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Alltag

Hufelandstrasse La Tazza

Alltag | Glosse

Bötzow-Blues

09.12.2010 | Peter Dausend | 6 Kommentare

Peter Dausend schreibt über sein Lebensgefühl in Prenzlauer Berg und wie es ist, wenn man aus der Zeitschrift Geo erfährt, was einem dabei alles fehlt.

Ach, was haben wir doch verpasst, wir grundsanierten Bionademenschen! Wir haben das Früher verpasst, das Damals, die Zeit also, als es in der Hufelandstraße noch die Gardinenspinnerei gab und den Laufmaschenladen. Als die alten Linden unseren Kiez noch tief in in seiner Geschichte verwurzelten, als unser Ostberliner Gründerzeitviertel so gänzlich unberührt blieb von allen sozialistischen Plänen der neuen Stadt. Und von allen Schwaben. Als der Krieg - wie authentisch! -  noch in den Einschusslöchern der grauen Häuserwände sichtbar war. Als Friede Pilzecker - wie menschlich! - noch persönlich beim SED-Bürgermeister um eine Erhöhung der Ölsardinen-Zuteilungen nachfragen konnte. Als hier - wie skurril! - noch schwule Kellner, gelernte Eisenbieger und ein Klavierstimmer lebten, der mit seinem Mercedes-Diesel aus den 30er Jahren immer nur im Kreis fuhr. Kurzum: Als der BötzowKiez noch nicht so wessihaft aufgehübscht vor sich hinprotzte, sich noch nicht so neubürgerlich-grün herausgeputzt hatte, noch nicht so nach der durchgestylten Outdoor-Variante von Schöner Wohnen aussah. Dafür hatte er aber im Überfluss das zu bieten, was ihm nun so schmerzlich fehlt: Substanz.

Und heute? Und heute ist alles ausgetauscht: Fassaden, Geschäfte, Menschen. Überall nur Umstandskleidung und  Kindermode. Nur Spielzeugläden mit Laufrädern aus Holz, Cafés mit zahlosen Müslivariationen, Hochleistungs-Kitas für  Wunderkinder. Und überall nur Kreativwirtschaftler mit ihren Laptops, den Ray-Ban-Sonnenbrillen und den Adidas-Retro-Turnschuhen, die beim Latte macchiato irgendwelche Projekte besprechen, für die sie von wem auch immer so unverschämt viel Geld bekommen, dass sie sich das alles leisten können: das dritte Holzlaufrad, den vierten Latte, die kernsanierte Eigentumswohnung, das Leben im In-Kiez, die Verdrängung der anderen. Und Linden gibt es auch kaum noch, sind längst Platanen gewichen. Die wachsen einfach schneller. Was passt auch besser zu einem Viertel ohne Substanz als ein Baum ohne Geschichte?

So oder so ähnlich lautet das Klischee über das Leben im Bötzow-Viertel. Nachzulesen ist es in der Titelgeschichte der Oktober-Ausgabe von Geo. Darin wird die postsozialistische Verwandlung der Hufelandstraße beschrieben, ihr Werdegang vom heruntergekommenen Straßenzug mit Gehalt zum aufgedonnerten ohne. Und nachzuhören ist das Klischee in der jüngsten Parteitagsrede von Sigmar Gabriel. Für den SPD-Chef braucht der Bewohner  des Prenzlauer Berges im Allgemeinen nur drei Dinge, um eins zu sein mit sich und der Welt: Latte macchiato, Bionade und einen Stimmzettel, auf dem er die Grünen ankreuzen kann.

Es wäre also kein Wunder, wenn wir Bötzow-Kiez-Bewohner angesichts all dieser Negativ-Beschreibungen nun von Selbstzweifeln befallen würden. Wenn wir uns schlechten Gewissens fortan als geistige Invasions-Schwaben mit Hang zum Drittkind fühlen. Als Klavierstimmer- und Eisenbiegerverdränger, die ihr substanzloses Dasein mit überteuerten Lifestyle-Getränken und edlen Bioprodukten garnieren, die reich und borniert genug sind, um sich Renate Künast zu leisten und deren Selbstverständnis als weltoffene, tolerante Globaldorfbewohner nur dadurch je auf die Probe gestellt wird, dass sie Leute ertragen müssen, die genauso viele Veganer-Kochbücher besitzen wie sie selbst. Ach, wie ist es doch so so gnadenlos eintönig, so uniform grün in grün, unser Leben in Klon-City.

Wer nun Anzeichen dieser Selbstzweifel verspürt, der kann sie auf zweierlei Art bekämpfen. Bei der ersten sollte der Selbstzweifler gezielt Laptop und Ray-Ban-Brille in seiner Eigentumswohnung mit Dachterrasse vergessen und dann das einzige Haus ansteuern, das in seiner Straße noch nicht saniert ist. Nicht nur die Bötzowstraße, jede Bötzow-Straße hat ein solches Haus. Sieht so manch abgebröckelter Putz nicht aus wie ein Original Einschussloch aus WWII?  Und ist es - mit ein wenig Phantasie - nicht auch möglich, im erstbesten Passanten den gelernten Eisenbieger zu erkennen? Man muss ihm ja nicht gleich auf die Adidas-Retro-Füße schauen. Schwule Kellner findet man eh überall, warum also auch nicht in einem der Cafés entlang der Hufeland? Dort angekommen übersieht der Selbstzweifler geflissentlich Angebote wie „Handgeschrotetes Müsli", „Fußbemalte Vollwert-Croissants" sowie den „Dialog von Yoghurt und Feige" - Menschen, die den Bötzow-Kiez nicht kennen, wissen genau, dass es sowas dort gibt - und bestellt beherzt drei Ölsardinen mit Sättigungsbeilage. Und wenn er sich dann noch die gegenüberliegende Saftbar als Getränkestützpunkt imaginiert, den Unterschied zwischen Linde und Plantane ohnehin nicht kennt,  im Buchladen um die Ecke sich nach Literatur über Laufmaschen und Gardinenspinnen erkundigt, spürt er, wie alle Selbstzweifel verfliegen und langsam, das in ihm aufsteigt, was einst mit dem SED-Bürgermeister unterging: die Substanz.

Für Leute, denen das zu aufwendig erscheint, gibt es die zweite Methode. Rausgehen, sich umschauen - und einfach zuhause fühlen.     

Kommentare

1 | maxberlin Nachname (Optional) | 11. Dez. 2010 17:04

Sehr schöner Artikel. Ich bekenne mich schuldig - bin auch aus dem weiten Westen zugewandert. Mittlerweile lebe ich aber länger in Berlin als ich je in einer anderen Stadt gelebt habe. Ich bin hier genauso zu Hause wie der Eisenbieger oder die Dame in der Wohnung gegenüber, die seit 1953 in meinem Haus lebt. Wir schreiben das Jahr 2010 und ob einer nun Ostberliner ist oder von sonstwo zugewandert, sollte eigentlich keine Rolle mehr spielen. Ich spüre im Alltag nichts davon. Man muss wohl Geo-Redakteuer von weit weg sein, um diese Beobachtungen zu machen.

2 | Theo Koerner | 18. Dez. 2010 18:26

Sicherlich, der Ideologie des "Geo-Autors", dessen Namen ich gar nicht wissen will, kann man nur mit Gleichgültigkeit oder famoser Ironie begegnen; letzteres hat Peter Dausend leicht erreicht.

Aber das Wesentliche des GEO-Artikel ist - und hier geht es auch um Anerkennung und Gerechtigkeit -, dass Harf Zimmermann mit seinen Fotos wunderbare, tief beeindruckende Zeitdokumente geschaffen hat. Das ist die eigentliche Leistung!

Der Artikel wird vergessen werden. Die Fotos von Harf Zimmermann werden bestehen. Das ist eine Arbeit, wie sie nur ganz selten im Leben gelingt.

3 | Leserbrief | 29. Dez. 2010 13:45

Leserbrief von Herrn Tom Hirschmüller


Sehr geehrter Herr Dausend,
 
angeregt durch einen Beitrag in der Berliner Zeitung vom 23.12.2010 fühle ich mich regelrecht herausgefordert- selbstredend nachdem ich Ihren dazugehörigen Artikel gelesen habe- mit meinen Gedanken darauf zu reagieren. Sehen Sie, die Menschen sind auch nach über 20 Jahren politischer Wende noch ob sie es wollen oder nicht durch ihre unterschiedliche Sozialisation geprägt. Das ist per se ja erst mal nicht unbedingt negativ zu bewerten. Ihrem Bild nach dürften Sie sogar noch ein wenig jünger sein als ich ( Jahrgang  56 ) und sind somit mit der Zweistaatlichkeit Deutschlands aufgewachsen. Sie hatten das- ich nenne es hier mal "Glück"- auf der richtigen Seite mit allen Vorzügen der Demokratie aufzuwachsen. Mir war dieses nicht beschieden und ich durfte die Auswirkungen der Mangelwirtschaft am eigenen Leibe wie viele meiner ostdeutschen Landsleute spüren. Wie leidensfähig man sein konnte erlebe ich heute tagtäglich bei den vielfältigen Problemen, die eigentlich typisch für den real existierenden Sozialismus waren, aber nicht vorstellbar im realen Kapitalismus sind. Aber ich schweife ab. Ich habe den Artikel in der GEO nicht gelesen, somit werde ich auch dazu keine Aussagen treffen. Auf Ihre Reaktion darauf, die Sie vermutlich persönlich getroffen haben dürften, allerdings.
Vielleicht zum besseren Verständnis kurz zu meiner Person: ich bin seit gut 25 Jahren Taxifahrer in Berlin - Ostberlin, um genau zu sein -, habe also schon vor der Wende Einblicke in die Kieze und deren Bevölkerungsstruktur bekommen. Sie werden es mir vielleicht nicht unbedingt abnehmen, aber glauben Sie mir: sogar der gemeine Ostberliner fand den Prenzlauer Berg, Mitte, Friedrichshain mit seiner immer weiter verkommenden Baustruktur nicht sehr attraktiv, nein! Im Gegenteil! Die waren  Menschen glücklich , sollten sie die Möglichkeit bekommen eine Neubauwohnung in Marzahn oder Hellersdorf zu beziehen. Egal, wie auch das Umfeld aussah, es war allemal besser als das was sie bis dato hatten. Nun kam also 89 , die Menschen hatten Hoffnung nun wird sich etwas bewegen in ihrem Leben. In der Tat, es kamen erst die Kreativen, die mit Geld, Connections, Motivation, vielleicht auch von allem ein bisschen den Bezirk umkrempeln wollten. Zu der Zeit sind Altbewohner noch freiwillig abgehauen. Dann kam sehr schnell die Stunde der Heuschrecken. Die Motivation derer bestand darin, mit den nötigen Connections und dem dazugehörigen Kleingeld - zum großen Teil auch gesponsert durch die KfW innerhalb des Förderprogramm Stadtumbau Ost - ganz schnell den Strukturwandel zu beschleunigen. Sollten Sie sich wirklich mit Ihrem Kiez identifizieren, sollte Ihnen auch nicht entgangen sein, dass der Bevölkerungsaustausch seit 1992 mit 83% eine Dimension erreicht hat, die Sie als Neuberliner vermutlich gar nicht verstehen können. Die Altbevölkerung hatte nur noch in geringer Anzahl die Möglichkeit sich den neuen Gegebenheiten des Marktes anzupassen. Ich sehe Ihnen jetzt förmlich an, ja, so what, das ist nun mal Marktwirtschaft, was will er jetzt damit sagen? Ich will damit sagen, natürlich brauchen Sie persönlich sich nicht die Jacke anziehen , die man Ihnen überhelfen will. Sie und Ihre Neu-Mitbewohner im Prenzlauer Berg sind allerdings mittelbar ... nun ja, man könnte sogar sagen schuld an der Entwicklung, indem Sie einfach die Bedingungen, die für Sie möglicherweise sogar noch als günstig anzusehen waren akzeptiert haben. So funktioniert der Markt, haben selbst wir in der Schule gelernt.
Die Quintessenz aus der Entwicklung dieses ehemals Urberliner Stadtbezirks ist, dass für mich dieser Bezirk inzwischen zu einem externen Ableger eines Konglomerats von München, Stuttgart, Düsseldorf geworden ist und mit Berlin nur noch die Lage im gemeinsamen Stadtgebiet teilt. Als guter Demokrat beuge ich mich also Mehrheitsverhältnissen und akzeptiere demütig die neuen Umstände. Nur gegen eins werde ich weiterhin allergisch reagieren, wenn mir Neuberliner erklären, wie Leben in Berlin funktioniert...
 
Mit freundlichen Grüßen
 
Tom Hirschmüller
 
PS:  In einem früheren Leben war ich auch mal Klavierstimmer, ein sehr ehrenwerter Beruf und wie vieles früher ein richtiger Mangelberuf, aber das ist eine andere Geschichte...

4 | Hans-Otto Bredendiek | 02. Jan. 2011 20:45

"Peter Dausend ... Der gebürtige Saarbrücker lebt seit ... mehr als
sieben Jahren im Bötzow-Viertel. Und zwar so, wie es sich gehört: mit Frau, zwei Kindern und jede Menge Milchschaum vorm Mund."

Warum gehört sich das so??? Ich wohne seit 1964 hier - seit 1989 mit Frau und drei Kindern - und kann nicht sagen, daß in der ganzen Zeit in der ich hier lebe der "Milchschaum vorm Mund" charakteristisch für das Bötzowviertel war. 

5 | Theo Koerner | 04. Jan. 2011 19:39

Werter Hans-Otto Bredendiek, die Nummer mit dem Milchschaum ist einfach nur Teil der Ironie, Teil seiner Glosse. Manche wollen den Milchschaum negativ bewerten, Dausend will ihn positiv bewerten. Haben Sie bitte keine Angst vor Milchschaum-Kontrolleuren in der Hufeland.

Ich würde einen Satz von Dausend als vollkommen ironiefrei werten: "Rausgehen, sich umschauen - und einfach zuhause fühlen" und das ist vermutlich ein Grund, warum Sie hier seit 1989 wohnen.

6 | Nachname (Optional) | 06. Apr. 2011 12:37

@Theo Koerner:
"... Milchschaum ist einfach nur Teil der Ironie ..."
Erklärte Witze sind selten gut, Witzeerklärer immer furchtbar.

"... Milchschaum ... Dausend will ihn positiv bewerten ..."
Originell! Das hat noch keiner versucht! Respekt!

"... Angst vor Milchschaum-Kontrolleuren ..."
... hat keine Sau! Vollkommen ironiefrei: Setzen! Sechs!

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