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Hochbegabung

Alltag | Kommentar

Wer denkt an die Kinder?

17.06.2014 | Thomas Trappe | 33 Kommentare

Immer mehr Eltern im Bezirk wollen glauben, ihre Kinder seien hochbegabt. Sie fordern zusätzliche Hochbegabtenklassen. Vielleicht wäre es besser, diese stattdessen ganz abzuschaffen?

Seit letzter Woche gehen in Pankow die Hochbegabten um. Mit viel Lärm um Hirn machten in der vergangenen Woche Eltern aus dem Bezirk darauf aufmerksam, dass es für ihre angehenden Fünftklässler-Kinder zu wenig Plätze in sogenannten Schnelllernklassen des Rosa-Luxemburg-Gymnasiums in Alt-Pankow gebe. Es ist die einzige Schule im Bezirk mit diesem Spezialangebot, bei dem vor der regulär sechsjährigen Grundschulzeit aufs Gymnasium gewechselt wird, Voraussetzung ist ein guter IQ-Test. Eltern zogen wegen des Mangels erbost vor das Büro der Bildungssenatorin Sandra Scheeres, die war nicht da, das Thema aber auf der Tagesordnung. Tenor: Es gibt zu wenig Angebote für die Hochbegabten in Pankow, und damit auch für die Kinder in Prenzlauer Berg. Die Zahlen scheinen es zu belegen. 60 Plätze sind am Rosa-Luxemburg-Gymnasium vorhanden, 110 geeignete Bewerber gab es dieses Jahr. Kein Wunder, dass die neu gegründete Initiative „Bildung nach Bedarf” nun fordert, zusätzliche Klassen einzurichten. Dabei sollte man die Explosion der Hochbegabung im Bezirk zum Anlass nehmen, generell das System der „Hochbegabtenklassen” in Frage zu stellen. 

Ein kleiner Exkurs ins Milieu der Hochbegabten. Das ist nämlich ein oft recht trauriges. Es gibt Menschen, die sind intelligent, und es gibt Menschen, die lassen sich ihre überdurchschnittliche Intelligenz bescheinigen. Heraus kommen dann seltsame Vereinigungen, die bekannteste von ihnen ist Mensa, ein weltweit organisierter Club der Hochbegabten. Um hier Mitglied zu werden, muss man einen Intelligentest absolvieren, und der muss die Zahl 130 überschreiten. Der Club ist Selbstzweck, Mitglieder werden Mitglied, um Mitglied zu sein. Wer einmal eine etwas ausführlichere Recherche zum Thema Hochbegabung in diesen Kreisen absolvieren musste, weiß, warum sich das Wort Schwanzvergleich aufdrängt. Viel mehr ist es in aller Regel nicht.

 

Im Wedding gibt es nicht weniger Hochbegabte

 

Intelligenz ist das, was der Intelligenztest misst, Psychologiestudenten lernen das recht früh. Hier mal ein Beispiel an der eigenen Person, eine Erfahrung als Testperson für eben einen solchen Studenten. Beim ersten Test erzielte ich einen Quotienten um die 80, beim zweiten einen um die 130. Meine Intelligenz schwang damit vom Niveau Forrest Gumps auf jenes eines nahen Verwandten Einsteins. Blödsinn natürlich, in Wahrheit hatte ich beim ersten Mal einen Kater, das zweite Mal wollte ich es wissen. Es bewies sich auch hier die Unfähigkeit eines IQ-Tests, zuverlässig etwas über Intelligenz zu sagen. Die Leistungsbereitschaft desjenigen, der ihn belegt, spielt eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Oder der Leistungswillen desjenigen, der einen erziehungsberechtigt zum Test schickt. Es ist davon auszugehen, dass auch Prenzlauer Berger Viertklässler selten den Wunsch nach einem Intelligenztest verspüren. Die Elternneigung, sein eigenes Kind als das süßeste und klügste (der ganzen Welt) einzuordnen, ist hinlänglich beschrieben und hier findet es seinen Niederschlag. Dass das Phänomen auch ganze Gruppen ergreift, zeigt ein Satz in der Pressemitteilung der Initiative „Bildung nach Bedarf” ganz frappierend. „In Stadtteilen wie dem Wedding”, heißt es da quasi-analytisch, „hatten sich wesentlich weniger Kinder zum Test angemeldet als in Pankow, wo es offenbar mehr besonders viele leistungsfähige und -bereite Kinder gibt”. Nein! Es gibt nur mehr Eltern, die offiziell hochbegabte Kinder haben wollen. Ein bis zwei Prozent der Menschen sind laut Statistik hochbegabt. Grob gerechnet sind das 30 bis 50 Viertklässler in ganz Pankow. Nicht 110.  

 

Die Spezialklasse als Heilsversprechen

 

110 Kinder im Alter um die 9 Jahre, die das vergangene Schuljahr damit verbracht haben, sich die Zugangsvoraussetzungen für eine Hochbegabtenklasse drauf zu schaffen, und sich wahrscheinlich Wochen lang auf einen Intelligenztest mit dem schulpsychologischen Dienst vorbereitet haben. In der vagen Hoffnung, später einen Kreis von Knirpsen anzugehören, die ebenfalls hochbegabt sind. Was das mit den Kindern anrichtet, kann man nur ahnen. Was es mit den Eltern anrichtet, steht ebenfalls in schon zitierter Presseerklärung. Für sie wäre eine dritte Schnelllerner-Klasse nicht weniger als ein „Pfingstwunder”, erklären sie. Die Hochbegabtenklasse wird zum Heilsversprechen und macht Eltern, Kinder und wahrscheinlich auch genügend Lehrer ganz kirre. Mit einer Abschaffung wäre deswegen vielen geholfen.

Dagegen wäre nun natürlich einzuwenden, dass eben jene rund 50 Schüler ihrer Spezialförderung am Rosa-Luxemburg-Gymnasium verlustig gingen. Die Frage ist, ob das schlimm wäre? Erstens, weil davon auszugehen ist, dass die Zusammensetzung der Schnelllerner-Klassen willkürlich ist, soll heißen, auch an den fünften Klassen der gewöhnlichen Grundschulen aller Wahrscheinlichkeit nach Schüler sitzen, die einen IQ-Test mit mehr als 130 Punkten abschließen würden, so sie denn auf die Idee kämen, ihn zu machen. Und zweitens, weil es auch ohne jene Spezialklassen möglich ist, all die hochmotivierten Viertklässler besonders zu fördern, selbst wenn man dem herkömmlichen Berliner Schulsystem nicht traut. Es gibt im Bezirk mehrere Oberschulen, die schon Fünftklässler aufnehmen und spezielle Profile anbieten, unter anderem bilinguale und naturwissenschaftliche. Der Vorteil gegenüber den Hochbegabtenklassen: Hier ist ein Spezialinteresse das bindende Glied, und nicht eine vorangegangene Leistungsschau. Klar, ein paar Eltern verlieren dann die Möglichkeit, ihr Kind als hochbegabt titulieren zu können. Was für ein Gewinn.

 

 

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Kommentare

1 | Martin Z. Schröder | 17. Jun. 2014 08:25

Das sind etwas zu viele Vermutungen für so eine starke Meinung. Die Statistik kann nur so gut sein wie die IQ-Tests, und wenn die so wenig sagen, sagt die Statistik noch weniger. Wo Kinder nicht getestet werden, ist die Statistik auch nicht aussagekräftig. Was nun den Vorschlag nach Abschaffung der Spezialklassen anlangt: Wie gut sind denn diese Klassen? Sind die vielleicht ganz großartig und machen Kinder glücklich? Dann sollte es mehr davon geben. Die Antwort auf diese Frage wäre eine Voraussetzung für eine Meinung gewesen. So ist das nur ein ideologischer Kommentar.

2 | Thomas Trappe | 17. Jun. 2014 08:32

Martin Z. Schröder: Das sehe ich nun eben genau anders. Wenn die Klassen super sind, ist das ein Grund mehr, sie abzuschaffen. Nämlich deshalb, weil damit eine Ungerechtigkeit manifestiert wird. Ein paar Kinder, deren Auswahl darauf beruht, ob ihre Eltern bei ihnen Hochbegabung vermuten, kommen in den Genuss privilegierter Bildung, also erhöhter staatlicher Aufmerksamkeit. Die Ressourcen könnten besser in eine Individualförderung gesteckt werden, bei denen nicht die Eltern, sondern die etwas objektiveren Lehrer über eine Förderung entscheiden. Wobei dazu wieder zu sagen wäre, dass vielleicht eine Förderung schwächerer Schüler in Berlin eher auf der Prioritätenliste stehen sollte.

3 | Martin Z. Schröder | 17. Jun. 2014 08:37

Wir wissen ja nicht, ob die Klassen super sind. Das hätten Sie vorher fragen können.

Kinder interessierter Eltern sind immer privilegiert. Das ist in erster Linie private Aufmerksamkeit. Nach Ihrer Argumentationsrichtung müßte man jegliche höhere Bildung abschaffen, weil sie Privileg ist. Statistisch gesehen bilden schon Geburtsorte Privilegien.

4 | Thomas Trappe | 17. Jun. 2014 08:52

Kinder interessierter Eltern sind privilegiert. Kinder reicher Eltern sind privilegiert. Kinder in Prenzlauer Berg sind häufiger privilegiert als solche im Wedding. Alles richtig. Aber daraus den Schluss zu ziehen, dass staatlicherseits diese Privilegierung noch befördert werden muss, halte ich für falsch. Und genau das wird getan, wenn man zusätzliche "Hochbegabtenklassen" schafft, an die nicht unbedingt die begabtesten Kinder gehen, sondern jene der ambitioniertesten Eltern.

5 | Martin Z. Schröder | 17. Jun. 2014 09:16

Ich find das gar nicht so falsch, wenn es den Kindern da gut geht und sie sich in anderen Klassen langweilen. Wissen wir ja nicht. Und wenn sie dann schneller aus dem Schulsystem rauskommen, kann das damit eingesparte Geld für Förderung anderer verwendet werden. Wissen wir auch nicht. Wäre das nicht ein Thema für einen informativen Beitrag?

6 | Thomas Trappe | 17. Jun. 2014 09:24

Im Wettrennen um die meisten unbelegten Vermutungen gehen Sie jetzt aber klar in Führung. Wer sagt, dass es den Kindern in den Klassen besser geht? Sie sich in anderen langweilen? Das sind zwei Klischees. Und schneller raus kommen die Kinder aus dem Schulsystem nicht, da liegt ein Irrtum bei Ihnen vor. Sie kommen nicht mal früher rein, denn es gibt ja, wie gesagt, auch andere Klassen, in denen man schon ab der fünften gymnasial unterrichtet werden kann. Das wissen wir dann alles doch. Aber Thema für einen informativen Beitrag ist das sicher, es gibt dazu aber auch schon zwölf Millionen. Das hier ist ja explizit ein Kommentar.

7 | Katja | 17. Jun. 2014 13:40

Danke für den recht deutlich formulierten Beitrag. Eine weitere Initiative, die sicherlich nicht das Gemeinwohl auf dem Papier zu stehen hat. Alleine der Satz aus der Presseerklärung "in Pankow gäbe es offenbar mehr leistungsfähige Kinder als im Wedding" verdeutlicht in meinen Augen, mit welcher Selbstherrlichkeit da auf die Kinder und die eigenen "Errungenschaften" hinsichtlich der "elterlichen Erziehung" geschaut wird. Diese Eltern sollten dringend einen Test für emotionale und soziale Kompetenz durchführen und wenn noch nicht alles verloren ist, ihren Kindern vermitteln, dass "Schwäche" nicht schädlich und jedem Erdenbürger zu eigen ist und auch, dass ein großes Talent oft einer geringen Begabung gegenüber stehen kann (und zwar innerhalb einer Person), statt die Kinder mithilfe elitären Wunschdenkens auf 100% perfekt zu drillen (was auch immer das sein soll).
Vielleicht gibt's dann auch wieder weniger hochbegabte Kinder und man kann sich auf solche Schüler konzentrieren, die wirklich Hilfe benötigen.

8 | Peter S. | 17. Jun. 2014 14:28

Da mir der Artikel ausgesprochen einseitig erscheint, möchte ich hier gerne meine (natürlich auch einseitige) Sicht dagegensetzen. Immerhin berichte ich aus eigener Erfahrung und nicht nur ideologisch motiviert.

Als junger Schüler ging ich auf das Goethe Gymnasium, eine von 3 Schulen im Westteil Berlins, die bereits in der 5. Klasse (mit Latein) begannen. Diese waren eindeutig für intellektuell priviligierte Schüler vorgesehen. Weitere Förderungen für Hochbegabte gab es damals (leider) noch nicht. Schnell wurde ich mit großem Abstand Klassenbester. Meine Eltern berieten mit dem Direktor darüber, ob ich eine Klasse überspringen solle. Man entschief sich dagegen, weil ich ohnehin einer der jüngsten und kleinsten in der Klasse war. Leider bin ich in die Entscheidungsfindung hierüber nicht einbezogen worden.

Als ich davon erfuhr, beschloss ich, von nun an nie mehr Hausaufgaben zu fertigen. Das resultierte in so skurrilen Szenarien, wie z.B. in Latein eine geteilte Zensur (schriftlich 1, mündlich 5, denn die Hausaufgaben gingen in die mündliche Zensur ein. Der Lehrer musste sich dafür extra eine Genehmigung von Schulsenator einholen). Das zog ich bis zum Abitur so durch.

Dies war mein Weg, der Langeweile entgegenzuwirken, die mich im Unterricht unweigerlich befiel. Wäre da nicht eine Förderung meiner Fähigkeiten deutlich sinnvoller gewesen?

Heute ist meine Hochbegabung nachgewiesen und ich bin Mitglied bei Mensa. Meinen IQ kennt übrigens außer mir niemand, denn es ist eine unausgesprochene Regel im Verein, dass man die genaue Höhe des IQ eben nicht nennt. Mindestns 130 muss ausreichen...

Gerne würde ich mit dem Bericht aus meiner Jugend dazu beitragen, dass hochbegabten jungen Menschen diese Erfahrungen erspart bleiben. Leider gibt es immer wieder Menschen, denen ihre ideologische Gleichmacherei wichtiger ist als gezielte Förderung von Begabungen, die letztlich der geamten Gesellschaft zugute käme. Denn nur besondere Talente, die besonders gefördert werden, können besondere Leistungen erbringen!

Ist der Autor eigentlich auch für die Abschaffung der Sportschulen /-Internate? Sollten auch hier die besonders Begabten zusammen mit allen anderen ihren Unterricht absolvieren oder findet es der Autor richtig, dass besonders begabte Fußballspieler mit ähnlich guten Spielern trainieren und nicht mit einer zufälligen Auswahl von (natürlich) viel schlechteren Spielern üben müssen?

9 | Christopher | 17. Jun. 2014 15:12

Meine persönliche Meinung, welche stark davon gefärbt ist, dass ich gerade mein Abitur absolviere und damit immernoch mehr oder minder in der Schule bin, ist, dass nahezu jeder anscheinend an ein Gymnasium kommen kann. So manch ein Mitschüler von mir erfüllte das Hauptschülerkliche des dauerbesoffenen Schlägers. Wie diese Personen an das Gymnasium gekommen sind? Ich weiss es nicht. Das ist eine Frage, die ich mir immer wieder stelle. Ich weiss jedoch von anderen, dass meine Schule kein Einzelfall ist. Ich weiss zudem auch, dass Kinder die, sagen wir jetzt einfach einmal vereinfachend "hochbegabt", sind häufig weniger fähig sind sich gegen die energiegeladenen, lauten Mitschüler durchzusetzen und vom Lehrer ignoriert untergehen. Natürlich gibt es von den sogenannten "Übermuttis" mehr als genug, Personen, die nicht nur versuchen ihr Kind in eine Klasse für Intelligenzbestien zu stecken, sondern die auch häufig ein Kind von der erwähnten Sorte haben, von der man sich schnell fragt, was es überhaupt auf einem Gymnasium zu suchen hat. Es gibt aber auch schlicht und ergreifend Kinder, die eine gesonderte Klasse brauchen, in der sie gefördert werden und in welcher die Dinge ruhiger zugehen. Was allerdings das wichtigste ist, ist dass Förderung tatsächlich stattfindet. Ich kenne jemanden, der in einer Schnellernerklasse war. Er ist im Unterricht in einer aktiven, lauten Klasse vom Lehrer ignoriert untergegangen. Genau das, wovon man meinen sollte, dass es in einer solchen Klasse nicht passiert. Nicht nur ist er untergegangen, es fand auch keine der vorher angepriesenen Förderung statt. Er hat es sogar geschafft mehrere Monate lang keine Hausaufgaben zu machen und jedes mal eine 6 zu bekommen und den Eltern hat niemand auch nur ein Wort gesagt. Das Endergebnis ist, dass er nun Versetzungsgefährdet ist und die Schule wechseln muss. Was lässt sich als Fazit ziehen? Manche Kinder brauchen besondere Aufmerksamkeit, auch intelligente. Diese Aufmerksamkeit muss aber auch gegeben sein, sonst kann man die Klassen, wie im Artikel angestrebt, auch wirklich einfach entfernen.

10 | Bärin | 17. Jun. 2014 19:55

Jedes Kind sollte entsprechend seiner Begabungen gefordert und entsprechend seiner Schwächen gefördert werden. Ein tagesformabhängiger Test, der einen Wert misst, der sich erwiesenermaßen das ganze Leben lang stets ändert, sollte nicht als einziges Förderungskriterium herangezogen werden. Was ist mit den Kindern, die im Test auf einen IQ von 128 kommen? Die brauchen dann eklatant weniger Förderung als die Kinder, die eine Punktlandung auf der 130 erzielt haben? Was ist mit Kindern, bei denen eine Teilhochbegabung vorliegt, die aber ingesamt nicht die "magischen" 130 erreichen? Ein per Definition hochbgebagtes Kind braucht nicht zwangsläufig mehr Aufmerksamkeit als jedes andere Kind auch. Und nicht jedes per Definition hochbegabte Kind braucht dieselbe Förderung. Es braucht generell kleinere Klassen, in der Kinder individuell gefördert und gefordert werden. Wenn man jetzt nur eine Gruppe von Kindern rauspickt und diesen diese individuelle Förderung zuteil werden lässt, ist das in der Tat ungerecht. Das zu kritisieren hat nichts mit einer Forderung nach Gleichmacherei o.ä. zu tun.

11 | bernarde_n | 17. Jun. 2014 22:42

Hochbegabte - wie die Macht eines Wortes den Verstand überwältigt. Bitte erst recherchieren, dann kommentieren, Herr Trappe!

In Pankow wird alles gern mal neu benannt, um alte Feindbilder zu bemühen. Geht es um leistungsbereite Kinder, bringt der Bildungssenat suggestive Begriffe in Umlauf, gegen die schwer anzukommen ist mit Argumenten. „Schnell-Lerner“ heißt es da, wenn von Kindern die Rede ist, die zur 5. Klasse auf ein Gymnasium wechseln wollen.

Oder „Hochbegabte“ – auch dies ein geschickt gewählter Kampfbegriff. „Wieso braucht Elite noch Förderung?“ So denkt der unbeteiligte Leser und schwupps hat die Macht eines Wortes den Verstand überwältigt. Schnell-Lerner beschleunigen, Hochbegabte mit noch mehr Gaben versorgen – absurd!

Der zwanglose Zwang des besseren Argumentes kann nicht zum Tragen kommen, wenn nicht einmal versucht wird, sach-orientiert zu sprechen. Wer Kinder, die außergewöhnlich leistungsfähig sind, mit Begriffen etikettiert, die Sozialneid und Abwehr hervorrufen, der verunklärt einen Sachstand, der jenseits aller Ideologie Beachtung verdient hat.

Leistungsfähige Kinder haben in den Grundschulen durchaus ihre Not - weil sie fehl am Platz sind, weil sie besondere Förderung brauchen. Davon hat Herr Trappe, weil er nicht recherchiert, sondern nur kommentiert, noch nichts gehört. Schade eigentlich.

Die meisten Menschen bilden sich ein, dass sie über die Wörter herrschen. In Wahrheit herrschen aber eher die Wörter über die Menschen. Das sieht man in Berlin-Pankow. Eltern besonders leistungsstarker Kinder haben es hier schwer, für ihre Sprösslinge einen Schulplatz zu finden. „Zu viele begabte Kinder“ heißt es da. „Wir müssen leider draußen bleiben“, könnte man noch anfügen, denn diese Kinder erhalten keinen Platz in einer Bildungseinrichtung, die für sie passt.

Würde auch nur eine einzige weitere 5. Klasse am Rosa-Luxemburg-Gymnasium eingerichtet, ließe sich der Missstand beheben, hat die Initiative betroffener Eltern„Bildung nach Bedarf“ herausgefunden. Die Bildungsverwaltung in Pankow aber bleibt dabei: Leistung gehört eher diffamiert als honoriert.

„Berlin braucht alle Talente und kein Kind wird zurückgelassen“, heißt es im Koalitionsvertrag. Leistungswillige Kinder aber darf und soll es lieber nicht geben in Pankow. Im Wedding ja. In Pankow nein. Ideologie pur. Bolle reist zu Pfingsten, nach Pankow war sein Ziel, da verlor er seinen Jüngsten. Laut mitgesungen wird in den Prenzlauer Nachrichten, wenn das Lied vom bildungsfernen Bolle angestimmt wird. Bolle hat aber, wenn er heute im Jahre 2014 in Pankow ankommt, einen höheren Schulabschluss und ein abgeschlossenes Studium. Und er hat „Zu viele begabte Kinder.“

Schade, dass die Bildungssenatorin sich gegen diese Entwicklung sträubt, schade, dass sie mit manipulativen Begriffen gegen Leistungsbereitschaft Front macht, schade, dass sie am Bedarf der Kinder vorbei plant und schade, dass mit dieser Politik Talente von Kindern „links“ liegen gelassen werden.




12 | Peter S. | 18. Jun. 2014 00:51

Anscheinend wird das Thema Konklusion völlig falsch verstanden.

Es ist überhaupt nichts dagegen einzuwenden - sogar wünschenswert - wenn körperlich gehandikapte Kinder mit nicht behinderten zusammen in eine Schulklasse gehen. Niemand wird jedoch auf die Idee kommen, diese beiden zusammen (oder gar gegeneinander, wie z.B. bei Ballsportarten) Sport treiben zu lassen.

Genauso ist es natürlich völlig unproblematisch, wenn intelligentere Schüler mit weniger intelligenten 100m-Lauf oder Fußball trainieren. Aber weshalb die in die selbe Klasse gehen sollten, wenn dort Mathematik unterrichtet wird, ist überhaupt nicht einzusehen.

Also: Konklusion dort gerne, wo es sinnvoll ist, aber nicht um jeden Preis, wenn sogar beide Gruppen darunter leiden, weil die einen unter- und die anderen überfordert werden!

13 | Katja | 18. Jun. 2014 09:10

Die Frage war doch wohl nicht, ob man hochbegabte Kinder fördern sollte, sondern ob diese 110 Schüler tatsächlich begabter und "leistungsfähiger" sind oder ob dies nur angenommen wird.

14 | Peter S. | 18. Jun. 2014 10:24

Intelligenz wird mit IQ-Tests gemessen. In diesen Testes werden Teile von Intelligenz - wie Musikalität, emotionale Intelligenz und soziale Kompetenz - nicht gemessen, weil das nicht möglich ist. Trotzdem ist so ein Test aussagefähiger als kein Test, selbst wenn er nicht vollständig alle Facetten abdeckt. Auch das Argument der Tagesform lasse ich nicht gelten. Wer sich - auch mental - nicht ausreichend vorbereitet, ist dafür selbst verantwortlich. Wenn ich mir vor der Führerscheinprüfung einen anballere, werde ich durchfallen, obwohl ich vielleicht gut Auto fahren kann. Ist deshalb die Vergabepraxis der Fahrerlaubnis falsch?

Man muss sich damit abfinden, dass ein mit vertretbarem Aufwand durchgeführter Test lückenhaft ist. Aber er ist immer noch weitaus aussagefähiger als kein Test! Insofern finde ich es richtig und gut, wenn die Ergebnisse zum Wohl der Schüler verwertet werden. Denn wie gesagt, auch den weniger begabten Schülern tut man keinen Gefallen, wenn man sie im Unterricht mit Überfliegern zusammentut.

Ich habe mich jeden Tag in der Schule so gefühlt, als wenn ich mir vor einem 100m-Lauf erst einmal eine Eisenkugel ans Bein binden muss (hierzu auch mein Erfahrungsbericht vom 17.06. um 14:28 Uhr).

15 | nevsko | 18. Jun. 2014 16:40

Der Beitrag verletzt so ziemlich alle Grundregeln und Standards, die ein Journalist während des Studiums und Volontariats gelernt haben sollte. Vielleicht aber ist der Schreiber auch ein glühender Adept des New oder Gonzo Journalism? Das würde den außergewöhnlich subjektiven Stil des Beitrags erklären. Vor allem aber das vermeintlich gekonnte Einbetten von Erfahrungen des Autor mit Drogen und deren physiologischen Abbauerscheinungen. Aber auch dafür wäre er zu schlecht. Und das Thema falsch. Der Ort auch.
Der Text ist eigentlich nicht Ernst zu nehmen. Er ist schlecht recherchiert. Besonders fatal aber sind die pauschalen und ideosynkratischen Werturteile, mit denen der gesamte Beitrag - mehr oder weniger subtil - gespickt ist. Davor sollte man sich als Journalist hüten. Gewaltig.

16 | Juliane Wiedemeier | 18. Jun. 2014 17:31

@nevsko
Der subjektive Stil des Beitrags erklärt sich dadurch, dass es sich hierbei um einen Kommentar handelt, wie ganz oben, über der Überschrift, auch vermerkt ist. In diesem journalistischen Genre ist, anders als etwa in einem Bericht, explizit die Meinung des Journalisten gefragt. Die Sie als Leser natürlich nicht teilen müssen.

17 | nevsko | 18. Jun. 2014 21:03

@Juliane Wiedemaier
Wo findet sich denn der Beitrag, der Artikel, den der Autor kommentiert? Habe ich etwas übersehen? Dann entschuldige ich mich freilich für meine mahnenden mithin kritischen Worte. Ich habe einen solchen Beitrag oder Link allerdings nicht gefunden. Weil es ihn nicht gibt. Oder?
Hey Leute! Macht eine (Online-)Zeitung, die diesen Namen verdient. Eure Meinung, die wichtig und unter Umständen auch richtig ist - sollte deutlich also solche gekennzeichnet sein und werden. Eine Pipe vor dem Wort "Kommentar", hinter der Rubrik dient dem sicher nicht. Hinzu kommt (noch eimal): Es fehlt ein Beitrag, der versucht, journalistisch und dabei zumindest intersubjektiv über die Elterninitiative "Bildung nach Bedarf" zu berichten bzw. zu informieren. Etwas zu kommentieren, das es auf www.prenzlauerberg-nachrichten.de nicht gibt, ist letztlich unprofessionell.

18 | Thomas Trappe | 19. Jun. 2014 07:50

@nevsko: Der Link findet sich im ersten Absatz. Zu einem Text des Tagesspiegels zum Thema. Was Sie meinen: Es ist nach alter journalistischer Lehre unabdingbar, Bericht UND Kommentar zu verfassen. Deshalb: Weil man im Zeitalter der Papierzeitung davon ausgehen musste, dass sich der Leser anderweitig über das Thema ja nicht informieren kann, er hatte ja nur diese einzige Informationsquelle.
Aber hey, wir machen eine Onlinezeitung - da kann man auch einfach mal auf andere Texte anderer Medien verweisen, die das Thema behandeln. Das ist u.U. unüblich, aber nicht unprofessionell. Und wie wir einen Beitrag deutlicher als Kommentar kennzeichnen können als ihn als Kommentar zu kennzeichnen, ist mir immer noch nicht klar geworden.

Thomas Trappe

19 | nevsko | 19. Jun. 2014 09:50

@Thomas Trappe
Nicht alles, was alt ist, muss schlecht sein. Wenn bei den Prenzlauerberg Nachrichten nicht nur das Medium selbst die Botschaft sein soll, erscheint mir eine deutlichere, sich dem Leser sofort erschließende Trennung von Nachricht und Kommentar angebracht. Und mit Verlaub, den Link zu dem Tagesspiegelartikel kann man auch gut übersehen resp. überlesen. Würde ein solcher nicht eher an den Anfang des Beitrags gehören? Mit dem gleichsam lesbaren Verweis auf den Tagesspiegel. Und. Ich klicke nicht auf jeden Link, ohne das ich weiß, wo ich lande.
Hinzu kommt, dass Ihr Kommentar sich alle Mühe gibt, wie ein Artikel zu wirken. Es finden sich neben der Headline auch Sublines und auch ein Teaser. Das ist untypisch. Ja verwirrend.
Aber vielleicht liegt es ja auch an mir. Dann werde ich also mal meinen Rechner ausknipsen und meinen Fingern ein wenig Druckerschwärze gönnen.

20 | Thomas Trappe | 19. Jun. 2014 09:57

@nevsko: Sorry, ich bin sehr geduldig, aber wenn Sie den Hinweis "Kommentar" übersehen und einen Link nur anklicken, wenn er ganz am Anfang des Artikels steht, dann kann ich es auch nicht ändern. Und mit Verlaub, der zweite Absatz ihres letzten Kommentars ist Blödsinn, ich nehme an, das merken Sie selbst. Bin dann mal raus. Thomas Trappe

21 | Atypisch | 19. Jun. 2014 22:17

Die Recherche, die dem Artikel zugrunde liegt, weisst einige Lücken auf.
IQ 130: Bezieht sich auf die Standard-Gaussverteilung. 130 ist auf der einen Seite vom Normalwert 100 so weit entfernt, wie die 70 der mental Retardierten auf der anderen Seite. Mit denen hat man Mitleid.

Das Leben in der Gesellschaft ist so eingerichtet, dass man mit einem IQ von 85 bis 115, also um den Mittelwert von 100 herum, den die Mehrheit der Menschen (unabhängig von ihrer Herkunft) hat, bestens zurechtkommt. Die mit dem IQ von 130 und drüber haben Anpassungsschwierigkeiten, sie haben nur vielleicht bessere Möglichkeiten zur Kompensation. Der Wert von 130 ist einer, der noch aus dem Beginn der Intelligenzforschung stammt. Er ist ein relativer Wert, gemessen an der Bevölkerung. Die oberen 2 % bleiben immer die oberen 2 %. Heisst im Klartext, in besonders intelligenten Jahren (Intelligenz unterliegt der Fluktuation, Flynn Effekt) ist jemand bei gleichbleibender kognitiver Effizienz nicht "hochintelligent", in anderen Jahren, bei geringerem IQ der Gesamtbevölkerung, ist er auf einmal "hochintelligent". Soviel zu der Herkunft dieses Wertes.

Nun ist es nicht so, dass die Intelligenz von Menschen nicht einfach linear zunimmt, also das Gleiche einfach nur immer schneller, sondern bei einem IQ von 125 aufwärts (Jeanne Siaud-Facchin, Monique de Kermadec, Tessa Kieboom, Fabrice Bak, Arielle Adda, u.a.) findet ein Wechsel in der Denkstruktur statt. Man denkt nicht mehr Schritt für Schritt, sondern es werden für normal denkende (NT, neurotypisch veranlagte) nicht nachvollziehbare Verknüpfungen geschaffen. Abgesehen davon, dass das natürlich zu Verständnisschwierigkeiten hüben und drüben führt (Hochbegabte gehen natürlich davon aus, dass alle so denken wie sie und die NTs ihrereseits auch. Nur sind die letzteren die Mehrheit und die Mehrheit hat irgendwie immer recht).

Diese Veränderungen betreffen nicht nur die gewünschten, kognitiven Leistungen, sondern auch den Affekt, das Gefühlsleben. Das führt zu Hypersensitivität und Hypersensibilität. Tessa Kieboom unterscheidet bei Hochbegabten 6 unterschiedliche Schülerprofile und lediglich eines bis anderthalb fallen in der Schule positiv, als Leistungsträger auf.

Bei einer Untersuchung in Hamburg hat man übrigens Kinder systematisch untersucht und ist dabei auf rund 4 % übereffiziente Kinder gekommen. Die Tests laufen bei Kindern in Abhängigkeit vom Alter - und genau wie bei Erwachsenen - in Abhängigkeit von Persönlichkeit (Angst...) und Tagesniveau mehr oder weniger gut. Darum gilt generell der höchste erzielte Wert. Und man muss noch genau schauen, wie weit einzelne Bereiche voneinander abweichen. Der Mensa-Test ist anders konzipiert als der WAIS-IV.

22 | Atypisch | 19. Jun. 2014 22:26

Was den wenigsten bekannt sein dürfte, es gibt eine europäische Empfehlung (1248, zu finden bei Eurotalent), die ziemlich genau beschreibt, wie hochbegabte Kinder zu fördern sind - und wie nicht. Hochbegabung ist ein schlechter Begriff, da er Elite impliziert. In Kanada, Frankreich und Belgien setzt sich zunehmend der Begriff "hohes Potential", HP, durch. Ein Potential bedeutet nicht, dass es ausgeschöpft wird. Ein weiteres Problem besteht darin, dass standardmässig davon ausgegangen wird, ein hoher IQ hat etwas mit Erfolg im Leben zu tun. Ganz und gar nicht. Nun sind die zumeist untersuchten natürlich die, die negativ auffallen. Wieviele unauffällige und glückliche HPs es gibt, weiss letzten Endes niemand.

Die Veränderungen im Gefühlsleben bedingen, dass man permanent anders ist, denkt, fühlt und sich anders verhält als die anderen; oder ein gehöriges Mass an Energie daran verschwendet, so zu sein, als sei man wie alle anderen. Irgendwann fällt ein derartiges Kartenhaus in sich zusammen und viele HPs gehen irgendwann den Gang zum Psychologen. Sofern es kein speziell ausgebildeter ist - und davon gibt es wenige - werden sie erfolglos auf Depression, Borderline und bipolares Syndrom behandelt. HPs sind anders als andere Kinder, bringen einen grossen Teil innerer Ängste mit ständig, reden zuviel, zuwenig, sind nicht gerne in Gesellschaft, und einige Eigenschaften mehr, die von Kollegen und Mitschülern nicht so gerne gesehen werden. Werden skeptisch beäugt. Und das bei einer übersteigerten Wahrnehmung der HPs. Ist für nicht Betroffene kaum nachvollziehbar. HPs sind nicht einfach hochbegabt. Das ist nur ein Teil des Ganzen. In erster Linie sind sie a-typisch. Man ist als HP in erster Linie ziemlich alleine. Und das hat nichts mit Jammern auf hohem Niveau zu tun.

23 | Atypisch | 19. Jun. 2014 22:28

Niemand erzählt mal die "dark side of the story". Ein hochbegabtes Kind zu haben heisst, Diktat zu üben. Beim ersten Schreiben sind 10 Fehler im Text. Das Kind kriegt erst einmal einen 15-minütigen Heulkrampf (leider manchmal auch im Unterricht mit den dementsprechenden Auswirkungen in der Klasse). Es regt sich auf. Man versucht, es zu beruhigen. Ist das endlich geschafft, werden die Sätze beim zweiten Mal fehlerlos geschrieben. Abends liegt das Kind kotzend im Bett, weil es sich so aufgeregt hat. Um Ende der Woche, Perfektionnist das es ist, die Bestnote nach Hause zu bringen. Und das gleiche Spiel jede Woche.

Ein HP-Kind zu haben heisst in erster Linie jede Menge zusätzlicher Verantwortung und Nerven zu haben wie Drahtseile. Was recht schwierig ist, da HP meist doch vererbbar ist und man selbst daher nicht unbedingt das stabilste Nervenkostüm mitbringt. Gängiges Konzept ist derzeitig, zu versuchen, die Kinder durch zusätzlichen Stoff zu fördern. Tatsächlich müssen die Kinder jedoch die Methodologie lernen; lernen, zu büffeln; lernen, sich anzustrengen, Frustrationstoleranz aufzubauen, Langeweile auszuhalten, Durchhaltevermögen zu entwickeln und mit den übrigen 96,5 bis 98 % der Menschheit klarzukommen. Man kann sie nicht mit nicht altersgemässen Inhalten und Anforderungen überfrachten. Sie bekommen das intellektmässig geordnet, sind aber in ihrer gefühlsmässigen Entwicklung nicht weiter als andere Kinder/Jugendliche ihres Alters. Und da sie eben vieles mitbekommen, dass für ihre Augen und Ohren noch gar nicht bestimmt ist, werden sie so verunsichert, dass sie immer und immer wieder Halt suchen. Um es mit einem Bild auszudrücken, andere Kinder fliegen vorsichtig und ihrem Alter entsprechend. HP Kinder fliegen um des Fliegens willen, ohne zu schauen, wie hoch sie sind. Und wenn sie herunterschauen, fangen sie an, zu trudeln, da sie dann erst sehen, wie weit der Boden entfernt ist. In erster Linie muss bei HP-Kindern die emotionale Stabilität stehen. Und das tut sie nicht. Aus instabilen Kindern werden instabile Erwachsene, die aufgrund ihrer Eigenarten in der Arbeitswelt oft genug als unangepasst und unanpassbar ausgeschlossen werden. Sie machen Angst, da sie übereffizient sind und oft genug Kollegen und Chefs um ihre Position fürchten. Die wenigsten wissen, dass HPs anders gestrickt sind. Für sie ist es wichtig, dass ein Betrieb gut läuft. Läuft der Betrieb gut, sichern sie ihre eigene Existenz. Sie erkennen genau, welche Nachteile (Verantwortung, Stress etc) an anderen Jobs hängt. Und wenn sie nicht klar danach fragen oder sich auf die entsprechende Stelle beworben haben, wollen sie in der Regel den Job nicht. Wie hiess es noch bei Ideal? "Für den halben Luxus bring' ich mich nicht um". Sie teilen sich ihre Kräfte anders ein, arbeiten anders und auch damit ecken sie an.

24 | Atypisch | 19. Jun. 2014 22:28

All diese Informationen stammen von den oben genannten Autoren.

Würde die ganze Diskussion um Hochbegabung mal entmystifiziert, angefangen von dem Begriff, hin zu den Positiv- und Negativerwartungen, und mal geschaut, was diesen Teil der Bevölkerung tatsächlich kennzeichnet, wäre für alle viel gewonnen. Für die Kinder, die dann nicht hochbegabt sein müssen, weil ihre Eltern verstanden haben, dass das nicht wirklich erstrebenswert ist, für die Betroffenen, weil sie hoffentlich endlich akzeptiert werden können als das, was sie sind, für die Gesellschaft auch, eine Reihe von HPs sind durchaus altruistisch. Nur die, die die Hochbegabten als Elite ansehen möchten, müssten sich dann leider ein anderes Feindbild suchen...

Mit freundlichen Grüssen
Atypisch



25 | Frank Möller | 20. Jun. 2014 10:03

... diese ganze Diskussion ist ja schön und - öfter auch mal weniger - gut (nevsko). Aber es beschleicht einen doch immer wieder das Gefühl, als ob unsere lieben Kleinen ziemlich verkultet werden. Man fragt sich fast, wie die Menschheit vor Pisa eigentlich bis auf den Mond gekommen ist, ohne die Hysterie der Eltern.

Hatte es vielleicht etwas mit den Freiräumen zu tun, in denen sich Kinder früher noch bewegen konnten? Zeiten in denen sie noch nicht völlig verschult (Ivan Illich) und verplant waren? Wo sie vor allem auch voneinander gelernt haben Konflikte zu regeln, etc.? (Womit ich nicht sagen will, dass alles toll war, früher. Im Gegenteil.)

Also, Hysterie der Helikoptereltern einerseits und völlige Kaltschnäuzigkeit der Eltern andererseits, wenn es z.B. um die Bewegungsfreiheit ihrer Kinder geht. Welche negativen Auswirkungen die SUVs und andere Elterntaxis auf ihre Kinder haben kann man hier lesen:

www.uni-due.de/~qpd402/alt/texte.ml/Lebens.html


Aber das interessiert offenbar niemanden, allen Aufklärungsversuchen unsererseits zum Trotz.

Frank Möller
www.nurzu-berlin.de/html/spielstrassen.html

26 | Atiram | 01. Jul. 2014 19:25

Atypisch,
vielen Dank für Ihren differenzierten und unideologischen Beitrag!
Ich bin selbst "atypisch" und kann Ihnen nur zustimmen. Stimmen wie die Ihre sollten mehr gehört werden.

27 | mm | 03. Jul. 2014 13:51

Ich nehme interessiert zur Kenntnis mit welcher Vehemenz versucht wird den Kindern ihre Intelligenz abzusprechen und sich dabei der Diffamierung der Eltern bedient wird. Es ist in unserer Gesellschaft selbstverständlich dass Eltern (wie auch Lehrer und Schulpsychologische Dienste), die Schwächen und Stärken der Kinder erkennen und ihnen die entsprechende Bildung und Förderung bereitgestellt wird. Niemand regt sich über musikalisch oder sportlich begabte Kinder in speziell für sie eingerichteten Förderzügen und Schulen. Nur bei Allgemeiner, überdurchschnittlicher Begabung soll das plötzlich eine Spinnerei der Eltern sein. Es ist auch Konsens dass diese Kinder einer Förderung bedürfen - dafür sind ja auch die Schnelllernerklasse vom Senat eingerichtet worden. Und bitte, bleiben Sie bei der Berichterstattung zu dem Testverfahren bei den Tatsachen. Alle Kinder, die eine Eignung für den Schnelllernergang erbracht haben, haben an EINEM TAG in ABWESENHEIT der Eltern den gleichen international anerkannten Test geschrieben. Dieser wurde vom Schulpsychologischen Dienst ausgewertet. Die Eltern haben somit keinerlei Einfluss auf das Ergebnis. Dass es in Pankow so viele für diesen Bildungsgang geeignete Kinder gibt liegt einfach in der Tatsache Begründet, dass es sich um den mir Abstand Kinderreichten Bezirk handelt und wenn Sie die Statistik bemühen und einfach nachrechnen, dann werden Sie feststellen dass bei Pankow mit 25000 Kindern im Alter von 6-15 Jahren eben ein um 65% höherer Wert herauskommt als z.B. bei Neukölln oder Friedrichsh.- Kreuzberg mit jeweils ca. 15000 Kindern in dieser Altersgruppe. Auch das hat nichts mit Elternwillen, sondern mit demografischen Gegebenheiten zu tun. Dass die Eltern dementsprechend eine Erweiterung des Angebotes auf den dem Bezirk angemessenen Umfang fordern ist doch nur zu verständlich und im Übrigen für jede Form der Förderung wünschenswert.

28 | Uwe L. | 03. Jul. 2014 15:25

Jawoll, Herr Trappe- ich verstehe Sie ! Und ich bin begeistert ! Ab sofort machen wir eine Einheitsschule, schaffen die Noten ab, Gymnasien braucht eh keiner. Wir führen den Veggi- Tag ein und begrünen die Autobahn. Deutschland wird Exportweltmeister bei Holzspielzeug und unsere Ingenieure knobeln an der Entwicklung eines energiesparenden Tretrollers. Das Fahrrad ist ja bereits erfunden und wird in China produziert. Für Ihren Scheidungsanwalt sollte Lesen und Schreiben reichen und Ihr Arzt- wenn Sie mal einen brauchen- für den reicht ein Examen ehrenhalber. Dann freuen wir uns natürlich noch über die wachsende Anzahl von Nobelpreisträgern in Ostasien, was ja auch kein Wunder ist, wie die mit Ihren Kindern umgehen.
Ist Ihnen eigentlich klar, was Sie für einen Unsinn von sich geben ?
Der Test ist offen für alle Kinder, die dafür angemeldet werden. Und tatsächlich, er kommt zu einem Ergebnis, dass für manche Kinder positiv, für andere eben nicht ist. Kinder sind unsere Zukunft - und unsere Rente, Herr Trappe, Leistungsfähigkeit und Leistungswille Bedingung unserer Existenz. In was kann zukunftsfähiger investiert werden als in Bildung ? Und noch ein Wort zu den Privilegien. Ja, wir brauchen in Wedding und Neukölln mehr und bessere Bildungsangebote und wenn das von den Eltern aus eigener Initiative nicht nachgefragt wird, dann muss sich der Staat darum kümmern. Solange es vielfach so ist, dass Deutsch erst in der dritten Klasse verstanden wird, wird man für die 5. Gymnasialklasse nur wenigen Bewerber finden. Hier geht es also um gezielte Förderung, damit wir bald eine Situation bekommen, in der wir die gleichen "Probleme" haben, wie in Pankow. Wachen Sie auf, Herr Trappe !

29 | Sonnenschein | 03. Jul. 2014 22:48

Werter Herr Trappe, Sie haben natürlich vollkommen Recht!

Jeder vernünftige Mensch wendet sich mit Grausen ab, wenn die prenzlberger Helikopter-Eltern sich surrend aus der Menge erheben, um ihre ach so wichtigen Kleinen flirrend zu umsorgen mit Einzelunterricht in Musik, Chinesisch und humanistischer Ethik. Alles kleine Große Einsteins, versteht sich!

Die Realität sieht dann zumeist doch etwas anders aus.

Wenn ein junger Mensch sich unwohl fühlt in seiner Umgebung, in seiner Klasse, einfach weil er andere Denkmuster besitzt und sich anders verhält als die anderen, ist es unerheblich, welchen IQ er hat und wie dieser gemessen werden könnte. Dieser junge Mensch ist sich seiner Denkstrukturen ja nicht bewusst. Wenn er also seine Aufgaben nicht oder ganz anders erledigt oder sich für ganz andere Dinge interessiert, dann sogar noch gebremst statt gelobt wird, weil er vielleicht hier und da schneller ist und dadurch den Unterricht stört, erlebt er sich als irgendwie anders, und die einfachste Begründung für ihn ist: Ich bin blöder / schlechter als die anderen. Dann ist fachkundige Hilfe gefragt, die es aber in den meisten Fällen nicht gibt.

Die Bundesländer haben Programme aufgelegt zur Förderung von kognitiv begabten Schülern, in Berlin ist dies sogar im Schulgesetz festgeschrieben. Wer aber so eine Förderung – oder zumindest mal eine Beratung oder Begleitung – für sein Kind in Anspruch nehmen möchte, geht oft leer aus; keine Beratung, keine Ansprechpartner, keine Erfahrung. Konsequent zuwenig Personal an den Schulen und eine falsche Einschätzung des Themas sind die Norm ("Elite", "wer so schlau ist, schafft das doch auch so", "ah, wieder Helikopter-Eltern"). Die Überheblichkeit einiger Lehrer und Erzieher den Eltern gegenüber in diesem Thema ist überwältigend.

Eines noch zum Abschluss: Ich verfolge seit einiger Zeit gelegentlich einige der Mailinglisten bei Mensa eV. (Autsch! Geoutet!) Oh ja, das ist dieser elitäre Klub der schlauen Angeber. – Von wegen: Eine der Listen mit regem Austausch ist die der Underachiever. Es ist durchaus bewegend, die Lebensgeschichten und Situationen von Erwachsenen zu lesen, die durch ihre Denkmuster durchs Bildungsraster gefallen sind, in der Schule, der Ausbildung, dem Studium und dem Beruf. Und schließlich bei Hartz 4 landen. Diese Laufbahnen beginnen in der Grundschule.

Möchten Sie tauschen?

30 | Sonnenschein | 04. Jul. 2014 13:28

@ Atypisch:

"Tessa Kieboom unterscheidet bei Hochbegabten 6 unterschiedliche Schülerprofile und lediglich eines bis anderthalb fallen in der Schule positiv, als Leistungsträger auf."

Interessant! Gibt es dazu eine Quellenangabe auf deutsch? Habe bei Google leider nichts finden können. Danke für Nachhilfe!

31 | Tobias Claren | 05. Okt. 2014 15:59

Teil 1v4
Ich bin ja auch dafür, dass weniger der IQ zählt, als dass man JEDES Kind zu Höchstleistungen "treibt".
Ja, Amy Chua und ihre Eltern (Chua ist Juraprofessorin in Harvard, ihre Schwester Medizinprofessorin in Stanford, ihre Tochter Einserschülring, ihre andere Tochte hat zwei paraolympische Goldmediallien im Schwimmen) haben bewiesen das dies möglich ist. Ihre Tochter las mit 3 Jahren Sartre.
Dass jedes Kind im Grunde Einserschüler sein kann. Viele "schlichte" Menschen sind sich sicher, Mozart MUSS ein "Wunderkind" gewesen sein. Da vermute ich eher den Wunsch sagen zu können, man hatte halt "kein Glück in der Genlotterie", wenn das Kind oder man selbst z.B. im Supermarkt oder einem Handwerksberuf, Büro, Amt etc. als Lohnprostitierte(r) endet.
Man muss nicht alle Methoden von ihr gut finden, aber auch wenn man auf einiges verzichtet (erst auf Toilette wenn das Klavierstück fehlerfrei gespielt ist, etc.), sollte wohl jeder noch eine 2 im Schnitt erreichen können. In den USA gibt es eine Klasse, die wird in einer Studie für gute Leistungen bezahlt. Im Schnitt sind es laut durch ein Dokuteam befragte Schüler, 300 Dollar im Monat.
Was soll diese radikal Bildungsromantisch verklärte Vorstellung dass Kinder/Jugendliche das für irgendein undefiniertes höheres Ziel machen sollen? Komisch, bei den Erwachsenen im Berufsleben würde die Masse es seltsam finden, wenn ich fordere, dass der der jetzt evtl. 5000 Euro Brotto verdient, doch auch 1500 verdienen könnte. Schließlich geht es ums "höhere Ziel", und die Freude an der Arbeit sollte Lohn genug sein, und 1500 (OK, von mir aus 2000) Brutto reichen doch... Im Grunde denke ich auch so. Wer 6000 Netto verdient hat, muss ja nicht 1000 Netto bekommen, aber wenn der 6000er wegen seiner "Qualifikation" mehr bekommt, könnte der 1000er wegen seiner miesen nicht erfüllenden Arbeit mehr bekommen. Und wenn es nötig wäre, müsste der Gutverdiener weniger bekommen, damit der NIedrigverdiener mehr bekommt.
Ich fände auch nichts dabei, wenn ein Pilot 3500 Netto verdient, und eine Drohne im Supermarkt 2500 Netto.

Es ist einfach verwerflich, wenn es Kinder gibt, die im Supermarkt, Tankstelle, McDonalds, Büro, Amt, Knast etc. enden MÜSSEN. Das ist faktisch miese Arbeit, da muss man doch nichts schönreden. Fakt ist, wer so eine Arbeit hat, dessen Eltern sind schuldig.
Das gäbe wohl jeder auf, der zu ein paar mio Euro käme. Die Beste Definition von mieser Arbeit.
Ich lasse auch nicht diese asoziale "aber die brauchen wir doch auch"-Einstellung gelten. Das ist das Denken von vor 250 Jahren, vom Gesinde, von Leibeigenen. Geboren für die einfache Arbeit, "Gottes Wille".
Wie viele Drohnen die heute im Supermarkt etc. arbeiten, wären in einem anderen Haushalt wohl ein guter Wissenschaftler geworden? Den man evtl. zwingen muss den Jahresurlaub zu nehmen. Der heimlich unbezahlte Überstunden macht.

32 | Tobias Claren | 05. Okt. 2014 16:46

Teil 2v4

Welcher Salem-Schüler sagt sich nach dem Abitur "jetzt erfüle ich mir meinen Traum, und sitze bei Lidl an der Kasse und räume die Regale ein"? Ja, nicht mal Filialleiter wäre weniger mies als einfache Drohne. Auch Amtsleiter oder der von McDonalds propagierte "Chef über 40 Angestellte" (klischeehaft Squash spielend und für das "jeder kann es schaffen"-Bild mit türkischem Hintergrund) ist miese Arbeit.
Siehe "Das Märchen vom sozialen Aufstieg":
http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/panorama_die_reporter/Das-Maerchen-vom-sozialen-Aufstieg,pandr133.html

Es soll mal einen Online-Klon eines offiziellen IQ-Test im Internet gegeben haben. Leider wurde der entfernt.
Gibt es da noch so etwas in der Richtung? Mir ist das Urheberrecht egal, Ich frage hier nicht nach etwas, dass ich auch selbst kaufen könnte wie ein Computerspiel, eine BluRay etc..

In Finnland und Südkorea machen 96% das Abitur, in Deutschland sind oder waren es 33,3%.
Ja, exakt ein Drittel. Und das obwohl der IQ in Finnland im Schnitt bei 96 liegen soll. Und in Südkorea glaube ich bei 107. In Südkorea wird auch viel außerhalb der Schule unterrichtet.
Es gibt Abendschulen die auch schon mal von der Polizei gestürmt wurden ;-) . Man kann "Schlafärmel" kaufen, damit die Schüler im öffentlichen Unterricht auf dem Tisch den Kopf ablegen können. Die sollten in Südkorea besser die Schulpflicht abschaffen.
In Österreich muss ein Kind ja auch nur zu Kontrollen in eine Schule, und die Eltern können den Unterricht selbst organisieren. Übrigens ein Tipp für Deutsche Gegner der Schulpflicht. Sie müssen nicht in die USA auswandern, oder wie die Romaikes erfolgreich politisches Asyl beantragen. Was ich andererseits ganz gut fand, als Demütigung des Deutschen Staates.
Die USA haben das politische Asyl ja anerkannt. Und die Romaikes hätten neben Österreich auch so in die USA auswandern können. Aber sie wollten Deutschland diese Schmach bringen.


Übrigens:
EIne ganze Reihe Menschen entwickelte nach "Hirnschäden" nach Unfällen besondere Fähigkeiten.
Wenn man einmal heraus findet, woran es lag, könnte man diese "Verletzung" auch per OP herbeiführen. Und da ließe ich mir die Entscheidung auch nicht von einem Deutschen Ethikkommitee oder dem Gesetzgeber abnehmen, falls das z.B. die Chinesen anbieten werden.
Ich bezweifele doch, dass es Deutschland wagen könnte, in solchen Fällen dem Staatsbürger die Ausreise zu verweigern, den Pass einzuziehen etc.. Hier besteht ja keine Fremdgefährdung.
Ähnlich skandalös wäre es, wenn der Staat einen körperlich gesunden, aber des Lebens müden (weil er evtl. nur im Supermarkt arbeitet) Deutschen nicht zum Suizid in die Schweiz ausreisen lassen wollte. Den Fall gab es, aber der Deutsche hatte es geschafft auszureisen, und man gab ihm den Giftcocktail.

33 | kinder_ aktuell | 17. Okt. 2014 14:57

Ist jeder Hochleister hochbegabt?

Meine Antwort dazu unter: http://www.schicksal-hochbegabung.de/2014/10/ist-jeder-hochleister-hochbegabt/

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