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Feuilleton | Interview

"Gerettet ist erstmal gar nichts"

Was steht an? Teil drei unserer Sommerinterviewreihe

16.08.2012 | Juliane Wiedemeier

Prenzlauer Berg ist dem Kulturkahlschlag entgangen - vorerst. Und nun? Jens Becker vom Aktionsbündnis über behäbige Politiker, verblassenden Glanz und Geld, das für Brandschutz draufgeht.

Jens Becker ist Regisseur, Drehbuchautor, Professor an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolff und Sprecher des Aktionsbündnisses Berliner Künstler, das sich Anfang des Jahres erfolgreich gegen einen Kulturkahlschlag in Pankow zur Wehr setzte.



Im März haben Pankows Bezirksverordneten beschlossen, das Kulturareal Ernst-Thälmann-Park an die Gesellschaft für Stadtentwicklung (GSE) als Treuhänder zu übergeben. Wie ist da der Stand der Dinge?

Die Übertragung des Areals vom Bezirk an die GSE läuft, und es gibt auch schon einen ersten Entwurf für einen Mietvertrag. Wir sind erstmal positiv gestimmt und haben den Eindruck, dass die GSE ganz seriös arbeitet. Vor uns liegt eine Phase, in der es nicht so laut zugehen wird wie Anfang des Jahres. Jetzt geht es ums Kleingedruckte.

 

Ist der Kulturstandort Thälmann-Park damit gerettet?

Wir sehen da noch einige Unbekannte: Was ist, wenn es kein Geld für die Sanierung gibt? Was ist, wenn sich herausstellt, dass die Verwaltungskosten für die GSE höher sind als der Gewinn? Mietet der Bezirk überhaupt alle Flächen zurück, die die Kultur braucht? Das alles wurde noch nicht endgültig geklärt und durchgerechnet. Gerettet ist erstmal gar nichts - außer, dass die Kultur gerade weiterläuft. Wir haben wieder für ein Jahr die Kultur erhalten - man muss es sich so schönreden.

 

Sie haben die notwendige Sanierung angesprochen. Sie war der Hauptgrund für den Bezirk, das Areal abzustoßen. Bis zu acht Millionen Euro müsste man investieren, hieß es. Wie geht es da weiter?

Die GSE wird wohl für die Sanierung Fördergelder aus dem Bund-Länder-Programm Stadtumbau Ost beantragen. Der Bezirk hatte schon mehrfach versucht, aus diesem Topf Geld zu bekommen, aber immer vergeblich. Jetzt hörte ich von Signalen aus dem Senat, die GSE soll es nun mit einer kleineren Summe versuchen. Wenn die Förderung diesmal gewährt wird, reicht das Geld aber nur fürs Nötigste wie den Brandschutz oder die Abdichtung der Fenster. Um auch konzeptionell etwas zu ändern, etwa auch den Rosengarten zu bespielen, müsste man allerdings richtig investieren: Da müssten Wände verrückt, Räume gestaltet und Schallschutzvorkehrungen getroffen werden. Daran ist vorerst überhaupt nicht zu denken.

 

Wie bewerten Sie das Verhalten des Bezirks?

Es ist eine Frage der politischen Haltung. Ich finde, der Bezirk betreibt gerade einen Ausverkauf sozialer und kultureller Werte. Der Prenzlauer Berg definiert sich traditionell über Kultur, doch die Bezirkspolitik kommt ihrer Aufgabe nicht nach, diesen Platz zu sichern. Das ist der gleiche Fehler, den sie gemacht haben, als sie beim Club-Sterben zugesehen haben.

 

Der Bezirk argumentiert immer damit, dass er vom Senat nicht ausreichend finanziert werde. Haben Sie mal beim Senat nach Fördergeldern gefragt?

Das Kulturareal Thälmann-Park ist mittlerweile der letzte kommunale Kulturstandort dieser Größenordnung in ganz Berlin. Natürlich stellt sich da die Frage, ob uns auf die Dauer nicht auch der Senat finanziell helfen müsste. Im Laufe unseres Kulturkampfes waren wir auch bei Kulturstaatssekretär André Schmitz, der uns seine Unterstützung zugesagt hat. Nur Geld habe er leider keins.

 

Wie geht es für sie als engagierte Künstler nun weiter?

Wir beobachten die Übertragung. Im September soll es einen Runden Tisch zur Umgestaltung des Kulturareals geben. Die GSE will die Einrichtungen besser verwalten, als es der Bezirk bislang getan hat, und zudem die Sanierung vorantreiben. Die Politik will eine effizientere Bewirtschaftung, damit der Bezirk in der Kosten-Leistungs-Rechnung besser dasteht. Wir wollen Kultur machen. Das wird noch spannend.

 

Was passiert, wenn die Pläne zur Übertragung scheitern?

Wenn es nötig ist, können die Öffentlichkeit und unsere Unterstützer sofort wieder mobilisiert werden.

 

Auch nach einer Übertragung des Thälmann-Areals an die GSE ist die Kultur ja auf die finanzielle Unterstützung des Bezirks angewiesen. Haben Sie schon Angst vor dem nächsten Haushalt?

Wir glauben, dass nach den heftigen Debatten Anfang dieses Jahres die Haushaltsdiskussion im Herbst eher nicht so groß wird. Aber mal sehen, was 2014 ist.

 

Was sagt das alles über die Zukunft des Kulturstandortes Prenzlauer Berg?

Ich bin noch zu DDR-Zeiten in den Prenzlauer Berg gezogen und habe dort noch Dachboden-Lesungen mit Heiner Müller und Ähnliches mitbekommen. Der Prenzlauer Berg war damals ein Biotop, seinen heutigen Ruf verdankt er dieser Zeit. Auf längere Sicht verliert der Kulturstandort Prenzlauer Berg diesen Glanz. Ich merke, wo meine Film-Studenten hinziehen: Nach Neukölln und Wedding. Und der Grund dafür sind nicht nur die hohen Mieten.

 

 

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