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Italiener in Prenzlauer Berg

Feuilleton | Aktualisiert

Die Drehorgel-Dynastie

29.06.2011 | Brigitte Preissler

Wer die Geschichte der Italiener in Prenzlauer Berg erzählen will, kommt um ein Kapitel nicht herum: Das legendäre Familienunternehmen der Drehorgelbauer Bacigalupo. 

Nein, hier ist nicht von Pizza die Rede. Auch nicht von den mutmaßlichen Lieblingsstränden der Helmi- und Kollwitzplatzanwohner. Nicht von all den Eisdielen, die es, wie fast überall auf der Welt, natürlich auch in Prenzlauer Berg gibt. Nicht vom „Supermercato“ in der Wichertstraße, und auch nicht von den teilweise zur Berlusconi-Holding Finivest gehörenden Abzocker-Geldautomaten der Privatbank August Lenz (über die wir schon an dieser Stelle berichteten). 

Die Geschichte der Italiener in Prenzlauer Berg, wie sie der Ethnologe und Historiker Hans-Horst Bethge unlängst bei einem Vortrag in den Räumen der Firma „Rohnstock Biografien“ erzählte, beginnt vermutlich mit einer römischen Kaisermünze aus der Zeit zwischen 267 und 273 nach Christus. 1877 wurde sie in der Choriner Straße 81 gefunden. Ob sie tatsächlich als „der erste Italiener in Prenzlauer Berg“ gelten muss, wie Bethge scherzhaft mutmaßte, sei dahingestellt. 

 

Friedrichs Leibspeise: Polenta, mit extra Knoblauch 

 

Fest steht aber, dass in Berlin und auch auf dem Gebiet des heutigen Prenzlauer Berg schon sehr lange Italiener lebten und arbeiteten. Schon am kurfürstlichen und preußischen Königshof übernahmen sie teilweise staatstragende Funktionen. Der venezianische Kaufmannssohn Francesco Algarotti etwa wurde von Friedrich II. in den Grafenstand erhoben und erhielt den Orden Pour Le Mérite. Und von der aus Parma stammenden, berühmten Ballett-Tänzerin Barbara Campanini (1721-1799) heißt es, dass sie ein Verhältnis mit dem Monarchen gehabt haben soll. Auch Polenta soll Friedrich übrigens sehr geliebt haben, mit extra viel Knoblauch.

Da es jedoch den eigentlichen Bezirk Prenzlauer Berg bekanntlich erst seit 1921 gibt, beginnt, streng genommen, natürlich auch die italienisch-prenzlauerbergische Geschichte erst seit dieser Zeit. Ihr dunkelstes Kapitel handelt von den beiden Lagern in der Ostseestraße und in der Erich-Weinert-Straße, in denen während des Zweiten Weltkriegs italienische Zwangsarbeiter interniert waren. Ihnen half der Geistliche Don Luigi Fraccari, der 1944 nach Berlin gekommen war, so gut er konnte; seit 1945 tat er das im Auftrag der bischöflichen Kurie. In Kriegstrümmern suchte er nach seinen Landsleuten, kümmerte sich um Waisenkinder und um ältere Menschen, die nicht nach Italien zurückkehren konnten. Seit 1946 war er Pastor in der Kirche des St.-Josefsheims in der Pappelallee 61, bis 1974 las er dort die Messe. 

 

Von „Frati & Co.“ bis „Bacigalupo Söhne“

 

Zu Ost-Zeiten lebte etwa Mario Turra hier in der Gegend, der künstlerische Leiter des Staatszirkus der DDR. Und auch der 2002 verstorbene Grafiker und Architekt Gabriele Mucchi hatte ein Atelier am Zionskirchplatz. Doch wer von Italienern in Prenzlauer Berg erzählt, darf vor allem Giovanni Battista Bacigalupo nicht vergessen. Dieser aus Modena stammende Drehorgelbauer gründete ein überaus erfolgreiches Familienimperium, das zwischen 1891 und 1975 hier Drehorgeln produzierte und in die ganze Welt auslieferte – bis nach Mexiko und in die USA.

Schon mit zehn Jahren hatte er seine Heimat verlassen und ließ sich – nach Lehrjahren in Paris, London und Hamburg – 1873 in Berlin nieder, wo er zunächst Teilhaber der Firma „Frati & Co.“ in der Buchholzer Straße 1 wurde. Als sein Kompagnon, Chiaro Frati, 1890 zurück nach Italien ging, nahm Bacigalupo die Sache allein in die Hand. Ab 1891 gründeten er und seine Nachkommen mit wechselnden Teilhabern eine Nachfolgefirma nach der anderen, sie hießen „Cocchi, Bacigalupo & Graffigna“, „G. Bacigalupo“, „Bacigalupo & Co.“ oder „Bacigalupo Söhne“. In der einstigen Italienischen Kolonie zwischen Schönhauser Allee, Buchholzer Straße und Pappelallee produzierten sie Drehorgeln, die heute als wertvolle Sammlerstücke gelten. Selbst Bert Brecht und Kurt Weill sollen die Werkstätten mitunter besucht und sich erklärt haben lassen, wie sie ihre Kompositionen optimal leierkastenfähig gestalten konnten. 

Bis 1975 existierte das Unternehmen; dann fand sich kein Verwandter mehr, der die Familientradition weiterführen wollte. Die Firma wurde von Curt Baum in Hamburg übernommen, und die Bacigalupos gerieten ein wenig in Vergessenheit. Bethge zufolge jedenfalls wurde das Wirken der Familie zu DDR-Zeiten nicht als Kulturerbe erkannt und gefördert. An den einstigen Firmensitzen der Bacigalupos – in der Schönhauser Allee 74a und in der Nummer 79 – befinden sich heute die Schönhauser Allee Arkaden.

 

Auch eine Bacigalupo: Latschenpaules Trompetenorgel

 

Hans-Horst Bethge, Jahrgang 1951, fand es ärgerlich, dass es hier keine Gedenktafel gibt. Und man braucht nun wirklich nicht mit einem Halbitaliener verheiratet zu sein (wie die Autorin dieser Zeilen), um ihm darin Recht zu geben. Aber immerhin: Im Museum Pankow, am Standort in der Heynstraße 8, ist noch bis mindestens Donnerstag eine echte 33er Trompetenorgel aus der Bacigalupo-Werkstatt in der Schönhauser Allee 79 zu sehen. Sie gehörte einst Heinz Nerger, jenem legendären, als „Latschenpaule“ bekannten Drehorgelspieler, dem das Museum gerade eine Ausstellung widmete (Infos hier). Auch im MachMit - Museum für Kinder ist einiges über die Bacigalupos zu erfahren. Zum einen ist dort für 9,95 Euro noch das Begleitbuch zu einer Ausstellung aus dem Jahre 1997 erhältlich, die sich mit „Italienern in Prenzlauer Berg um 1900“ befasste – mit einem eigenen Kapitel über "Die Familie Bacigalupo." Zum anderen ist auch dort, im Rahmen der Ausstellung "Museum als Erinnerungsmaschine", noch bis 14. August eine schöne alte Bacigalupo-Drehorgel zu bewundern, auf einer Infowand wird allerlei Wissenswertes über Familie Bacigalupo präsentiert.

Vielleicht versteht sich ja auch jener Leierkastenmann, der so oft auf dem Platz direkt vor den Schönhauser Allee Arkaden spielt, als eine Art lebendes Andenken an die glorreichen Zeiten seiner Zunft an diesem Ort.

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