Der Ofen bleibt an

von Juliane Schader 18. Januar 2012

Eine ließ sich bislang nicht verdrängen aus Prenzlauer Berg: Die Ofenheizung. Über schöne Wärme, falsche Romantisierungen und eine Segnung der Menschheit namens Zentralheizung.

Über der Pappelallee hängen schwarze Rauchschwaden. Der beißende Geruch von frisch Verbranntem liegt in der Luft. Die Tram verschwindet Richtung Eberswalder Straße in einer Wolke. So hat er wohl ausgesehen, der sagenumwobene, stets Kohle-beheizte Prenzlauer Berg der Vorwendezeit. Doch wir schreiben das Jahr 2012, und da die Feuerwehr keinen Großbrand meldet, scheinen es tatsächlich die Ofenheizungen der angrenzenden Häuser zu sein, die diesen Zustand zu verantworten haben. Und das mitten im Kiez der vermeintlichen Luxussanierungen.

Denn es gibt sie noch, die guten alten Kohleöfen, auch wenn ihre Anzahl in den vergangenen Jahren stetig rückläufig war. „In den Sanierungsgebieten des Prenzlauer Bergs wurden vor der Wende 90 Prozent der Wohnungen mit Kohle beheizt“, sagt Heinz Lochner von der Gesellschaft für behutsame Stadterneuerung (S.T.E.R.N). Heute seien es vielleicht noch ein Prozent, aber ganz ausgerottet sei diese Heizart noch nicht. „Genaue Zahlen dazu haben wir aber nicht.“

 

OH, das Zeichen für schöne Wärme und niedrige Mieten

 

„Der Einbau einer Zentralheizung ist meistens eine Frage des Komforts“, meint Lochner. Er wisse jedoch von Einzelfällen, in denen auch nach der Sanierung Mieter erfolgreich auf der Erhaltung ihrer Ofenheizung bestanden hätten – um die Mieten zu drücken, oder weil sie auf die angenehme Wärme dieser Heizungsart nicht verzichten wollten. „Eine rechtliche Auflage, die Öfen etwa aus Gründen des Umweltschutzes abzuschaffen, gibt es nicht. Da reicht eine Nachrüstung mit einem Feinstaubfilter.“

Peter Handtke hat seinen Brennstoffhandel in der Anklamer Straße von seinem Vater geerbt. Seit den 1940er Jahren gibt es das hinter dem Zionskirchplatz in Mitte gelegene Kohlelager; in diesem Jahr werde aber wohl Schluss sein, meint Handtke. „Wir beliefern Haushalte mit Kohleöfen in ganz Berlin. Mittlerweile ist die Nachfrage auf zehn Prozent des Niveaus zur Wendezeit eingebrochen.“ Dennoch bestätigt auch er, wovon auch das weiterhin vorhandene Angebot an Briketts in den Supermärkten des Prenzlauer Bergs noch kündet: „Ganz ausgestorben ist die Ofenheizung nicht.“

Sein Ladengeschäft wird Handtke vermutlich dennoch aufgeben – die Miete in der Anklamer Straße sei einfach zu teuer. „Vielleicht machen wir aber auch ohne das Zwischenlager weiter“. Die letzte Entscheidung sei da noch nicht gefallen.

 

Keine falsche Romantisierung von Ofenheizungen!

 

Die Ofenheizung, die in Prenzlauer Berg zum Mythos gehört wie das Außenklo, wehrt sich also gegen ihre endgültige Vertreibung. Ein Umstand, der beim Pankower Stadtrat für Stadtentwicklung Jens-Holger Kirchner (Grüne) auf gar kein Verständnis stößt. „Für die Romantisierung einer ökologisch bedenklichen Rückständigkeit habe ich keinerlei Verständnis“, meint er. Wer einmal erlebt habe, was es bedeutet, morgens um fünf aufstehen und den Ofen anheizen zu müssen, für den sei die Zentralheizung eine der Segnungen der Menschheit. „Man kann in Prenzlauer Berg viel über Gentrifizierung diskutieren. Aber die Abschaffung der Kohleheizung hat damit gar nichts zu tun.“

Zahlen, in wie vielen Wohnungen auch in diesem Winter trotz aller Vorbehalte und Veränderungen noch mit Kohle geheizt wird, hat auch der Stadtrat nicht. Die Schornsteinfegerinnung als letzte Anlaufstelle für derartige Informationen war bislang nicht erreichbar. Doch dass es sie nocht gibt, das ist eindeutig: Man riecht’s.

 

 

 

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