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Der Traum von Kabul

14.12.2012 | Thomas Trappe

Kein Theater: Im Ballhaus Ost erzählen afghanische Flüchtlinge von ihrer Odyssee durch die Welt nach Berlin. Und die Zuschauer finden sich wieder in einem Bus mit unbekanntem Ziel.

Als Metapher ist das fast ein wenig übertrieben: Der Bus kommt nicht raus aus dem Schnee. Seit fünf Minuten bewegt sich nichts, der ganze Theaterabend droht zu scheitern. Und das nur, weil das Konzept einer mobilen Aufführung auf eine zugeschneite und vereiste Gneiststraße trifft. Dann klappt es doch, Erleichterung beim Team, das hier gerade versehen mit Stoppuhr seine Generalprobe abreißt. In einem Stück, dass von der orientierungslosen Odyssee afghanischer Flüchtlinge erzählt, verendet also der Bus im Irgendwo. Wie gesagt, als Metapher wäre es übertrieben, und es ist ja auch keine. Es hat nur keiner mit so viel Schnee gerechnet. Es ist das einzige, was an diesem Abend schief läuft. Der Rest ist recht wunderbar.

„Afghanistan Mon Amour" heißt das Stück, das im Ballhaus Ost am gestrigen Donnerstagabend Premiere feierte, und noch bis Sonntag aufgeführt wird. Das Ballhaus Ost ist ein Theater, „Afghanistan Mon Amour" aber kein Theaterstück - vielmehr geht es um eine Kontaktaufnahme. Reale afghanische Flüchtlinge, die in den vergangenen Jahrzehnten nach Berlin kamen, erzählen dem Publikum ihre realen Geschichten von Flucht und Ankunft. Olek Witt, Leiter des Projektes Theater der Migranten recherchierte zusammen mit dem Afghanischen Kommunikations- und Kulturzentrum lange, um diese Menschen zu finden, jeder mit seiner eigenen eindrücklichen Geschichte. Das Ballhaus Ost ist dabei nur Stützpunkt, die Geschichten werden an verschiedenen Orten der ganzen Stadt erzählt. Und das ist nun keine zufällige Metapher: Der Zuschauer soll nicht ruhen, wenn ihm von Flucht und Heimatlosigkeit erzählt wird. Und auch die zugehangenen Fenster des Busses ergeben Sinn: Wo die Reise hingeht, ist erst zu erfahren, wenn das Ziel erreicht ist.

 

Kopftücher sucht man vergebens

 

Abstrakt ist das Ganze nun mal gar nicht. Nicht weit entfernt vom Ballhaus sitzen immerhin gerade die neuesten Flüchtlinge in einem Prenzlauer Berger Asylbewerberheim und warten darauf, wie über sie beschieden wird. Doch dem Theaterprojekt wäre Unrecht getan, reduziert man es auf eine einzige Leidensgeschichte. Klar, es geht um Krieg, verlorene Verwandte, enttäuschte Hoffnungen und schmerzhaftes Heimweh - das alles findet in teilweise herzzerreißenden, und meist einfach nur schönen Gesangs- und Tanzeinlagen seinen Ausdruck. Doch vor allem geht es darum: Die 20 Afghanen, denen wir hier zuhören, sie haben sich ein neues Leben in dieser Stadt aufgebaut. Ja, Heimat. Einmal will eine Protagonistin das Publikum im Afghanischen Kulturzentrum begrüßen. Sie verhaspelt sich, sagt „Berliner Kulturzentrum".

Männer sind in „Afghanistan Mon Amour" die Ausnahme, die meisten zwischen 10 und 70 Jahre alten Darsteller sind Frauen und Mädchen. Das Kind, das den Zuschauern afghanische Geschichten vorliest, Teenagerinnen, die mit dem Publikum ein afghanisches Steinchenspiel üben, die Frau, die erfolgreich ein Unternehmen aufgebaut hat, ihre Tochter, die Modedesign studiert. Sie alle blicken mit Wehmut nach Afghanistan, doch den leidenden Migranten geben sie nicht. „Wir sind stark", das wird gleich mehrmals an dem Abend postuliert, und es ist vollkommen überflüssig, weil so augenscheinlich. „Ambivalente Realitäten sollen Vorurteile und Ansichten hinterfragen", heißt es in der Beschreibung des Stückes. „Unser Bild von Afghanistan wird brüchig und bleibt trügerisch." Man sollte es wohl erwähnen, obwohl man sich nach dem Abend irgendwie dafür schämt: Keine der Frauen trägt ein Kopftuch. 

 

Krieg ist nicht normal

 

Eine Station von „Afghanistan Mon Amour" endet an einem Lagerfeuer, auf einer Wiese vor dem Theaterhaus Mitte, das ebenfalls am Projekt beteiligt ist. Drei Männer erzählen von früher, von Bauarbeiter-Jobs in Teheran, von Fußmärschen durch Griechenland und vom herrischen Vater. Irgendwann bekommt einer einen Wutanfall, schmeißt sich in den Schnee und ruft. „Es ist doch nicht normal, dass Krieg ist." Es ist kein einfacher Theaterabend.

 

„Afghanistan Mon Amour", ein Projekt des Theaters der Migranten in Kooperation mit dem Ballhaus Ost, dem Afghanischen Kommunikations- und Kulturzentrum e.V., dem Theaterhaus Mitte und dem Expedition Metropolis e.V./ DESI. Freitag und Samstag, 14. und 15. Dezember, jeweils 20 Uhr, Sonntag, 16., 18 Uhr, Dauer: ca. 3 Stunden. Im „Ballhaus Ost", Pappelallee 15. Eintritt 13 Euro, ermäßigt 8.

 

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