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Choriner Höfe

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Gefälschte Flyer machen Stimmung gegen die Choriner Höfe

22.03.2011 | Juliane Wiedemeier | 16 Kommentare

In einer Wurfsendung fordert der Investor der Choriner Höfe Anwohner auf, als Hausmeister anzuheuern und wirbt für Umsiedlungen nach Hohenschönhausen - angeblich. Denn der Flyer ist eine Fälschung.



Logo und Tonfall sind gut getroffen. Das muss man dem bislang unbekannten Aktivisten lassen, der am vergangenen Wochenende in den Briefkästen rund um die Choriner Straße eine zweiseitige Wurfsendung hinterließ. Angeblicher Absender: die Investorengemeinschaft Diamona & Harnisch, die derzeit an der Choriner Straße ein riesiges Neubauprojekt, Choriner Höfe genannt, realisiert.

Auf den ersten Blick wirkt der Flyer nicht nur echt, sondern vor allem harmlos. Für den kommenden Sonntagvormittag wird zu einem „Frühlingsempfang mit Champagner und einer kleinen Überraschung" eingeladen, um sich für das Verständnis für die Baumaßnahmen zu bedanken. Doch der dann folgende Text hat es in sich.

 

Sanierung der umliegenden Häuser, Nachbarn können als Hausmeister anheuern

 

So ist zu lesen, dass mit dem Abschluss der Bauarbeiten an den Höfen und dem Einzug der neuen Bewohner der Aufwertungsprozess nicht abgeschlossen sei. „Einige nicht sanierte Häuser in unserer gemeinsamen Nachbarschaft passen jetzt nicht mehr in das neue, gehobene Erscheinungsbild unserer Straße", heißt es. Daher habe man sich bereit erklärt, die unansehnlichen Gebäude zu erwerben und stilgerecht zu sanieren. Zudem solle auf dem Teutoburger Platz ein abgeschirmter, nur Mitgliedern einer Initiative vorbehaltener Spielplatz entstehen, auf dem Kleinkinder von mehrsprachigem Personal betreut und vor unkontrollierbaren äußeren Einflüssen bewahrt würden.

Man wolle jedoch auch sozial schwächer gestellten Menschen ein Leben in der Nachbarschaft ermöglichen, heißt es weiter: „In naher Zukunft entstehen neue, qualifizierte Arbeitsplätze für Servicekräfte in den Bereichen Securitiy, Facility Management, Gastronomie, Grünanlagenpflege und Housekeeping." Selbst an diejenigen, die die durch die Aufwertung des Quartiers zwangsläufig steigenden Mieten nicht mehr zahlen könnten, sei gedacht. „Durch die langjährigen Investitionen von Diamona & Harnisch in Nachbarbezirken wie Lichtenberg und Hohenschönhausen können wir adäquate Wohnalternativen anbieten."

 

Sechzig Anrufe irritierter Anwohner beim Investor

 

Als Kontaktmöglichkeit auf dem Flyer angegeben ist eine Telefonnummer, unter der sich tatsächlich ein Mitarbeiter von Diamona & Harnisch meldet. „Das ist ein Fake", sagt er gleich - schon zum 60. Mal am heutigen Tag, wie er hinterherschiebt. „Den meisten Anrufern war bewusst, dass es sich bei dem Brief um eine Fälschung handelte. Sowas passiert manchmal", meint er. Die Vorurteile, die hier erkennbar würden, könne er aber nicht ganz nachvollziehen. Schließlich seien es vor allem junge Familien, die sich in den Choriner Höfen den Traum vom Eigenheim erfüllten. „Die fahren mit dem Fahrrad und nicht mit dem Porsche vor." Ob die Guerilla-Aktion Konsequenzen haben werde, könne er noch nicht sagen.

Einer der ersten, der den Flyer nicht nur bemerkte, sondern sich öffentlich dazu äußerte, war Rico-Thore Kauert. „Am Sonntag habe ich den Zettel im Briefkasten gefunden und mich so über die Dreistigkeit dieses Briefes geärgert, dass mir zunächst entging, dass es sich dabei um eine Fälschung handelte", sagt er. In seinem Blog machte er seinem Ärger Luft - mittlerweile hat er den Beitrag wieder offline genommen.

 

„Layout, Sprache - das klang plausibel"

 

„Der Flyer ist ziemlich gut gemacht, und auch die übliche PR-Sprache sehr gut getroffen", meint er. „Das klang plausibel." Andere Anwohner, mit denen er gesprochen habe, hätten das ähnlich gesehen. „Irgendwann rief dann aber die Agentur der Investoren bei mir an und klärte mich über die Fälschung auf - im Nachhinein frage ich mich natürlich, warum ich das nicht gleich bemerkt habe."

Wer hinter der Aktion steckt, ist bislang nicht bekannt. „Einer der üblichen gefrusteten Anwohner", meint der Mitarbeiter des Investors. Auch Kauert hat keinen konkreten Verdacht, vermutet aber, dass der Zeitpunkt mit den Baumfällungen in der Kastanienallee 63 zusammenhängen könnte. Auch dort heißt der Investor nämlich Diamona & Harnisch.




Kommentare

1 | Theo Koerner | 22. Mär. 2011 10:08

Haben die Urheber ihren Absender hinterlassen? Kann sehr gut sein, durch Papiercodes.

Derzeit wirkt es eher wie ein zu früh geschalteter Aprilscherz, wo man nicht weiss, wie weit die Betroffenen gehen wollen. Andererseits ist es klarer Identitätsmissbrauch. Möglicherweise kann man die Urheber ermitteln:
http://www.tagesspiegel.de/berlin/angst-vorm-kopierer/3872066.html

2 | Embonpoint | 22. Mär. 2011 11:30

Wenn die Zugezogenen alte Wohnungen übernehmen, passt's der Kiezguerilla nicht. Wenn sie neue Häuser bauen (lassen), passt es auch nicht. Man will in seinem Inzuchtsumpf unter sich bleiben.

3 | Conrad | 22. Mär. 2011 14:06

@embonpoint: Inzucht ist ja häufiger verbreitet in ruralen Gegenden, oder?...Nun bleibt noch die Frage zu klären, wer hier einen "Inzuchtsumpf" etabliert, die entmischte bourgeoise Blase oder die, die sich darüber wundern...Keinen meiner über die Jahre liebgewonnenen und die Gegend bereichernden Zugezogenen hier in Prenzlauer Berg möchte ich missen, bei Leuten wie ihnen wünschte ich mir allerdings, sie zögen zurück in ihren Inzuchtsumpf und suchten dort die Befriedigung ihrer künstlichen Bedürfnisse...Bereicherung hat nämlich nichts mit dem Konto zu tun...Erstmal den Kopf anschalten, dann das Notebook...

4 | Embonpoint | 22. Mär. 2011 16:45

Touché?

5 | Conrad | 22. Mär. 2011 17:59

Selbstüberschätzung?

6 | Embonpoint | 22. Mär. 2011 19:48

Nö.

7 | RaBe | 22. Mär. 2011 23:36

-to embonpoint dingsbumms-

mmhhhhh,

einsilbigkeit hat schon watt für sich,

besonders in ansichtsweisen, falls weise zutreffen sollte ;-)))

dem artikel und seinem faktum ist ein wahrheitsgehalt

nicht abzusprechen,

dritter fall präservativ ;-)))

bitte benutzen sie diesen, damit ihre vermehrung sich in grenzen hält,

;-))) dit ist lustig gemeint ...

eure gesundheit ist euch bestimmt ooch wichtig oder ?

... RaBe





8 | Daniel | 23. Mär. 2011 01:21

„Durch die langjährigen Investitionen von Diamona & Harnisch in Nachbarbezirken wie Lichtenberg und Hohenschönhausen können wir adäquate Wohnalternativen anbieten."

Dieser Satz allein spricht für eine satirische Urheberschaft der Flugschrift - seit wann "investiert" das Finanzkasino sozial nachhaltig - wenn sich der Prenzlauer Berg doch so gut anbietet um fette Beute zu machen. Bzw., wenn der Prenzlauer Berg von der Politik so wohlfeil angeboten und ausverkauft wird. Kolle Belle, Prenzlauer Paradiesgärten, Marthashof, Diamona $ Harnisch, Kastanienallee 97, vivico im Mauerpark ... ohne tätige Schützenhilfe der Lokalpolitik nicht denkbar.
Grün adé, her mit dem Beton.

9 | Andrej Holm | 23. Mär. 2011 11:14

Im Text wird eine Anwohner zitiert:
„Der Flyer ist ziemlich gut gemacht, und auch die übliche PR-Sprache sehr gut getroffen", meint er. „Das klang plausibel." Andere Anwohner, mit denen er gesprochen habe, hätten das ähnlich gesehen. „Irgendwann rief dann aber die Agentur der Investoren bei mir an und klärte mich über die Fälschung auf - im Nachhinein frage ich mich natürlich, warum ich das nicht gleich bemerkt habe."

Versuch einer Antwort auf seine Frage:
Eine Fälschung ist eben nur so gut, wie es ihr gelingt die Vorstellungen und Erwartungen der Adressaten zu bedienen. Das dies im vorliegenden Fall mit einer überzogenen Form der sozialen Arroganz gelungen ist, zeigt wohin die Reise in Prenzlauer Berg geht. Das Problem ist also weniger der Akt der Fälschung als vielmehr seine offensichtliche Realitätsnähe.

Weiterlesen auch unter:
http://gentrificationblog.wordpress.com/2011/03/23/berlin-luxuswohnprojekte-verunsichern-die-nachbarschaft/#more-2897

10 | jonny | 23. Mär. 2011 15:36

1. Ich fände es mal gut einen genaueren Blick auf den Bauträger zu werfen. Ich habe schon öfter Negatives über ihn gehört, was z.B. sein Umgang mit von ihm beauftragten Firmen betrifft. Wäre interessant zu erfahren, ob es mehr Infos über nicht saubere Geschäftspraktiken des Bauträgers gibt. Könnten die Prenzlauerber Nachrichten da nicht ein bißchen recherchieren?

2. Nach meiner Kenntnis trägt der Bau von neuen Wohnungen auch zu einer Anhebung des Mietspiegels bei und damit auch zu höheren Mieten bei Neuvermietungen. Das ist zwar eigentlich ein Mietrechtsfrage, aber der Akteur ist hier konkret natürlich erstmal der Bauträger. Und auch die offenbar mit ausreichend Kapital (meistens ist das ja geerbtes Kapital) ausgestatteten KäuferInnen der Wohnungen tragen damit aktiv zu höheren Mieten im Kiez bei.

3. Ich bin mir nicht sicher, ob solche Fake-Aktionen das erreichen, was sie, wie ich vermute, eigentlich bezwecken sollen. Solche Aktionen können auch als eine sich selbst-erfüllende Propheizeiung in Richtung sozialchauvinistischer Zuziehender wirken.

11 | Ulrich Stielau | 23. Mär. 2011 17:35

Es ist schon verständlich, dass sich Einwohner gegen solche Projekte wehren und ich finde dies auch eine ziemlich originelle Art.

Es war ja in Berlin schon oft genug zu beobachten, dass sich in "verlotterten" Bezirken Menschen zusammengefunden haben, die dort ihre Lebensart gelebt haben und auf ihre Weise den "Kiez" aufgewertet haben. Plötzlich wurden dann diese Bezirke zu "In-" Bezirken und es zog die Söhne und Töchter reicher Eltern dorthin, die sich in der Szene wohlfühlen, aber nicht bereit sind, sich für deren Erhalt zu engagieren. So wandelt sich der angesagte Bezirk zu einem teuren Pflaster in dem diejenigen, die ihn so begehrenswert gemacht haben, keinen Platz mehr finden.
Das ist schade und ungerecht, aber in dieser neoliberalen vom Geld regierten Welt auch nicht anders zu erwarten. Es tröstet mich, dass diese Bezirke mit dem Steigen der Mieten gleichzeitig ihre Attraktivität verlieren. Lebensqualität lässt sich eben nicht kaufen, man muss sie sich erhalten.
Und der Bezirk muss sich überlegen, was er sein will: kulturelle Oase oder langweiliger Edelbezirk.
Meine Band jedenfalls ist schon weg: www.auchgut.net

12 | RaBe | 25. Mär. 2011 01:01

hi greg,
dit schlimme ist,
es werden alle lücken mit beton zugeballert und
es gibt keine kleinen sporthallen mehr,

ick frag mich,
die kinder der janzen neu-eltern werden auch älter ...
bzw. jugendlich, ... hoffentlich mit sport ;-)))
aber ...
die größte sorge bereitet mir der gedanke,
dass diese kinder irgendwann im pupertärem alter wieder mal ...
komplett anders sein wollen als ihre eltern .... ????
und dann gibt es keine jugendräume, keine sporthallen, keine öffentliche räume für diese kinder, ... sonden nur eigentumsshit,
mmmhhhhhhhh ....

13 | pip | 25. Mär. 2011 17:13

danke, für eure treffenden kommentare. wär schön, wenn die prenzlauer berg nachrichten da auch etwas kritischer wären und den beitrag nicht mit dem statement „einer der üblichen gefrusteten anwohner" enden ließen. offensichtlich haben wir nicht nur keine möglichkeit, auf den uns umgebenden bauwahnsinn einzuwirken, sondern darüber hinaus auch keine berechtigung, kritik zu äußern und für den erhalt der grundatmosphäre in unserem bezirk zu kämpfen. ich habe es inzwischen reichlich satt, nur als quengelndes kind hingestellt zu werden, weil ich am kürzeren hebel sitze. um es mal mit judith holofernes zu sagen: ich glaube es hackt!

14 | Icke | 30. Mär. 2011 02:31

tscha. die prenzlberg nachrichten trauen sich halt nich kritisch zu sein. über die schönen, kleinen, hilfsbedürftigen dinge wollen se nich berichten aus der angst heraus käuflich zu sein, aber mit den dickfischen wolln se sich nich anlegen um potenzielle geldgeber nich zu verschrecken. sind halt ooch allet nur zujezogene, als der kiez bereits durchpastellisiert war. wat will man da erwarten?

15 | Nachname (Optional) | 06. Apr. 2011 13:13

@ pip: "... wär schön, wenn die prenzlauer berg nachrichten da auch etwas kritischer wären und den beitrag nicht mit dem statement „einer der üblichen gefrusteten anwohner" enden ließen ..."

Jahhh, dit is wohl ne handwerkliche Frage,
denkt sich ein wie üblich gefrusteter Leser.

@ Icke: "sind halt ooch allet nur zujezogene, als der kiez bereits durchpastellisiert war. wat will man da erwarten? "

Durchpastellisiert: sehr schön! Und um es den
Fans der Bonbonfarben mal mit Dieter Nuhr zu sagen:
Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal ... !

16 | Bauernbub | 15. Jun. 2011 12:37

DAS ist mal eine Kulturkritik mit Format! Es würde mich nicht wundern, wenn das von einem "Stutti" käme, der mit Firmen wie Diamona und Harnisch gut vertraut ist, und so den richtigen Ton trifft.

Ich kann mich nur wundern, wenn hier Leser dienstbeflissen aufklären, wie man des ach so schlimmen Täters habhaft werden kann, oder Mutmaßungen anstellen, "wie weit so jemand wohl noch geht". LOL

Das mit dem Flyer fällt unter Satire, ist ganz offensichtlich Kunst und mit Sicherheit nicht strafbar. Auch spricht das eine ganz andere, weit intelligentere Sprache als das tumbe Anzünden "teurer" Autos.

Solange die Menschen in Berlin es nicht gebacken kriegen ZIVILISIERT zu protestieren und effektiven Schutz der Bevölkerung vor zu stark ansteigenden Mieten auf den Weg zu bringen ist klar, was geschieht:

Die "Armen" werden verdrängt. Dies ist aber nicht alleine in der Verantwortung der "Reichen". Denn daß der, der Geld hat dafür was Schönes kaufen möchte, ist wohl auch für einen "Armen" nichts Neues.

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