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Feuilleton

U-Bahnhof Dimitroffstraße (heute Eberswalder Straße), 1989

Feuilleton | Kritik

Längst vergangene Tempi Passati

13.10.2011 | Gustav Seibt

Und doch alles erst gestern: Eine fotografische Zeitreise durch Prenzlauer Berg mit Bernd Heyden, Eberhard Klöppel und Gerd Danigel

Der Berliner Bezirk Prenzlauer Berg gilt Stadthistorikern als das größte geschlossene Altbaugebiet aus dem 19. Jahrhundert in Europa, das weitgehend unzerstört erhalten blieb. Der Bezirk entstand als Industrie- und Arbeiterwohngegend um die vorletzte Jahrhundertwende, der Großteil seiner Straßenzüge wurde zwischen 1889 und 1905 errichtet. Wer sich die Zeit vergegenwärtigen will, als unser Wohngebiet noch Baustelle war, lese die Reportage „Der Norden Berlins“ des Fontane-Zeitgenossen Julius Rodenberg aus dem Jahre 1884, nach dem die Rodenbergstraße im PLZ-Gebiet 10439 benannt wurde (nachgedruckt in dem Rodenberg-Auswahlband „Bilder aus dem Berliner Leben“, Rütten & Löning Verlag, Berlin 1987).

Heute präsentiert sich Prenzlauer Berg als moderne bürgerliche Gegend mit vielen hellen Fassaden in Gelb, Rosa oder Eierschalenfarbe. Kein Berliner Stadtteil hat eine so junge, kinderreiche Bevölkerung. Dass Prenzlauer Berg einmal ein Ort der Industrie war, mit Brauereien und Brotfabriken, ja mit einem riesigen Gaswerk, das den ganzen Berliner Norden mit Heizenergie versorgte, die mitten in der Stadt aus Kohle gewonnen wurde, mit Rauch aus Schloten, der die umliegenden Fassaden grauschwarz färbte, davon ist kaum noch etwas zu spüren. Die Industriedenkmäler wurden zu Kulturzentren, an der Stelle des Gaswerkes entstand in den letzten Jahren der DDR ein für deren Verhältnisse modernes Wohngebiet, der Ernst-Thälmann-Park, samt Denkmal für den Arbeiterführer, Planetarium, Grünflächen, Schwimmbad und Jugendclub – das größte Straßengebiet mit nicht-wilhelminischer Architektur zwischen Bornholmer Straße und dem Volkspark Friedrichshain.

 

Zeitfahrstuhl in die Zwanziger Jahre

 

Der neue Charakter von Prenzlauer Berg hat sich erst seit den späten neunziger Jahren ausgebildet. Wer hier unmittelbar nach der Wende aus dem Westen zum ersten Mal zu Besuch kam, der glaubte in einem Zeitfahrstuhl auf einmal bis in die Zwanziger Jahre zurückzustürzen: Die Fassaden waren grau, düster und bröckelnd, in der Luft lag der Gestank süßlicher Braunkohle, die Kneipen sahen aus, als säßen dort immer noch die Handwerker und Fabrikarbeiter von 1925 bei ihrem Bier und schweren Essen. Die paar Punker, die man auch traf, die wenigen tuckernden Trabis, die übers Kopfsteinpflaster rumpelten, konnten dieses Bild kaum ändern. Die U2 quietschte ohrenzerfetzend über ihre gusseisernen Stelzen, die nie mehr gestrichen worden waren. Am besten sahen die mit Westgeld sanierten Kirchen mit ihren biblischen Namen aus: Zion und Gethsemane. Als die Mauer noch stand, verloren sich die alten Straßen am Westrand in gespenstische Stille, die von Wachtürmen behütet wurde.

Hat sich je ein Stadtgebiet so verändert, sozial, kulturell, in Lebensstil und –klima, nicht zuletzt in seinen Farben, wie Prenzlauer Berg seit 1995? Das kann man bezweifeln. Wer den historischen Vergleich sucht, findet die besten Quellen bei den Fotografen der späten DDR-Zeit, die hier lebten und arbeiteten. Sie wurden in den letzten Jahren einer nach dem anderen von Mathias Bertram in der wundervollen Fotobuch-Reihe „Bilder und Zeiten“ des Leipziger Lehmstedt Verlags herausgebracht, in vollendeter Druckqualität und zu einem vergleichsweise mäßigen Preis.

 

Schwarzweißes Bild eines ganzen Jahrhunderts

 

Die drei Namen, die hier zu nennen sind, schließen zeitlich aneinander an und überspannen die Zeit von 1966 bis etwa 1996, also eine ganze Generation. Da Prenzlauer Berg aber bis 1989 in einer Zeitkapsel lebte, die vor allem seine Gebäude weitgehend unberührt ließ – sie nämlich nur einem kontinuierlichen Verfall überließ – haben wir hier eigentlich ein Bild des ganzen 20. Jahrhunderts, und zwar in Schwarzweiß. Auch das gehört zu den Wundern unseres Bezirks: Er dürfte einmalig umfassend und schön in der besten Manier der Schwarzweiß-Fotografie des 20. Jahrhunderts dokumentiert worden sein.

Bernd Heyden, der erste der Reihe, wurde nur 44 Jahre (1940 bis 1984), er wuchs im Bötzow-Viertel auf, lernte Damenschneiderei, arbeitete später als Fahrer für Kulturfunktionäre der DDR. Das Fotografieren brachte er sich selbst bei, er erlangte sogar noch zu seinen Lebzeiten (er starb an seinem Alkoholismus) ein gewisses Ansehen. Seine Bilder sind unübersehbar geprägt von den Arbeiterfotografien August Sanders, von Cartier-Bressons und Herbert Lists malerischer Auffassung des Schwarzweiß-Mediums. Mit so geschultem Auge erfasste er das Leben auf den Straßen seines Bezirks, wo er am Tage natürlich vor allem alte Leute und Kinder traf. Kinder nämlich gab es auch damals schon zu Hauf in Prenzlauer Berg, nur spielten sie meist ohne ihre Mütter und trugen keine Sturzhelme – es muss noch ein Abenteuer gewesen sein, hier als Kind zu leben und zu spielen, bevor das Gesundheitsregime des Dinkelkekses die Fürsorge übernahm. 

 

Leere Schaufenster, hohle Parolen und selbstbewusste Jugendliche

 

Der jüngste der Reihe, der 1959 in Mitte geborene Gerd Danigel, der bis heute im Bezirk lebt und seine Bilder gelegentlich am Flohmarkt des Mauerparks verkauft, schließt da unmittelbar an. Auch er begann als Audodidakt, wenn auch gefördert von Roger Melis, dem berühmtesten Fotografen der DDR. Er ist weniger pathetisch als Heyden, ironischer und humorvoller. So erfasste er den Geist der DDR-Gesellschaft unmittelbar vor dem Untergang des Regimes, als es den Rückhalt bereits verloren hatte. Er macht uns mit leeren Schaufenstern, hohlen Parolen und wiederum mit höchst selbstbewussten Jugendlichen bekannt. Nebenbei oder vor allem hat er ein wunderbar aufmerksames Auge für die Ornamente des Lichts, für Baumsilhouetten, Vogelflug oder Wasserspiegelungen. Danigel und Heyden sind großartige Künstler, die sich neben den großen Namen der Fotografie im 20. Jahrhundert behaupten können.

Eberhard Klöppel kam wie Heyden 1940 zur Welt und arbeitete als professioneller Fotoreporter. Als solcher begleitete und dokumentierte er den Abriss des Gaswerks und die darauf folgende Errichtung des Wohngebiets am Thälmann-Park im Jahrzehnt zwischen 1978 und 1987. Hier wird eine Zeitenwende sichtbar: Vom düsteren Industriedenkmal der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zum letzten Versuch der DDR, sich städtebaulich locker zu machen. Auch Klöppel hat wie Heyden und Danigel einen einfühlsamen, humorvollen Blick auf die beteiligten Menschen, die letzten Proletarier und die ersten postindustriellen Jugendlichen der DDR mit ihrem 80er-Jahre-Chic. Da mag Thälmann die Faust noch so energisch ballen, die Geschichte der Gesellschaft hat sich in Prenzlauer Berg längst in eine andere Richtung entwickelt.

 

Prenzlauer Berg heute: Fassadenfarben wie am Mittelmeer

 

Aber auch das sind längst vergangene Tempi Passati. Die in den letzten Jahren neu hinzugezogenen Bezirksbürger mögen sich beim Blättern in den Lehmstedt-Bänden doch auch klar machen, dass sie eine vorangehende Bevölkerung regelrecht verdrängt haben: aus einem Bezirk von Arbeitern, kleinen Leuten, Künstlern und höchst selbstständigen Jugendlichen wurde ein bürgerlich-mittelständischer Familienbezirk, voller besorgter Mütter, Bioläden, Bistros und Wochenmärkte. Selbst das im Übergang der Wende-Zeit noch wilde Nachtleben ist inzwischen ja weitgehend erstorben – statt in den Snaxx-Club geht man heute in die Literaturwerkstatt oder die Programmkinos. Die Straßen sind vollgeparkt, überall flitzen Fahrradfahrer, und die Fassadenfarben erinnern nicht mehr an die Zeit von industrieller Revolution, Arbeiterbewegung und Kommunismus, sondern ans Mittelmeer. 

 

Bernd Heyden: Berlin – Ecke Prenzlauer. Fotografien 1966-1980. Herausgegeben von Mathias Bertram. Lehmstedt Verlag, Leipzig 2008. 176 S., 24,90 Euro.

Eberhard Klöppel: Berlin – Ecke Greifswalder. Fotografien 1978-1987. Herausgegeben von Mathias Bertram. Mit einem Vorwort von Brigitte Biermann. Lehmstedt Verlag, Leipzig 2010. 168 Seiten, 24,90 Euro.

Gerd Danigel: Schöner unsere Paläste! Berliner Fotografien 1978-1998. Mit einem Vorwort von Marika Bent. Lehmstedt Verlag, Leipzig 2011. 160 Seiten, 24,90 Euro.


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