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Kultur

Theater o.N.

Kultur | Kollwitzkiez

Fällt der Vorhang?

24.03.2017 | Constanze Nauhaus

Nach zweijährigem Lärmstreit soll das Theater o.N. ausziehen. Doch das Ensemble hofft auf Einsicht der Eigentümer, Unterstützung aus dem Kiez und Hilfe aus der Politik.

Falls sich heute jemand wegen Lärm beklagt, kann man es ihm kaum verdenken. Eine Menschentraube verstopft den Bürgersteig vor dem Theater o.N. in der Kollwitzstraße, Kinder spielen Demo. Sie haben Plakate gemalt und skandieren lautstark "Wir wollen bleiben!". Es ist Soli-Freitag, und es soll nicht der letzte sein. Nachdem in der vergangenen Woche klar wurde, dass das Kindertheater par excellence im Kinderbezirk Prenzlauer Berg nach 20 Jahren seine Spielstätte räumen muss, soll hier nun jeden Freitag um 18 Uhr mit Ukulele und "Scheiße mit Reis"-Singen gegen die Entscheidung der Hauseigentümer protestiert werden. Ein Kind hält ein Plakat, auf dem der Satzteil "Das größte Schwein im ganzen Land.." zu erkennen ist, Rest bekannt. Doch ganz so schwarz-weiß sind die Verhältnisse wohl nicht, sagt Dagmar Domrös von der künstlerischen Leitung.

 

"Ganz schön überrollt"

 

"Es ist kein klassischer Zugezogene-Schwaben-vertreiben-alteingesessene-Kultureinrichtung-Fall", das ist ihr wichtig klarzustellen. Kein Vermieterbashing, kein zweiter Magnet-Club. Einige Stunden zuvor sitzt Dagmar Domrös in der freitäglichen Mittagssonne auf der kleinen Eisenstufe vor dem Theater und kaut fassungslos auf einem Eierbrötchen herum. Der Schreck der letzten Tage steht ihr ins Gesicht geschrieben. Als die Eigentümer-GbR der Kollwitzstraße 53 dem Ensemble mitteilte, sie werde den Mietvertrag nicht über Juli 2017 hinaus verlängern. "Uns hat das ganz schön überrollt", sagt die zierliche blonde Frau und lächelt traurig. "Aber so vollkommen überrascht hat uns das natürlich nicht."

Denn seit zwei Jahren gibt es Auseinandersetzungen im Haus, da sich einige der Bewohner durch den Lärm des Theaters belästigt fühlen. Und Verständnis habe man ja auch. "Das ist ein Altbau, und die Räume sind nicht als Veranstaltungsort konzipiert worden", so Domrös. Das Theater machte bereits Zugeständnisse, schränkte das Abendprogramm ein und nahm nach 22 Uhr keine Bühnenbildumbauten mehr vor. Doch das reicht den Anwohnern nicht. "Sie haben die Geduld mit uns verloren", mutmaßt Domrös, die seit neun Jahren Ensemblemitglied ist. Das Verständnis von Seiten der Eigentümergemeinschaft, die das Haus Anfang der Neunziger Jahre kaufte und mit Subventionen des Landes sozial sanierte, scheint erschöpft.

 

Ein kulturhistorisch verheerendes Signal

 

Es wäre nicht nur für den Kiez, für die Grundschulen, Kitas und Familen ein herber Verlust, sollte das nicht nur an Kinder gerichtete Theater ausziehen müssen. Auch kulturhistorisch wäre es ein verheerendes Signal. Denn mit dem Ensemble säße auch die erste freie Theatergruppe des Ostens auf der Straße. Illegale Vorstellungen, Spielverbot, im Spätherbst der DDR dann Lockerung, sogar Touren durch den Westen. Nach der Wende zunächst Knackstraße, seit 1996 Kollwitzstraße 53. Generationen von kleinen Prenzlauerbergern sammelten und sammeln hier erste Theatererfahrungen.

Noch im vergangenen Jahr band die GbR eine Vertragsverlängerung an eine Mieterhöhung und angemessene Schallschutzmaßnahmen. Dies war nun möglich, da Ende 2016 mit der Subventionierung auch die damit verbundenen Auflagen ausliefen. "Wir haben seit 20 Jahren einen traumhaften Mietvertrag, insofern will ich mich über eine Mieterhöhung gar nicht beschweren", sagt Domrös. Die Senatsverwaltung für Kultur, die das Theater fördert, sagte bereits die Mittel für die Mieterhöhung zu. Doch ein Maßnahmeplan für den Schallschutz, den das Theater mit Geldern der Senatsverwaltung von einem Ingenieurbüro erstellen ließ, genügte dem Zweitgutachter der Eigentümer nicht.

 

Kultursenator an Einigung interessiert

 

"Wir wollen gern weiterverhandeln", meint zwar Domrös, die GbR aber nicht. Anstatt sich auf die Erstellung eines neuen Maßnahmeplans durch besagten Zweitgutachter einzulassen, beschloss sie am Donnerstag vergangener Woche, den Mietvertrag nicht zu verlängern. Die Abstimmung soll knapp gewesen sein. Es gebe eben auch viele im Haus, die wollen, dass das Theater bleibt. Es gab Gespräche mit den Eigentümern in den vergangenen Tagen, einige äußersten sich wenig begeistert über die "einseitige Darstellung in der Presse", wie Domrös es formuliert. Böser zugezogener Neueigentümer vertreibt kleines Theater. Wie es so oft passiert ist in den letzten Jahren. "Aber hier ist es anders", betont sie. "Es geht darum, sich mit Leuten zu einigen, mit denen wir seit 20 Jahren zusammenleben."

Leider tut die Eigentümer-GbR wenig, dem "einseitigen" Bild etwas entgegenzusetzen, bislang war sie für Pressevertreter nicht zu erreichen. "Die sind auch überrollt worden von dem Medienecho", sagt Domrös und deutet an, dass die GbR sich in der nächsten Woche zu Wort melden wird. Bezirksbürgermeister Sören Benn (Linke), für Kultur zuständig, lässt verlauten, es sei "wenig hilfreich, wenn er sich jetzt öffentlich dazu äußern würde". Kultursenator Klaus Lederer (Linke) hingegen ist nach Informationen der Prenzlauer Berg Nachrichten sehr daran interessiert, das Theater am jetzigen Standort zu erhalten und plant dafür schnellstmöglich ein Gespräch mit den Vermietern.

 

Soli-Freitag jetzt jede Woche um 18 Uhr

 

Vielleicht ist dies ein Einzelfall, vielleicht gab es hier wirklich Gespräche, Zugeständnisse und bis zum Reißen gedehnte Geduldsfäden. Was bleibt, ist trotzdem, dass wieder einmal etwas nicht bleibt. Nicht bleiben kann in einem Bezirk, der einst für sein legendäres Nachtleben berühmt war und heute wegen dessen Nichtexistenz von Neuköllnern und Treptowern schadenfreudig belächelt wird. Magnet, Icon, Knaack, die Bar zum schmutzigen Hobby, der Klub der Republik, vor zwei Jahren traf es dann ein Theater, die Murkelbühne zog in den Friedrichshain. Alle mussten sie weichen, weil andere Prioritäten im Bezirk gesetzt wurden. Nicht zuletzt durch eine Politik, die alteingesessene Kultureinrichtungen nicht schützt, die es zulässt, dass - wie im Fall des Magnet-Clubs - neu eingezogene Mieter einen bereits ansässigen Club wegen Lärmbelästigung wegklagen können.

Auch die Soli-Freitage sind vor allem als Signal an die Politik gedacht. "Wir wollen auf unseren Wert als Kultureinrichtung im Kiez hinweisen", sagt Domrös. "Entweder hier, mit einem adäquaten Schallschutz, oder woanders im Kiez."

 

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