufstellung eines Bebauungsplans begonnen werden kann, was bis zu zwei Jahre in Anspruch nehmen kann.

 

Der Siegerentwurf sowie weitere Entwürfe des Städtebaulichen Wettbewerbs werden vom 27. Februar bis 13. März im ehemaligen Kundencenter der Berliner Sparkasse in der Greifswalder Straße 87-88 ausgestellt. Geöffnet ist von 12 bis 19 Uhr, der Eintritt ist frei.

Eine ursprünglich für den 26. Februar angesetzte Eröffnungsveranstaltung für die Ausstellung wurde abgesagt, nachdem die Vorstellung der Pläne im Stadtentwicklungsausschuss Mitte Februar so viele Besucher angelockt hatte, dass die öffentliche Sitzung des Ausschusses wegen Überfüllung abgebrochen werden musste. Alternativ dazu wurde nun für Donnerstag, 9. April, eine Bürgerversammlung zur Vorstellung und Diskussion der Pläne angesetzt. Ort und Uhrzeit werden noch bekanntgegeben. 

Kommentare

1 | NormaloX | 11. Feb. 2015 08:12

Leider ist das immer so, wenn Bürgerversammlungen anstehen. Die Leute interessiert nur eins: Parkplätze. Immer das gleiche Dauerargument, über den eigenen Parkplatz hinaus denkt der Deutsche nicht - sehr traurig. Wir leben in der radikalen Autofahrergesellschaft und dagegen müsste man dringend mal etwas tun inzwischen.

2 | ingaseye | 11. Feb. 2015 10:34

Das ist aber schon sehr einseitig gedacht NormaloX... Zumal in dem Artikel besonders die älteren Bewohner des Viertels angesprochen werden die z.T. auf Autos angewiesen sind. Gute öffentliche Verkehrsanbindung ja, aber das hilft machmal auch nichts, wenn die Leute Jobs haben, die 2h entfernt liegen. Deshalb sind Parkplätze schon wichtig. Die Wohnhäuser in dem Viertel sind riesig, dort leben sehr sehr viele Menschen. Natürlich braucht es dafür ausreichend Parkmöglichkeiten.

3 | Frank Möller | 13. Feb. 2015 12:00

Ach ja, die armen altersschwachen, die auf das Auto angewiesen sind...
Dass der Autowahnsinn für alte Menschen aber auch eine große Unfallgefahr ist, darüber wird nicht gerne gesprochen.

Erstens sind alte Autofahrer eine Gefahr für andere (nicht Auto fahrende) Verkehrsteilnehmer https://www.youtube.com/watch?v=stYkXoCj9Rw

und zweitens sind sie selbst durch den Autoverkehr gefährdet. http://www.dvr.de/programme/senioren/titel.htm

Dazu kommt, dass der ganze Autoblödsinn die Nahinfrastruktur zerstört - die Fußwege, zum nächsten Laden, Arzt etc., aber auch über die irre breiten Straßen, besonders in solchen Kiezen wie der Michelangelostraße, werden länger.

Plattenbausiedlungen und Speckgürtel schaffen regelrecht Autoverkehr, denn in schicke Cafés, Restaurants, Galerien und Läden geht man dann doch lieber im Helmholtzkiez, in Mitte, Kreuzberg und anderen Altbauvierteln - und dann natürlich auch gerne mit dem Auto...

Die Stadt ist per Definition eine Stadt der kurzen Wege. Eine Stadt der lange Wege ist schizophren und paradox. Schon die Römer wussten das und haben den Verkehr mit Wagen und Pferden stark eingeschränkt. Aber der, sich für urban und "weltstädtisch" haltende, Icke will seinen Parkplatz, und selbstverständlich umsonst.

Schafft den MIV in der Stadt endlich ab! Er zerstört sie nur.

4 | irene radtke | 05. Mär. 2015 22:53

Klar das Durchschnittsalter der Michelangelostrasse ist etwa 75+ klar das die älteren Bewohner Angst haben ,aber auch die nicht ganz so Alten sind verunsichert und haben Ängste,dass viel Grün verloren geht und dass man vor unserem Haus noch ein Haus hinbaut.Kein freier Blick ins Grüne mehr keinen Sonnenuntergang mehr sehn, und so .Darum sollte man auch daran denken und die jetzigen Bewohner in der Umsetzung der Bebauung Miteinbeziehen!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

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