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Kastanienallee Laster und Transparente gegen die Grünen

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Kastanienallee: Radstreifen steht Einigung im Weg

13.01.2011 | Redaktion der Prenzlauer Berg Nachrichten | 7 Kommentare

Die Grünen regten eine Anwohnerbefragung an - doch diese könnte gegen den Bau von Radstreifen ausfallen. Jetzt spricht wenig dafür, dass die Partei auch ein missliebiges Bürgervotum mittragen würde.

„Die Gemeinsamkeiten sind größer als die Einzelinteressen", betont Heiner Funken, der Schlichter zwischen Grünen und Bürgern in Sachen Kastanienallee. An zwei Abenden, einmal kurz vor und einmal kurz nach Silvester, hatte man sich getroffen, in der so genannten 4+1 Runde. Ihr Auftrag: Sie sollte im Vorfeld des Schlichtungsgesprächs am heutigen Donnerstagabend einen Kompromiss zur umstrittenen Umgestaltung finden. Neben Funken nahmen daran Sebastian Mücke als Vertreter der Ladenbesitzer, Andre Nunes als betroffener Anwohner und Grünen-Kreischefin Daniela Billig teil. Von seinem derzeitigen Aufenthaltsort in Australien war Frank Möller von der Bürgerinitiative Carambolagen per Skype zugeschaltet.

Der gemeinsame Vorschlag der Runde sollte in der großen Schlichtung beraten werden - und anschließend den Anwohnern der Kastanienallee zur Abstimmung vorgelegt werden. Mit dem Plazet der Anrainer im Rücken hätte die grüne Fraktion Anfang März dann einen Antrag zur Änderung der bisherigen Pläne in die Bezirksverordnetenversammlung einbringen können - und damit womöglich die gesamte Bezirkspolitik unter Zugzwang gesetzt. Das war die Hoffnung, mit der sich die Teilnehmer der dritten Schlichtungsrunde am 20. Dezember nach zähem Ringen in den Weihnachtsurlaub verabschiedet hatten.

 

Ein Kompromiss sollte her - doch er wurde nicht gefunden

 

Doch auf eine gemeinsame Linie konnten sich Gewerbetreibende, Anwohner und Grüne trotz des enormen Zeitdrucks nicht einigen. „Zwischendurch sah es so als, als ob es eine Einigung hätte geben können", sagt Schlichter Funken. Jetzt stelle sich die Frage, ob man mit zwei verschiedenen Varianten in die Anwohnerbefragung gehe oder nicht. „Beide Seiten müssen sich committen", sagt Funken. Soll heißen: Sowohl die Vertreter von Gewerbetreibenden und Anwohner als auch die Grünen müssen sich erklären, ob sie je nach Ausgang der Anwohnerbefragung auch die Position der Gegenseite nach außen hin unterstützen werden. Die Aufmerksamkeit richtet sich damit in erster Linie auf die Grünen.

Sebastian Mücke sagte den Prenzlauer Berg Nachrichten, er werde die Planung der Gegenseite unterstützen, wenn diese eine Mehrheit in der Anwohnerbefragung finden sollte. Diese Planung basiert im Wesentlichen auf den Vorschlägen, die Frank Möller bereits während der offiziellen Planungsphase im Rahmen der Bürgeranhörung gemacht hatte. Dabei soll an Stelle des jetzigen Parkstreifens ein 1,50 Meter breiter Fahrradstreifen entstehen. Im Gegensatz zur Planung des Bezirksamts würde auf den Bau von Parkbuchten verzichtet. Stattdessen soll der Gehweg verbreitert und zur Straße hin abgesenkt werden. 60 Autostellplätze sollen dann auf dem Unterstreifen des Gehwegs entstehen. Diesen Vorschlag haben sich inzwischen auch die Grünen zu eigen gemacht, wie dem Protokoll der 4+1-Gespräche zu entnehmen ist.

 

In den Reihen der Grünen gibt es Widerstand

 

Im Gegensatz dazu sieht der Vorschlag der Gewerbetreibenden vor, auf einen eigenen Radstreifen auch in Zukunft zu verzichten. Radfahrer müssten dann auch weiterhin in dem bisher mit Fahrradsymbolen gekennzeichneten Raum zwischen den Tramgleisen verkehren. „Wir brauchen den Fahrradstreifen", betonte allerdings Grünen-Chefin Daniela Billig im Gespräch mit den Prenzlauer Berg Nachrichten. „Es geht dabei vor allem um Sicherheit, und die steht für uns Grüne an erster Stelle." Sie ließ offen, bis wann die Grünen darüber entscheiden werden, ob sie auch einen Änderungsvorschlag in die BVV einbringen würden, der keinen eigenen Fahrradstreifen vorsieht. Seit Beginn der Schlichtung hatte es in den Reihen der Grünen starken Widerstand gegen einen Verzicht auf den Fahrradstreifen gegeben. Cornelius Bechtler, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen in der BVV, hatte den Prenzlauer Berg Nachrichten Ende vergangener Woche gesagt, ein solcher Verzicht sei für seine Partei nicht verhandelbar.

Sollten die Grünen auf dieser Position beharren, wäre vermutlich auch eine Anwohnerbefragung hinfällig. Andernfalls müssten sich die Grünen wohl den Vorwurf gefallen lassen, sie nähmen eine Bürgerbefragung nur dann ernst, wenn sie das von ihnen gewünschte Ergebnis hervorbringe. „Aus meiner Warte als Schlichter ist es wichtig, dass wir sagen: Wir tragen das gemeinsam mit", sagt Heiner Funken dazu. Daniela Billig verweist unterdessen auf die vierte Schlichtungsrunde. Dort müsse ohnehin über Einzelheiten einer Anwohnerbefragung noch gesprochen werden.  



Kommentare

1 | Theo Koerner | 13. Jan. 2011 17:16

Der 102. Nachricht in dieser Sache ist ohne Visualisierung eigentlich nicht mehr zu folgen. Wahrscheinlich passiert das auch bei einer Bürgerbefragung: keiner hat in diesem Kastanien-Babylon noch eine Ahnung, wer was sagt oder warum ein bestimmter Vorschlag besser sein soll als ein anderer.

2 | Theo Koerner | 13. Jan. 2011 17:22

Hier gibt es übrigens zwei Visualisierungen. Wer sie versteht, kann sich wirklich mit beiden Armen auf die Schulter klopfen:
http://www.carambolagen.de/pdf/kastanienallee_repraesentativer_ausschnitt_planung_bezirksamt.pdf
http://www.carambolagen.de/pdf/kastanienallee_repraesentativer_ausschnitt_planung_carambolagen.pdf

3 | Bernd Willmer Bernd Willmer | 13. Jan. 2011 22:53

Bin heute wie fast jeden Tag mit der Rad von die Kastanienallee am Prater zum Zionskirchplatz Ecke Fehrbelliner runter. Zunächst zwischen parkenden Autos und Gleis. Fast hätte mich eine Autotür erwischt, als ohne die Fahrerin ohne nach hinten zu schauen die Tür aufriss. Schrie mir noch hinterher, dass ich Abstand zu halten habe. Ich also zwischen die Schienen, das Fahrradsymbol ist ja dort noch zu sehen. Rast doch so ein Kleintransporter von DPD im Abstand von gefühlten 10 cm links an mir vorbei, schneidet mich und bremst voll ab. Ich fahre rechts an ihn ran, er die Scheibe runter und schreit: "Vollidiot, denkst wohl Du hast die Straße für Dich gepachtet." Das ist die Realität, die ich als Radfahrer in der Kastanienallee erlebe.

Ladenbeseitzer Mücke will, dass es so bleibt, Gehwege sollen saniert werden, damit weiterhin die Touris in der "kultigen Castingallee" bei ihm kaufen, wegen des Flairs (steht ja so in den Reiseführern unter Geheimtipp). Das aber auf Kosten der Verkehrssicherheit. Das ist nicht hinnehmbar.

Ich hoffe, dass die Vernunft siegt und nicht die egoistischen Bedürfnisse des zugegebener Maßen rhetorisch talentierten Ladenbesitzers. Die Kastanienallee braucht dringend die Fahrradangebotsstreifen. Finde es unfassbar, dass so Stimmung gemacht gegen die Umbaupläne des Bezirks, von wegen vierspuriger Ausbau, wie es an der Kast 77 steht! Das ist irreführender Humbug!

Die Pläne im Netz von Bezirk und Möller, lieber Theo Körner, kann ich verstehen. Möllers Vorschlag sieht ja Shared Space vor, keine schlechte Idee, kennt kaum jemand, aber ob die übernutzte Kastanie die richtige Straße ist, wage ich zu bezweifeln (enge Straßenflucht, 2 Tramlinien, ruhender und fließender Autoverkehr, Radverkehr und die vielen Fußgänger, Schankvorgärten usw. Schwierig schwierig. Die Bezirksamtspläne stellen in meinen Augen einen guten Kompromiss zwischen Verkehrssicherheit und dem Anspruch der Vielnutzung.

Wer gegen diese Pläne des Bezirksamtes ist, nimmt billigend eine absolute Unfallgefahr für besonders Radfahrer in Kauf. (Habe auch schon einen bösen Sturz einer Radfahrerin auf Höhe Kastanie 86 erlebt, die zwischen parkende Autos und überholende Tram geraten ist und schwer verletzt wurde.) Die parkenden Autos kriegt man (leider) nicht raus, da machen die Anwohner nicht mit, wette ich drauf. Shared Space basiert auf Sichtbeziehungen zwischen den Verkehrsteilnehmern, parkende Autos verhindern aber eben diese. Kannste also vergessen!

4 | Theo Koerner | 14. Jan. 2011 17:06

Ich denke, es ist sehr wichtig, was Bernd Willmer über die Unfallgefahr für Fahrradfahrer schreibt. Auch weil dies eine Grundlage ist, warum eine Anwohnerbefragung völlig unzureichend ist, denn letztendlich sollten alle Radfahrer (in Pankow) das Recht haben, mit möglichst geringer Unfallgefahr die Kastanienallee zu überstehen. Ich selbst habe auch schon einen fremdverschuldeten Unfall (mit Notaufnahme) auf der Kastanienallee gehabt. Die Schilderung der brenzligen Situationen würde Seiten füllen. Und viele Radfahrer meiden die Kastanienallee ganz.

Überaus spannend ist auch Bernd Willmers Hinweis, dass "Shared Space auf Sichtbeziehungen" basiere. Wenn das wirklich ein grundlegender Wirkungsmechanismus ist (ich selbst kann das nicht beurteilen), dann würde das in die Richtung laufen, dass Frank Möller für etwas kämpft, was gar nicht funktioniert oder sich sogar gegen ihn wendet. Wo ist der Wissenschaftler, der das zuverlässig beurteilen kann??

Das ist eine Sache, die man sich auch sehr gut vorstellen kann: dass Kirchners Plan zu einer weiteren Belebung der Strasse führt, weil der Verkehr reibungsloser läuft und die Menschen sich sicherer fühlen.

Das hätte auch die Konsequenz, dass Kirchner für Sebastian Mücke kämpft, nur letzterer keine Peilung davon hat.

5 | Bernd Willmer Bernd Willmer | 15. Jan. 2011 23:13

Lieber Theo Körner, wie gesagt, Shared Space basiert auf Sichtbeziehungen, weshalb der Deutsche Blindenverband dagegen ist. Es gibt ein Buch über Shared Space (Shared Space - Beispiele und Argumente für lebendige öffentliche Räume), das wissenschaftlich fundiert das Prinzip und Beispiele erläutert:
http://www.vcd.org/pressemitteilung+M5735a510657.html. Kann ich nur empfehlen. Ansonsten empfehle ich Wikipedia, dort finden Sie Infos: http://de.wikipedia.org/wiki/Shared_Space
Aus diesem Grunde hat sich auch der Berliner Senat in einem Positionspapier gegen Shared Space gewendet und bittet die Bezirke um Vorschläge für sog. Begegnungszonen nach Schweizer Modell.

6 | Theo Koerner | 16. Jan. 2011 14:14

Das ist doch einmal ein Top-Beitrag von Bernd Willmer, weil er Grundsatzpositionen heranzieht, die allesamt Lösungsbeiträge sind. Wenn jetzt aber Möller schon den Deutschen Blindenverband und den Senat mit seinem Grundsatzpapier als Gegner hat, warum kann er dann als der große Experte in der Runde 4+1 auftreten?

Mir ist auch ohnehin nicht klar, mit Ausnahme von Sebastian Mücke, wie sich die einzelnen Gruppen legitimieren, d.h. warum sie überhaupt für die Mehrheit sprechen wollen, und durch welchen Wissenshintergrund sie das vorgeben tun zu können.

7 | Theo Koerner | 16. Jan. 2011 14:29

Eine Sache, die mich wirklich beunruhigt, ist die ganze Agitation und das Stimmensammeln, die man auf der Kastanienallee sieht. Das denkt man manchmal, der Weltuntergang wird durch Parkbuchten herbei geführt.

Was da aber in der Kastanie läuft, ist oftmals nur RTL-Demokratie: alles nur Show und irgendwie Stimmen sammeln.

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